Levin Peter + Elsa Kremser

White Snail

Misha ( Mikhail Senkov) und Masha (Marya Imbro) fühlen sich auf ungewöhnliche Weise voneinander angezogen. Foto: ©: Panama Film
(Kinostart: 29.1.) Der Trost der Toten: Statt ein konventionelles Künstlerporträt über den Maler Mikhail Senkov zu drehen, besetzt das Regie-Duo Kremser/ Peter ihn als Leichenhaus-Mitarbeiter in seinem Spielfilm über zwei wortkarge Außenseiter in Minsk, die eine morbide Faszination teilen - was zumeist aufgeht.

Masha (Marya Imbro) will nicht mehr, kann nicht mehr. Gerade hat sie versucht, sich mit Tabletten und einer Plastiktüte über dem Kopf das Leben zu nehmen. Aus Angst? Gleichgültigkeit? Überforderung? Neugier? Das ist schwer zu sagen; die junge Frau redet wenig und wenn sie es tut, sagt sie nicht immer die Wahrheit.

 

Info

 

White Snail

 

Regie: Elsa Kremser + Levin Peter,

115 Min., Belarus/ Lettland/ Österreich/ Deutschland 2025;

mit: Marya Imbro, Mikhail Senkov, Olga Reptuh

 

Weitere Informationen zum Film

 

Auch den ebenso wortkargen Misha (Mikhail Senkov) belügt sie bei ihrer ersten Begegnung. Unter einem Vorwand bittet sie ihn darum, das Leichenschauhaus erkunden zu dürfen, in dem er arbeitet. Sie hat es entdeckt, als sie nach ihrem missglückten Suizidversuch im Krankenhaus wieder auf die Beine kam.

 

Der Tod zieht sie an

 

Doch der Tod zieht das belarussische Model mit den hellblonden Haaren weiterhin an. Als Misha ihr Zugang zur Leichenhalle gewährt, kann Masha ihre Faszination nicht verbergen. Sein Alltag zwischen Autopsien und Kühlräumen beeindruckt sie; bald stellt sich heraus, dass Misha eigentlich Maler ist und sich von dem morbiden Umfeld für seine Kunst inspirieren lässt.

Offizieller Filmtrailer


 

Künstler spielt sich selbst

 

„Vor zehn Jahren haben wir Mikhail Senkov in Belarus kennengelernt“, sagt die Österreicherin Elsa Kremser, ein Teil des Regie-Duos, das „White Snail“ an Schauplätzen in Belarus und Lettland drehte. Der Künstler spielt sich im Film selbst. „In seinen opulenten Ölgemälden“, ergänzt Emsers deutscher Kollege Levin Peter, „blüht die ganze morbide Welt der leblosen Körper wieder auf.“

 

Kremser und Peter kommen vom Dokumentarfilm. In ihren experimentellen Non-Fiction-Werken „Space Dogs“ (2019) und „Dreaming Dogs“ (2024) erzählten sie von Menschen und Tieren am Rande der Gesellschaft: etwa von einer Frau, die mit streunenden Rüden am Rand von Moskau lebt; oder von der Hündin Laika, dem ersten Lebewesen im All, deren Geist noch lange nach ihrem Flug die Straßen postsowjetischer Großstädte heimsucht.

 

Wohnung voller Gemälde

 

Doch der ursprüngliche Plan, ein filmisches Porträt über Senkov zu drehen, ging diesmal nicht auf. „Wir haben schnell gemerkt, dass es nicht funktionieren würde“, sagt Peter, „weil er sehr zurückgezogen lebt.“ Im Film bekommt man einen Eindruck davon: Die enge Wohnung, die sich Misha mit seiner Mutter teilt, ist angesichts der schieren Masse an Gemälden kaum begehbar.

 

Die jahrelange Beschäftigung mit den Leichen und fast 600 Autopsien haben ihre Spuren auf den Leinwänden hinterlassen. Seine Bilder sind düster, voller blutiger Gestalten mit offenen Wunden und ausgehöhlten Augen. Sie wirken gequält, mysteriös, verloren, irgendwo zwischen Himmel und Hölle, mal friedlich, mal beängstigend.

 

Zwischen Laufsteg + Leichenschauhaus

 

Wenn Misha die Nächte im Leichenhaus verbringt, kommt Masha ihn dort besuchen. Der krasse Gegensatz ihrer Welten bestimmt die Bildsprache: Grell und dunkel wechseln sich ab. Während die Toten im kalten Neonlicht ausharren, geben die weichen Schattierungen der Lichter der Stadt dem ungleichen Paar auf dem Nachhauseweg ein Gefühl von Geborgenheit.

 

Noch ein weiterer Kontrast beschäftigt die Filmemacher: Zwar geht es in Mashas Modelschule auch um Körper statt um Gefühle. Aber der Anspruch an Äußerlichkeiten ist im Geschäft mit der Schönheit ungleich höher. Für ihren androgynen Look mit dem Porzellan-Teint wird Masha in der Branche bewundert – und von ihren Kolleginnen gefürchtet.

 

Annäherung ohne Eile

 

Masha glaubt, das Problem liege bei ihr selbst. Ihr starrer Blick passt perfekt auf den Laufsteg, aber nicht in den Alltag. Immer wieder eckt sie in ihrem konkurrenzverseuchten Umfeld an mit ihrer unnahbaren Ausstrahlung und den normschönen Maßen. Vielleicht fühlt sie sich auch deshalb so zu Misha und seinen leblosen Schützlingen hingezogen.

 

Dramaturgisch nimmt „White Snail“ nur behutsam an Fahrt auf. Eilig haben es Kremser und Peter nicht, ihre beiden Protagonisten einander näher zu bringen. Dennoch merkt man bald, dass diese beiden einsamen Menschen gut zueinander passen. Langsam werden ihre Gespräche offener, intensiver. Ein Hauch von Zärtlichkeit macht sich breit.

 

Die Verletzlichkeit der weißen Schnecken

 

Hintergrund

 

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Immer wieder suchen die Filmemacher nach atmosphärischen Einstellungen, um Spannung zu erzeugen. Sogar die weißen Schnecken aus dem Titel bekommen ihren Auftritt, wenn sie zur Hautstraffung über Mashas blasses Gesicht gleiten. Was es damit auf sich hat, erklärt Levin Peter mit Verweis auf die Verletzlichkeit seiner Hauptfigur.

 

„Wenn ich an das klassische Erwachsenwerden denke“, sagt er, „bringen die Sonne und der Sommer immer Hoffnung. In Mashas Fall ist es genau umgekehrt, was sie als Figur noch tragischer erscheinen lässt.“ Die zarten Tiere seien sowohl dem Licht als auch Feinden mehr als andere Arten der Spezies ausgesetzt – so wie das Model selbst.

 

Heilsamer Blick auf die Vergänglichkeit

 

Ähnlich abstrakt mit Bedeutung aufgeladen sind auch andere Bilder im Film, aber nicht immer geht das Konzept auf. Was „White Snail“ dennoch eindrücklich vermittelt, ist die Idee, dass der Blick auf das Vergängliche, auf den Verfall und den Makel mitunter sehr heilsam sein kann. Oder wie Kremser es formuliert: „Irgendwann werden wir alle sterben. Und dann geht es nicht mehr darum, wie man ausschaut.“