Köln

Amazônia – Fotografien von Sebastião Salgado

River archipelago of Mariuá. Rio Negro. State of Amazonas, Brazil, 2019. Foto: © Sebastião Salgado
Reise ins Herz der wuchernden Finsternis: Der brasilianische Fotograf widmete sein letztes Projekt dem Amazonas-Regenwald und seinen Bewohnern. Nun sind rund 200 Aufnahmen im Rautenstrauch-Joest-Museum zu sehen: in atemberaubenden Schwarzweiß, klug erläutert und blendend inszeniert.

Sebastião Salgado hat die jüngste Präsentation seiner Arbeiten nicht mehr miterlebt: Er starb im Mai 2025 an den Spätfolgen einer Malaria-Erkrankung, die er sich auf einer Recherche-Reise zugezogen hatte. Aber diese Wanderausstellung, die seit ihrem Start in Paris 2021 um die Welt tourt und nun im Rautenstrauch-Joest-Museum gastiert, darf als der schönste Nachlass gelten, der sich denken lässt – die Krönung seines Lebenswerks.

 

Info

 

Amazônia –
Fotografien von Sebastião Salgado

 

29.10.2025 - 15.03.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Rautenstrauch-Joest Museum, Cäcilienstraße 29-33, Köln

 

Engl. Begleitband 25 €,
als Großformat 100 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Schon immer war Salgado ein engagierter Fotograf par excellence. Anfangs wollte er vor allem Benachteiligten und Leidenden ein Gesicht geben, um Aufmerksamkeit für sie und Mitgefühl zu erregen. Er lichtete schuftende Goldsucher in Tagebau-Minen ab, Hungernde in der Sahel-Zone oder Menschenmengen, die vor dem Völkermord in Ruanda 1994 flohen. Dessen Gräusel traumatisierten ihn. Danach wandte er sich der Landschaftsfotografie zu: Für seine „Genesis“-Bilderserie reiste er in die entlegensten Gegenden des Planeten, um unberührte Naturphänomene aufzunehmen.

 

Geerbte Farm wieder aufgeforstet

 

Zugleich wurde sein Engagement praktisch. Nachdem er die Familien-Farm im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais geerbt hatte, forstete er eine gerodete Fläche von 700 Hektar gemeinsam mit seiner Frau Lélia Wanick Salgado wieder auf; sie ist inzwischen Naturschutzgebiet. Beide Interessen – dem an Natur-Dokumentation und dem an tropischer Flora – verknüpfte er dann in seinem letzten Projekt. An „Amazônia“ hat er sieben Jahre lang gearbeitet und abermals keine Mühen gescheut. So verbrachte er bis zu zwei Monaten bei isoliert lebenden Ethnien, um ihre Lebensweisen kennenzulernen und ihr Vertrauen zu gewinnen, bevor er sie fotografierte.

Feature zur Ausstellung. © New Scientist


 

Weder Paradies noch grüne Hölle

 

Und das Ergebnis ist atemberaubend. Salgados Bilder zeigen eine Welt, die vermutlich niemand je zuvor so gesehen hat. Natürlich haben schon viele Fotografen den Regenwald im Amazonas-Becken aufgenommen: mit seinen Baumriesen, dem undurchdringlichen Dickicht des Unterholzes und den Wassermassen, die als breite Ströme hindurchfließen. Doch kaum mit derartiger Intensität.

 

Beginnend mit der Farbgebung: Stets fotografiert Salgado in Schwarzweiß. Das schafft seit jeher eine gewisse visuelle Distanz und veredelt zuweilen die Sujets mit einer würdevollen Patina. Aber noch nie in seinem Werk war der Verfremdungseffekt so stark. Urwald: Das ist in der Kollektivvorstellung ein Mosaik aus zahllosen Grüntönen, gerahmt vom blauen Himmel und gräulich bis bräunlich schimmernden Flüssen. Von diesem Farbenspiel ist hier nichts zu sehen.

 

Mäandernder Strom + fliegende Flüsse

 

Stattdessen: ein bis zum Horizont reichender dunkelgrauer Teppich mit vielen hellen Knötchen, als seien weiße Fäden hineingewirkt worden. So sieht Dschungel aus der Vogelperspektive aus; hell wirken die Kronen der höchsten Bäume. Rückt die Kamera näher heran, löst sich das auf in ein irrwitzig kompliziertes Gewirr aus Zweigen, einander überlagernd und miteinander verflochten. Optischen Halt in diesem Chaos gewähren nur die Wasserläufe als meist homogen spiegelnde Flächen.

 

Allerdings in ungewohnten Kurven und Kreisen: Das Becken des Amazonas ist so flach, dass er und alle Zuflüsse träge mäandern, weil nichts sie begradigt. Vom kolumbianisch-brasilianischen Grenzgebiet bis zur Mündung im Atlantik beträgt das Gefälle des Stroms auf 4660 Kilometer Länge nur 73 Meter – derlei erfährt man aus den informativen Legenden zu den rund 200 Exponaten. Ebenso, was „fliegende Flüsse“ sind: Täglich verdunstet mehr Wasser aus den Baumkronen, als der Strom in den Ozean spült. Diese Wolkenmassen versorgen halb Südamerika mit Regen.

 

Wolkenbruch wie Atompilz

 

Ohnehin sind Wolkenformationen neben dem Regenwald der zweite Hauptdarsteller dieses unablässigen Dramas der Elemente. Aufsteigende Nebelschwaden und Mikro-Wolken ballen sich zu massigen Kumulus-Gebilden zusammen, die schwarzweiß akzentuiert besonders schwer erscheinen, geradezu furchteinflößend. Zurecht: Wenn sie abregnen, verschwindet stellenweise alles unter einer Wasserwand – manchmal sieht das wie ein Atompilz aus.

 

Nur an den Rändern des Amazonas-Beckens erheben sich Gebirge; paradoxerweise wirkt ihr Anblick am ehesten vertraut. Etwa der Roraima-Tepui im Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und Guayana; der mit rund 2800 Metern höchste Tafelberg der Welt. Oder der Pico da Neblina im Serra-do-Imeri-Massiv an der Grenze zu Venezuela, mit fast 3000 Metern Brasiliens höchster Berg. Von manchen dieser Felsformationen schießen monströse Wasserfälle in die Tiefe.

 

Porträts im mobilen Urwald-Fotostudio

 

Angesichts dessen, was Salgados Bilder vorführen, erscheint es kaum glaublich, dass dieses riesige und wegelose Ökosystem bewohnt ist. Doch das wird es: von geschätzt 370.000 Menschen – vor Ankunft der Europäer sollen es einmal fünf Millionen gewesen sein. Dem Fotografen ist es ein wichtiges Anliegen, die indigenen Einwohner genauso ausführlich vorzustellen wie ihr Habitat. Immerhin zehn Volksgruppen: von den Korubo im Grenzland zu Peru, die nur wenig mehr als 100 Angehörige zählen, bis zu den weithin bekannten 40.000 Yanomami im Nordwesten Brasiliens.

 

Für Bildnisse nutzt Salgado eine Art mobiles Fotostudio: eine meterlange graue Leinwand, vor denen die Porträtierten mal gefasst bis förmlich, mal ungezwungen bis ausgelassen posieren. Parallel dazu hält der Fotograf Alltagssituationen fest: Da werden im Wald Früchte gesammelt und Tiere gejagt, Fische geräuchert und Maniok gekocht, Körper gepflegt und bemalt, um mit Tänzen Feste zu feiern. Alle vereint ihre spärliche bis fast nicht vorhandene Bekleidung, alle unterscheiden sich durch aufwändigen und fantasievollen Körperzier.

 

Regeneration der kaum Kontaktierten

 

Die Marubo ziehen lange Ketten aus Flussschnecken-Schalen beidseitig durch die Nase. Die Zo’é tragen einen handlangen Holzpflock durch die Unterlippe. Und die Yanawawá schmücken sich mit so ausladendem wie wunderschönen Kopfputzen aus Adlerfedern, die bis zu den Knien reichen. Sämtliche Ethnien zählen zu den nicht oder kaum von der Außenwelt kontaktierten Indigenen; mittlerweile wacht eine brasilianische Behörde darüber, dass sie möglichst in Ruhe gelassen werden.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das Salz der Erde" – fabelhaftes Doku-Porträt des Fotografen Sebastião Salgado von Wim Wenders

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Schamane und die Schlange" – brillantes Doppelporträt zweier Amazonas-Forschungspioniere von Ciro Guerra

 

und hier einen Beitrag über den Film "Amazonia (3D) – Abenteuer im Regenwald" – erste 3D-Doku über tropischen Dschungel von Thierry Ragobert.

 

Das war noch vor einem halben Jahrhundert anders – manche der indigenen Gruppen standen kurz vor der Auslöschung. Der Ausstellung zufolge haben sie sich regeneriert, praktizieren ihre Sprache und ihre Gebräuche wieder. Davon berichten Aktivisten in Video-Interviews, die samt Fotostrecken in kreisförmigen Separées untergebracht sind; sie sollen ihren Kollektiv-Behausungen im Amazonas-Becken nachempfunden sein.

 

Klang-Bombast lenkt ab

 

Ein Beispiel für die Sorgfalt, mit der diese Ausstellung inszeniert ist. Anstelle von Reihen an den Wänden hängen die großformatigen Abzüge frei oder an Stellwänden im Raum; jedes Motiv wird von einer ausführlichen Erläuterung begleitet. Dieser Bilder-Dschungel nötigt zum Mäandern wie Amazoniens Flüsse, bietet aber auch überraschende Durchblicke. Mittendrin sind die runden Kabinette für die Indigenen-Porträts platziert, deutlich getrennt und zugleich eingebettet in die Natur-Schauspiele ringsum.

 

Etwas gewöhnungsbedürftig ist jedoch die akustische Untermalung von Jean-Michel Jarre, der seit den 1970er Jahren Synthie-Pop produziert. Sein soundtrack greift zwar auf field recordings aus dem Amazonasgebiet zurück, bläht sie aber zum gewohnt bedeutungsschwangeren Klang-Bombast auf – das lenkt eher von den Exponaten ab. Dennoch: Dieser herausragenden Fotoreportage durch eine der unzugänglichsten Regionen der Erde wäre zu wünschen, dass sie ihr Ziel erreicht: dazu beizutragen, die Zerstörung des Regenwaldes aufzuhalten. Mehr als 17 Prozent seiner Fläche sind bereits abgeholzt.