
Strukturell ist „Das Beste liegt noch vor uns“ wieder ein typischer Moretti-Film mit allem, was dazugehört: Es gibt Fahrten durch sein geliebtes Rom, Beziehungskrisen, Diskussionen über Politik, Reflektionen über das Dasein als Regisseur und viele Kinoreferenzen. Alles ist unterlegt mit Ironie und oftmals direkt ans Publikum adressiert.
Info
Das Beste liegt noch vor uns
Regie: Nanni Moretti,
95 Min., Italien/ Frankreich 2023;
mit: Nanni Moretti, Marherita Buy, Silvio Orlando, Barbara Bobulova
Weitere Informationen zum Film
Erfolg mit Vatikan-Komödie
Sein letzter Publikumserfolg liegt schon einige Jahre zurück: „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ (2011) ist eine Tragikomödie über ein neu gewähltes Kirchenoberhaupt, das sich seinen Amtsverpflichtungen nicht gewachsen fühlt. Wie in den meisten seiner Filme trat der Regisseur dabei auch als Schauspieler vor die Kamera.
Offizieller Filmtrailer OmU
Am liebsten Regisseur + Hauptdarsteller
Zumeist spielt der 72-Jährige eine Version seiner selbst. Er stellt sich dabei als so liebenswerten wie irritierenden Neurotiker dar, dessen Gedanken vor allem um sich selbst kreisen und um die Dinge, die ihn interessieren. Aus diesem Grund wird er gern mit Woody Allen verglichen.
Diesmal liegen die Parallelen zum eigenen Leben geradezu auf dem Präsentierteller: Nanni (Kurzform von Giovanni) Moretti spielt einen alternden Regisseur namens Giovanni, der mühsam alle fünf Jahre einen Film fertig stellt. Er muss sich mit widerspenstigen Schauspielern, einem windigen Finanzgeber (Mathieu Amalric) und den Erwartungen potenzieller Geldgeber von Netflix herumschlagen. Das ist alles erwartbar unerfreulich, was Giovanni mit teils beißendem Sarkasmus kommentiert.
Das Professionelle + das Private
Außerdem hat seine Tochter einen neuen Freund, der vom Altersunterschied her ihr Vater sein könnte, und seine Ehefrau (Margherita Buy), die gleichzeitig auch seine Produzentin ist, trägt sich mit ernsthaften Trennungsabsichten. Seiner Ansicht nach ist sie ist gewissermaßen schon fremd gegangen, weil sie den Film eines jungen Regisseurs produziert.
Dessen gedankenlosen Umgang mit Gewaltszenen dekonstruiert Giovanni in einer furiosen Analyse, für die man ihm manch andere Regie-Entscheidung verzeiht. Als wären das nicht schon genug Themen, wird die Handlung des fiktiven Spielfilms, den Giovanni dreht, immer wieder mit der Gegenwart verschränkt.
Filmprojekt zur Parteilinie
In seinem Projekt geht es um Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), welche die offizielle Parteilinie aufgrund der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn durch die Rote Armee 1956 in Frage stellen. Sie solidarisieren sich mit ungarischen Zirkusartisten, die für ein Gastspiel in Rom weilen – stellvertretend für die aufständischen Ungarn. Darin steckt mehr politische Wunschvorstellung als historische Tatsachen.
Der KPI gehörten auf dem Höhepunkt ihrer Bedeutung knapp zwei Millionen Menschen an, was sie zur mitgliederstärksten Partei außerhalb des Ostblocks machte. Zwar war sie nie an der Regierung beteiligt, verfügte aber jahrzehntelang über großen politischen und kulturellen Einfluss im Land. Eine Filmszene legt nahe, dass das heute alles bereits vergessen ist.
Moretti + die Linke
Nanni Moretti ist selbst überzeugter Linker und hat sich in vielen Filmen mit Politik und der Rolle der italienischen Linken kritisch auseinandergesetzt. Er machte mit „La cosa“ (1990) sogar einen Dokumentarfilm über die Debatten innerhalb der kommunistischen Partei, die ihrer Umbenennung 1991 in Demokratische Linkspartei (Partito Democratico della Sinistra) vorausgingen. Und in der Satire „Der Italiener“ (2006) nahm er Silvio Berlusconi scharf aufs Korn.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Drei Etagen" – Episodenfilm von Nanni Moretti
und hier eine Besprechung des Films "Willkommen in den Bergen" – italienische Culture-Clash-Komödie von Riccardo Milani
und hier einen Beitrag über den Film "What is left?" – amüsant-verzweifelte Doku über den Niedergang der Linken in Italien von Gustav Hofer + Luca Ragazzi.
Marx + Engels als Verheißung
Allerdings mündet das Ganze in eine politische Utopie, die bei allem Wohlwollen irritiert. Da versammelt sich eine gut aufgelegte Menschenschar hinter der Fahne mit Hammer- und Sichelsymbol und dem Abbild Trotzkis und marschiert zu fröhlicher Musik in ein hoffnungsvolles Morgen – im Original heißt der Film „Die Sonne der Zukunft“.
Man fragt sich angesichts dieses Finales etwas fassungslos: Soll das nun ironisch sein oder ist es gar ernst gemeint? Liegt das Heilsversprechen tatsächlich in den Visionen von Marx und Engels, wie eine Texttafel nahelegt? Wer den real existierenden Sozialismus noch selbst miterlebt hat, kann angesichts eines solchen Salon-Kommunismus’ nur stöhnen.
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