Tumpal Tampubolon

Crocodile Tears

Arumi (Zulfa Maharam) und Johan (Yusuf Mahardika) mit einem jungen Krokodil von ihrer Krokodilfarm. Foto: Cologne Cine Collective
(Kinostart: 26.2.) Ein junger Javaner pflegt täglich Riesen-Reptilien – doch die größte Gefahr auf der Krokodilfarm geht von seiner Mutter aus. Dort siedelt der indonesische Regisseur Tumpal Tampubolon eine eigenwillige Coming-of-Age-Story an: mit Hühnern en masse als Futter und dezenten Mystery-Elementen.

Krokodilstränen vergießt jemand, wenn Gefühle nicht echt sind und Anteilnahme nur geheuchelt wird. Diese Redewendung geht zurück auf den Umstand, dass bei einigen Krokodilarten Tränen fließen, wenn sie fressen – man mutmaßt, dass ihr aufgesperrter Kiefer Druck auf die Tränendrüsen ausübt. Auf der Krokodilfarm im Westen der indonesischen Insel Java, auf der „Crocodile Tears“ spielt, gucken Johan und seine Mutter den Reptilien allerdings nicht in die Augen.

 

Info

 

Crocodile Tears

 

Regie: Tumpal Tampubolon,

98 Min., Indonesien /Frankreich/ Singapur/ Deutschland 2025;

mit: Yusuf Mahardika, Marissa Anita, Sulfa Maharam 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Falls in den vergangenen Jahren überhaupt Filme aus Indonesien in westlichen Ländern veröffentlicht wurden, waren das meist nicht jugendfreie Genre-Reißer von Thriller bis Horror. Davon ist „Crocodile Tears“ weit entfernt – dennoch geht von dieser eigenwilligen Coming-of-Age-Geschichte eine Atmosphäre unterschwelliger Bedrohung aus.

 

Mama + Sohn im selben Bett

 

Johan (Yusuf Mahardika) ist ein junger Mann, der kaum Freizeit hat. Er lebt mit seiner Mutter (Marissa Anita) allein im Krokodilpark, den beide betreiben. Die dominante Mutter, die während des gesamten Films namenlos bleibt und nur mit Mama angesprochen wird, lässt ihrem einzigen Kind wenig Freiraum. Beide schlafen sogar im selben Bett. Gelegentlich stiehlt sich Johan davon, um in der nahen Stadt Flugblätter zu verteilen, die für den Park werben. Bei der Gelegenheit lernt er auch die gleichaltrige Arumi (Zulfa Maharani) kennen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Abnabelung unter Krokodil-Gewimmel

 

Sie ist neu in der Stadt, arbeitet in einer Karaoke-Bar und weiß nichts vom lokalen Gerede über den Krokodilpark. Johans Vater ist vor dessen Geburt spurlos verschwunden; man munkelt, die Mutter habe ihren Gatten getötet und an die Krokodile verfüttert. Als Johan und Arumi ein Liebespaar werden, droht der Mutter, ihren Sohn zu verlieren; zumindest ist ihr Besitzanspruch gefährdet. Bald wird Arumi schwanger ist und zieht auf der Krokodilfarm ein. Das macht die Lage nicht einfacher; Mutter bezweifelt ohnehin, dass ihr Johan der Vater des ungeborenen Kindes ist.

 

So entwickelt sich „Crocodile Tears“ als eigenwilliges Drama über einen jungen Mann, der sich abnabeln und seine Unabhängigkeit behaupten muss. An einem seltsamen Schauplatz: Das Leben auf der Krokodilfarm wirkt für Außenstehende absonderlich, was das Verhältnis von Mutter und Sohn noch bizarrer macht. Die gefährlichen Reptilien leben in umzäunten, recht engen Gehegen. Das Gewimmel ihrer Körper deutet nicht gerade auf artgerechte Haltung hin; zudem geht von den lethargisch wirkenden Tiere eine latente Bedrohung aus.

 

Beschützen + erdrücken

 

Der indonesische Filmemacher Tumpal Tampubolon ließ sich für seinen Debüt-Spielfilm von einer Natur-Doku inspirieren. Ihn fasziniert, dass Krokodile mit ihren mächtigen Kiefern nicht nur Beute reißen, sondern bei Gefahr auch ihren Nachwuchs im Maul verstecken. Darin sieht der Regisseur ein starkes Bild für die Zwiespältigkeit mütterlicher Liebe: einerseits um jeden Preis beschützend, andererseits unter Umständen auch erdrückend.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Nacht der Giraffe" – träumerische Coming-of-age-Parabel im Zoo von Jakarta von Edwin

 

und hier eine Besprechung des Films "Before, Now and Then" – stilles Drama über weibliche Selbstbefreiung während der Massaker in Indonesien 1965 von Kamila Andini

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Act of Killing" – brillante Re-enactment-Doku über die Täter der antikommunistischen Massaker in Indonesien 1965/6 von Joshua Oppenheimer, Europäischer Filmpreis 2013.

 

Im Kroko-Park führen die täglichen Fütterungen mit gekeulten Hühnern nicht nur Arumi an die Ekelgrenze. Dabei müsste eigentlich jedem klar sein, was eine Besuchergruppe ausspricht: Krokodile ernähren sich nicht von Steaks. Dennoch tischt die Mutter dem jungen Paar Hähnchenschenkel als Abendessen auf. Ohnehin ist ihr Verhalten im Lauf der Jahre auf der einsamen Farm recht kauzig geworden. Der feuchte Fleck an der Zimmerdecke hat nicht von ungefähr eine vertraute Reptilienform.

 

Stimmungsvoll eingefangene Farm-Routine

 

Überdies unterhält sie zu einem großen weißen Krokodil eine eigenartige geistige Beziehung; das macht sie nicht nur im metaphorischen Sinne zur Bedrohung für das junge Paar. In solchen Momenten spielt das Drama, das zuvor passagenweise ins Melodramatische abgleitet, mit Versatzstücken des Horror- und Psychothrillers. Doch am Ende gelingt dem Regisseur noch eine erstaunliche Wendung.

 

Im indonesischen Volksglauben verkörpern Krokodile auch einen spirituellen Aspekt; das mag zur mythologischen Grundierung der ansonsten eher überspitzten Parabel beitragen. Sie ist zugleich stimmungsvoll ausgeleuchtet und eingefangen; etwa bei Mutters nächtlichem Schlafwandeln, kurzen Traumsequenzen von Johan und selbst bei der täglichen Farm-Routine. Dabei lässt die Erzählhaltung lässt manchmal offen, was Realität und was Imagination sein mag; das sorgt für irritierende Momente im ansonsten doch etwas statisch wirkenden Geschehen.