Hannover

Niki. Kusama. Murakami. Love You For Infinity

Takashi Murakami, 3-Meter girl (Detail), 2011, Astrup Fearnley Museet, © Takashi Murakami, Kaikai Kiki Co. Ltd.. Foto: Sprengel Museum Hannover
Alles so schön bunt hier: Das Sprengel Museum präsentiert die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle gemeinsam mit den Japanern Yayoi Kusama und Takahashi Murakami. Diese farbenfrohe Zusammenstellung geizt nicht mit Oberflächenreizen zwischen Kitsch und Kommerz: Glitzer geht immer.

Als hätte sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt: Normalerweise ist das Sprengel Museum – eingedenk seines Standorts im nüchternen Hannover – auf eher spröde und kopflastige Kunst abonniert. Doch plötzlich sieht alles anders aus: Der Eingang zur Sonderausstellung glänzt in Gold und Silber, schimmert dazu in allen Farben. Es wirkt, als hätte Donald Trump, der bekanntlich alles kann, nun auch noch dieses Hauses nach seinem Geschmack umgestaltet: in eine Mischung aus Kinderzimmer und Freizeitpark.

 

Info

 

Niki. Kusama. Murakami.
Love You For Infinity

 

06.09.2025 - 14.02.2026

 

täglich außer montags 10 bis 20 Uhr,

donnerstags + sonntags bis 18 Uhr

im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover

 

Katalog 39 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Obwohl hier nicht Marvel- oder Disney-Superhelden zu sehen sind, sondern Werke der französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) gemeinsam mit solchen von Yayoi Kusama (geb. 1929) und Takashi Murakami (geb. 1962). Der Anlass für diese Farbexplosion ist vergleichsweise konventionell: Vor 25 Jahren schenkte Saint Phalle dem Museum mehr als 400 Arbeiten, weshalb das Sprengel die größte Sammlung ihrer Werke weltweit besitzt.

 

Drei „Nanas“ seit 1974 am Leibnizufer

 

Was verblüfft: Wie kam es dazu? Warum vermachte eine schillernde Künstlerin hochadliger Abstammung, in Paris geboren und später in New York, der Schweiz und Kalifornien lebend, ihren Nachlass der biederen niedersächsischen Landeshauptstadt? Wie der Kunstbetrieb so spielt: Im dortigen Kunstverein hatte Saint Phalle 1969 eine ihrer ersten Ausstellungen in Deutschland. 1974 wurden am dortigen Leibnizufer drei ihrer überlebensgroßen „Nana“-Figuren aufgestellt. Ob sie stehen bleiben sollten, war sehr umstritten, doch sie durften es.

Feature zur Ausstellung. © h1


 

Auf der „Niki-de-Saint-Phalle-Promenade“ flanieren

 

Damals lernte Saint Phalle den langjährigen SPD-Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg kennen, der von 1972 bis 2006 amtierte. Beide verstanden sich prächtig; 1999 erhielt die Künstlerin den Auftrag, die Grotten im Barock-Garten von Hannover-Herrenhausen auszugestalten. Im November 2000 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt ernannt; die Schenkung war also ihre Gegengabe. Nach ihrem Tod wurde zudem die Passerelle-Einkaufspassage in der City in „Niki-de-Saint-Phalle-Promenade“ umbenannt.

 

Eigentlich sollte ein geplanter Ergänzungsbau im Sprengel Museum eine Dauerausstellung ihrer raumgreifenden Arbeiten erlauben. 2016 wurde dieser Erweiterungstrakt fertig, doch er wird seither anderweitig genutzt. Möglicherweise soll das die jetzige Jubiläumsschau kompensieren; darauf deutet die Opulenz ihrer Inszenierung hin.

 

29-Meter-Frau durch Vagina betreten

 

Wobei die Exponate nicht chronologisch, sondern nach Themenräumen mit Allerweltsbegriffen wie „Liebe“, „Sexualität“, „Vergänglichkeit“ oder „Kommerz“ angeordnet sind. Dabei stehen diejenigen von „Niki“, wie sie die Macher vertraulich nennen, im Vordergrund. Bereits ihre frühesten Werke, etwa ein „Familienporträt“ in Öl von 1954/5, lassen erkennen, dass ihr handwerkliches Talent im herkömmlichen Sinne überschaubar war – was sie mit überbordendem Dekor auszugleichen versuchte.

 

Oder mit Provo-Techniken: Ab 1956 feuerte sie auf Leinwände mit Farbbeuteln oder Gipsfiguren. Diese „Schießbilder“ machten sie zum Medien-Liebling: girls with guns, you know! Doch die Erfindung ihres Lebens waren die „Nana“-Figuren, die sie ab 1965 – oft gemeinsam mit ihrem Partner Jean Tinguely – anfertigte. Besonders spektakulär geriet die liegende, 29 Meter lange Frauen-Skulptur „Hon“ („Sie) vor dem Moderna Museet in Stockholm 1966: Man betrat sie durch die Vagina, im Inneren befanden sich eine Bar und ein Kino. Da waren fast alle Schlüsselreize der Swinging Sixties beisammen – diese Installation machte Saint Phalle weltbekannt.

 

Meterhoher Schädel zum Meditieren

 

„Hon“ fehlt natürlich in dieser Schau, doch das machen die übrigen Beiträge mehr als wett. Es ist bemerkenswert, wie viele Variationen die Künstlerin ihrem schlichten Grundeinfall abgewann: farbenfroh-massige Frauenleiber mit üppigen Rundungen und erstaunlich kleinem Kopf, ähnlich der 30.000 Jahre alten „Venus von Willendorf“. Exemplare davon wollten etliche Gemeinden im öffentlichen Raum aufstellen; sie galten als Statement für Feminismus und Frauenpower.

 

Wobei Saint Phalle, die nach eigenen Worten jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden war, eher die therapeutische Wirkung betonte: „Durch den Wahnsinn habe ich die Kunst gefunden“. In Form monumentaler Bastelarbeiten: Da gibt es einen stilisierten Drachen, der blinkt und faucht; ein elektrisch betriebenes Verschiebebild mit Nana-Silhouetten oder einen meterhohen, von Glitzer-Mosaik bedeckten Schädel, in dem man über die Vergänglichkeit und Tod meditieren soll. Derlei monströser Kitsch hätte auch Jeff Koons einfallen können.

 

Tagsüber im Atelier, abends in Psychiatrie

 

Kunst als Selbsttherapie: Dieses Verständnis teilt auch Yayoi Kusama, mit äußerster Konsequenz. Seit 1977 lebt sie in Tokio in der Psychiatrie, geht tagsüber in ihr Atelier und kehrt abends in die Klinik zurück. Sie litt als Kind unter repressiver Erziehung und hatte Halluzinationen, in denen sie sich in Punkt- und Netzmustern auflöste. Seither verwendet sie beides exzessiv; mal dezent in „Infinity Nets“, die als aparte Op-Art Flächen mit kaum merklichen 3-D-Effekten überziehen. Mal aufdringlich als „Polka Dots“; mit solchen Kreisen betüpfelt Kusama jeden nur erdenklichen Bildträger, ganze Räume oder auch Straßenbäume.

 

Origineller war sie früher: Anfang der 1960er Jahre pflasterte sie Sitzmöbel mit phallusartigen Auswüchsen. Ihre Couch „Accumulation #1“ zählt als Beispiel dieser pansexuellen Obsession zur Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art. Die meisten in Hannover gezeigten Kusama-Werke sind aber jugendfrei; inklusive eines ihrer „Infinity Rooms“, einer Art Spiegelkabinett mit Space Age-Neonlichteffekten. Und ihres Brückenschlags zur Warenwelt: Kusama hat Taschen von Louis Vuitton mit Punkten verziert, die der Luxushersteller anschließend vermarktete.

 

Vergoldeter Penis mit Pilz-Eichel

 

Hintergrund

 

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Niki de Saint Phalle"Biopic über die Künstlerin von Céline Sallette

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "POWER UP" über "Female Pop Art" mit Werken von Niki de Saint Phalle in Wien und Bietigheim-Bissingen

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung  "Logical Emotion – Zeitgenössische Kunst aus Japan" im Kunstmuseum Moritzburg, Halle/ Saale, mit Werken von Yayoi Kusama

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "130% Sprengel. Sammlung Pur" – Neupräsentation der  Klassischen Moderne im neuen Erweiterungsbau des Sprengel Museums, Hannover

 

und hier eine Kritik des Films "Jeff Koons: A Private Portrait" – schönfärberisches Porträt des US-Starkünstlers von Pappi Corsicato.

 

Wie auch Takashi Murakami, der Vuitton ebenfalls belieferte. Von psychischen Beeinträchtigungen unbelastet, treibt er die Kommerzialisierung seiner Erzeugnisse konsequent voran: Seine Firma „Kaikai Kiki Co.“ beschäftigt rund 250 Angestellte. Murakami bedient sich freimütig bei japanischen Manga- und Anime-Darstellungen in ihren infantilen Varianten: Seine Bilder, Plastiken und Digital-Simulationen erinnern mit ihren Blumen, Smileys und Fratzen an Nippes aus Spielzeugläden.

 

Andererseits scheut er vor drastischen Scherzen und Anspielungen, wie sie in der japanischen Populärkultur geläufig sind, nicht zurück: Da schwingt eine Cowboy-Figur ein Lasso aus eigenem Sperma, oder eine Anime-Figur hüpft Seil mit Milch aus ihren Brüsten. In Hannover ist ein mannshoher, vergoldeter Penis mit Pilz-Eichel zu sehen, der jeden Trump-Tower schmücken würde. Sowie ein „3-meter girl“ von 2011 in Reizwäsche mit Kindchen-Schema, aber ballongroß aufgeblähtem Busen.

 

Anfangs aufregend, später ermüdend

 

Diese absurde Porno-Fantasie versteht jeder: Ähnlich wie Jeff Koons greift Murakami vertraute Gebrauchs-Ästhetik auf und übersteigert sie ins Groteske. Vorgeblich, um Erscheinungsformen des Konsumismus zu entlarven; de facto, um von ihm zu profitieren. Ähnlich wie diese Ausstellung, die vermeintlich drei Kunst-Konzepte miteinander vergleichen will, doch vor allem bis zum Anschlag quietschbuntes Augenpulver wie Konfetti ausstreut. Mit demselben Effekt wie jede Reizüberflutung: anfangs aufregend, später ermüdend.

 

Wobei der Anfangs-Reiz überwiegt: Bis zur Halbzeit nach elf Wochen haben mehr als 100.000 Besucher die Schau gesehen; ein Drittel davon fand zum ersten Mal ins Sprengel Museum. Ihm zufolge waren 97 Prozent zufrieden mit dem Gebotenen – man darf gespannt sein, ob sie wiederkommen. Das dürfte vom Programm abhängen: Glitzer geht immer.