
Kaum zu glauben: Nach jahrelang erratischen Jury-Entscheidungen, die meist Kopfschütteln und Häme hervorriefen, finden die Preisträger der diesjährigen Berlinale fast einhellige Zustimmung. Allen voran „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, der erste deutsche Goldbären-Gewinner seit „Gegen die Wand“ von Fatih Akin 2004 – und wie jener das Werk eines deutschtürkischen Regisseurs. Çatak hatte bereits 2023 mit „Das Lehrerzimmer“ einen Überraschungserfolg; sein leises Drama, wie Leonie Benesch als idealistische Lehrerin scheitert, gewann fünf deutsche Filmpreise und war bundesdeutscher Kandidat für den Auslands-Oscar.
„Gelbe Briefe“ könnte angesichts des weltweiten Trends hin zum Autoritären aktueller kaum sein. Ein oppositionelles Künstler-Ehepaar in der Türkei verliert über Nacht seine Stellungen, muss den Wohnort wechseln und sich mit Gelegenheits-Jobs durchschlagen. Was tun: sich anpassen, um weiter zu leben wie gewohnt, oder an Überzeugungen festhalten und in die innere Emigration gehen? Dass diese Frage sich in absehbarer Zeit auch saturierten Mitteleuropa-Akademikern stellen könnte, macht Çatak durch einen simplen Kniff deutlich: Berlin darf als Kulisse für Ankara herhalten, Hamburg für Istanbul.
Machtkämpfe in Anatolien
Auch der „Große Preis der Jury“, quasi die Silbermedaille, ging an eine türkische Produktion. In „Kurtuluş“ lässt Regisseur Emin Alper zwei Familien-Clans in einem Bergdorf gegeneinander antreten. Es geht um Machtkämpfe und parareligiöse Visionen, wuchtig und wie immer bei Alper etwas hölzern inszeniert. Immerhin erinnern die Tableaus der anatolischen Bergwelt an die grandiosen Landschaftsaufnahmen im Werk seines Landsmanns Nuri Bilge Ceylan.
Offizieller Trailer des Berlinale-Siegers „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak. © Alamode Film
Greise beste Nebendarsteller in „Queen at Sea“
Mit dem „Preis der Jury“ als Bronzemedaille wurde ein scheinbar persönliches Sujet ausgezeichnet. Als Juliette Binoche in „Queen at Sea“ ihren alten Stiefvater beim Beischlaf mit ihrer dementen Mutter erwischt, ruft sie die Polizei, um Mama vor sexueller Nötigung zu schützen. Damit löst sie eine bürokratische Lawine aus, die den Familienfrieden verschüttet.
Bestechend präzise und mit absolut punktgenauen Dialogen beobachtet Regisseur Lance Hammer, wie Intimes öffentlich und damit diskreditiert wird, wie trotz wohlmeinender Absichten sich gegensätzliche Interessen aneinander aufreiben – grandios veranschaulicht von Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay als greisem Paar, die dafür mit dem Silbernen Bären für die beste Nebenrolle(n) geehrt wurden.
Sandra Hüller als Crossdresserin
Damit hob die Jury genau diejenigen drei Filme aufs Siegertreppchen, deren Themen mehr oder weniger politisch sind, wie es das Festival seit jeher für sich gebetsmühlenartig reklamiert. Für alle anderen 19 Wettbewerbs-Beiträge gilt das nicht, selbst wenn sie handwerklich gelungen daher kamen. Sein Biopic „Everybody digs Bill Evans“ über eine existentielle Krise des weltberühmten Modern-Jazz-Pianisten 1961 lässt Regisseur Grant Gee nur unter Verwandten und Geliebten spielen – allerdings exquisit in Schwarzweiß inszeniert, wofür er den Silbernen Bären für die beste Regie erhielt.
Ebenfalls in Schwarzweiß hat Markus Schleinzer „Rose“ gedreht: die Geschichte einer Crossdresser-Frau, die als Soldatin im Dreißigjährigen Krieg gekämpft hat und hernach ein verwaistes Landgut ergattert – samt Gattin. Das geht lange gut; als sie auffliegt, schlägt der Dorf-Glaube an eine natürliche Ordnung unbarmherzig zu. Für ihr subtiles Wechselspiel zwischen den Geschlechtern vor 400 Jahren bekam Sandra Hüller völlig zurecht den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung.
Privatpersonen statt Politik
Der Silberne Bär für das beste Drehbuch ging an das kanadisch-bulgarische Heimkehrer-Drama „Nina Roza“ von Geneviève Dulude-de Celles; der für eine „herausragende künstlerische Leistung“ an die skurrile Doku „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ von Anna Fitch und Banker White über eine Frau, die ihre verstorbene Freundin mit dem Bau eines Miniatur-Hauses ehrt. Zwei Querschläger, wie sie bei jeder Preisverleihung vorkommen. Mit ihrer Fokussierung auf Allzumenschliches lagen sie allerdings völlig im Trend.
Von wegen Politik: Die Mehrzahl der Wettbewerbs-Beiträge porträtierte kleine Gruppen, blutsverwandt oder nicht, mit ihren Gefühlswallungen, Traumata oder Enthüllungen. Mal als banaler Feelgood-Film wie „Moscas“ von Fernando Eimbcke, in dem sich eine mexikanische Rentnerin um einen kleinen Jungen kümmert; mal als dunkel dräuendes Mystery-Movie wie „Soumsoum“ aus dem Tschad von Mahamat-Saleh Haroun, in dem eine 17-Jährige Visionen hat; mal als Pseudo-Western wie „Wolfram“ von Warwick Thornton – in der Weite des australischen Outback sind am Ende alle Akteure irgendwie miteinander verbandelt. Und der Franko-Senegalese Alain Gomis ließ eine Großfamilie drei Stunden lang Hochzeit und Beerdigung feiern.
Innenraum-Drehs wegen geringer Budgets
Natürlich: Familie geht immer, denn jeder hat eine. Doch Bedeutung über die Betroffenen hinaus, wie es „Queen at Sea“ gelingt, entfalten diese Fallstudien eher selten. Zumal sie meist in beengten Verhältnissen angesiedelt sind: Wohnungen und andere Privaträume, Büros oder Hotelzimmer – bei Wettbewerbsbeiträgen ebenso wie in den übrigen Sektionen. Auch das erklärt sich leicht: Außenaufnahmen kosten viel Geld für Absperrungen oder Ausstattung im Zeitkolorit, aber die Budgets sind niedrig. Also werden Kammerspiele zwischen Küche und Schlafzimmer gedreht.
Großes Kino mit opulenten Bildern kommt nur in der Sektion „Berlinale Special“ vor. Hier laufen Filme, die bereits andernorts ihre Premiere hatten, aber kurz vor ihrem deutschen Kinostart die Gratis-Promotion gerne mitnehmen: etwa die SciFi-Groteske „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ von „Fluch der Karibik“-Regisseur Gore Verbinski oder „The Testament of Ann Lee“ von Mona Fastvold über die US-Gründerin der Shaker-Sekte. Oder Genre-Filme, für die andere Sektionen zu fein sind, wie die Vampir-Satire „Die Blutgräfin“ von Ulrike Ottinger und die Splatter-Sozialkritik „Monster Pabrik Rambut“ von Edwin aus Indonesien.
Erstligisten sind abgewandert
Ist die schwache Auswahl im Wettbewerb tatsächlich ein Manko, angesichts von rund 280 gezeigten Filmen? Ja, denn der Wettbewerb ist die Visitenkarte jedes Festivals: Er zeigt seine inhaltliche Ausrichtung an und erlaubt der Leitung, Akzente zu setzen – oder eben nicht. Wer sich die Teilnehmerlisten in Cannes und Venedig ansieht, findet ein Who is who weltweit renommierter Arthouse-Regisseure, die ihre aktuellen Produktionen präsentieren. In der Berlinale-Konkurrenz treten dagegen Filmemacher wie Alper, Haroun, Thornton, Gomis, Kornél Mundruczó aus Ungarn oder der Frankobrasilianer Karim Aïnouz an. Alle haben schon mehrere Filme gedreht, von denen der eine oder andere prämiert wurde und/oder in deutsche Kinos kam – mit sehr begrenzter Resonanz. Also international zweite bis dritte Liga.
Diese Zweitligisten präsentiert die Berlinale im Wettbewerb, weil sie Erstligisten nicht mehr bekommt: Die sind nach Cannes und Venedig abgewandert. Was sich auch am Ausbleiben von Star-Schauspielern ablesen lässt: Diesmal waren Juliette Binoche, Isabelle Huppert und Ethan Hawke die einzigen ausländischen Berühmtheiten, die sich die Ehre gaben. Also wurde aufgefüllt: mit dem Muskelmann Channing Tatum, der Dancepop-Sängerin Charli xcx, der Reality-TV-Größe Kylie Jenner und dem Ex-Busenwunder Pamela Anderson, das ein Comeback versucht. Man muss eben nehmen, was und wen man kriegen kann.
Gaza-Krieg stört Festival-Routine
So erscheint die Berlinale als größtes unter den weniger bedeutenden A-Festivals, von denen es eine ganze Reihe gibt – quasi als Tabellenführer der zweiten Liga. Nicht von ungefähr reagierte Ko-Programmdirektor Michael Stütz in einem RBB-Radiointerview sehr pikiert auf die Frage, ob es zutreffe, dass auf der Berlinale Filme liefen, die in Cannes und Venedig abgelehnt worden seien. Er wisse nicht, wer solche Gerüchte streue, giftete Stütz: Die Festivalleitung bemühe sich stets um die bestmögliche Filmauswahl. Ein überzeugendes Dementi hört sich anders an.
Ungeplante Relevanz jenseits der Festival-Routine drohte allerdings der Berlinale abermals durch harsche Kritik an ihrem Umgang mit dem Nahost-Konflikt, wie schon 2024 und im Vorjahr. Allerdings blieb das im Rahmen eingefahrener Empörungs-Rituale: Auf einer Pressekonferenz fragte der Videojournalist Thilo Jung (Youtube-Kanal: „Jung & Naiv“) die Jury nach ihrer Haltung zum Gaza-Krieg. Jury-Präsident Wim Wenders antwortete sinngemäß, Filmemacher seien keine Politiker und sollten sich aus der Politik heraushalten.
Déjà-vu bei Abschluss-Gala
Daraufhin sagte die indische Autorin Arundhati Roy ihr Kommen ab – sie hätte zur Wiederaufführung eines Films von 1989 sprechen sollen, für den sie das Drehbuch geliefert hatte. Ihr Fernbleiben verschaffte ihr wesentlich mehr mediale Aufmerksamkeit, als der Kurzauftritt hätte bieten können. Nächster Akt: ein offener Brief von rund 80 Filmschaffenden, die der Berlinale „institutionelles Schweigen zum Völkermord an den Palästinensern“ vorhielten. Wortführerin Tilda Swinton hatte 2025 noch den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk entgegen genommen.
Vorläufiges Finale: Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dessen „Chronicles From the Siege“ als bester Debüt-Spielfilm ausgezeichnet wurde, entrollte bei der Abschluss-Gala auf der Bühne eine Palästina-Fahne und warf der Bundesregierung vor, als Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu agieren. Daraufhin verließ Umweltminister Carsten Schneider den Saal. Es wirkte wie ein remake: Vor zwei Jahren hatte das Regisseurs-Duo Basel Adra und Yuval Abraham die deutsche Politik ähnlich drastisch kritisiert, als ihr Film „No Other Land“ trotz extrem dürftiger Machart als bester Dokumentarfilm prämiert wurde.
Tricia Tuttle unterlässt Reformen
Diese lautstarken Aktivisten verkennen absichtlich, dass ein Filmfestival der falsche Adressat ist, wenn man die Bundesregierung rügen will. Sowie, dass sie damit an die heikelste Achillesferse der deutschen Außenpolitik rühren: Bedingungslose Solidarität mit Israel ist wohl der wichtigste Glaubenssatz, der die regierende Klasse zusammenhält. Das Bekenntnis zu ihr ist eine conditio sine qua non der Zugehörigkeit – andernfalls drohen Antisemitismus-Vorwürfe und Ausschluss. Da kann man keine wohlfeilen Solidarisierungs-Gesten erwarten.
Hintergrund
Lesen Sie hier die Festival-Bilanz der 75. Berlinale 2025: "Bessere Laune ohne gute Gründe"
und hier eine Festival-Bilanz der 74. Berlinale 2024: "Warten auf Tricia Tuttle"
und hier eine Festival-Bilanz der 73. Berlinale 2023: "Zeit für Schwarmintelligenz"
und hier eine Festival-Bilanz der 72. Berlinale 2022: "Halbherziges Gesundschrumpfen"
Grüß-Augustine will für Zulauf sorgen
Weder beim Wildwuchs von einem Dutzend Haupt- und Nebenreihen, darunter der abstrusen Videokunst-Ausstellung „Forum Expanded“, noch bei der Zerstreuung der Spielstätten über die gesamte Innenstadt noch beim Attraktivitätsverlust des Festivalgeländes am Potsdamer Platz. Es wirkt zusehends verwaist und verödet; daran ändert der 2025 aufgebaute „Hub“-Container vor dem Berlinale-Palast nichts.
Stattdessen begreift sich Tuttle offenbar als Grüß-Augustine, die mit Umarmungs-Gesten und warmen Worten vor allem gute Stimmung verbreiten und für Zulauf sorgen will, wie es ihr als Leiterin des „London Film Festival“ fünf Jahre lang gelungen ist. Das ist aber für ein A-Festival, das mehr will als nur möglichst viele Tickets verkaufen, zu wenig.
Wie das Land, so das Festival
So spiegelt die Berlinale nolens volens die Situation des Landes wieder, in der sie stattfindet: wegen schleichenden Ansehensverlusts zusehends von der Außenwelt ignoriert, sich aber weiter schulterklopfend der eigenen Bedeutung versichernd, dabei aufgebläht und reformunfähig, weil zu viele Interessengruppen in noch halbwegs gefüllten Subventions-Töpfchen ihr Süppchen kochen. Warum sollte sich dieses Festival ändern, wenn die Gesamtgesellschaft es genauso wenig vermag?
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