
Es gibt Potentaten, die schier unersättlich sind und von ihren Untertanen nicht nur Gehorsam verlangen, sondern völlige Hingabe. So war es auch im Irak in den frühen 1990er-Jahren. Für Saddam Hussein Leib und Leben zu geben, war zur Zeit des Zweiten Golfkriegs keineswegs nur eine rhetorische Forderung.
Info
Ein Kuchen für den Präsidenten
Regie: Hasan Hadi,
105 Min., Irak/ Katar/ USA 2025;
mit: Baneen Ahmed Nayyef, Sajad Mohamad Qasem, Waheed Thabet Khreibat, Rahim AlHaj
Weitere Informationen zum Film
Das schwere Los der kleinen Kuchenbäckerin
Nun leidet das Land, seit seine Truppen im August 1990 in Kuwait einmarschiert sind, unter den Wirtschaftssanktionen der UN. Artikel des täglichen Bedarfs sind schwer zu bekommen und sehr teuer. Gebäck bleibt unter diesen Umständen für die meisten Menschen ein Wunschtraum. Deswegen muss die neunjährige Lamia (Baneen Ahmed Nayyef) erst einmal schwer schlucken, als sie das Los zieht, das sie zur Bäckerin bestimmt. Weder Gebete noch Tricks haben geholfen, sie zu verschonen.
Offizieller Filmtrailer
Mit Hahn und Oma in die Stadt
Die Waise lebt mit ihrer diabeteskranken Großmutter Bibi (Waheeda Thabet Khreibat) in einem traditionellen Schilfhaus in den Marschlandschaften zwischen Euphrat und Tigris im Südirak. Die Fortbewegung findet in dieser ländlichen Gegend vor allem per Boot statt.
Ohne Kuchen vor die Klasse zu treten, wäre unter der Tyrannei des Saddam Hussein gleichbedeutend mit Ungehorsam. Aus Angst vor schwerer Bestrafung begeben sich Lamia und Bibi zusammen mit ihrem zahmen Hahn Hindi in die Stadt, um dort nach Zutaten für das Backwerk zu suchen. Bis Lamia merkt, dass ihre Großmutter noch einen anderen Plan verfolgt: Aus Not will sie ihre Enkelin einer Pflegemutter übergeben.
Sittenbild eines gepeinigten Landes
Daraufhin büxt die Schülerin aus und will nun auf eigene Faust die Ingredienzien zusammentragen. Zum Glück trifft sie auf einem Jahrmarkt auf ihren gewitzten Schulfreund Saeed. Für beide Kinder beginnt nun eine Odyssee durch die Stadt. Diese einfache Prämisse nutzt der irakische Regisseur Hasan Hadi in seinem Langfilmdebüt, um ein Sittenbild des Iraks in der Endphase von Saddam Husseins Diktatur zu entwerfen.
Durch Lamias Augen kommen die Zuschauer mit den tragenden Institutionen der Gesellschaft in Kontakt: Schule, Markt, Kaffee, Polizei, Krankenhaus, Restaurant und Moschee. So entsteht der gesellschaftliche Querschnitt eines von Unterdrückung, Repression und nun auch wieder Krieg gepeinigten Landes – bereits von 1980 bis 1988 hatte sich der Irak einen verlustreichen Zermürbungskrieg mit dem Nachbarland Iran geliefert.
Korruption + Hilfsbereitschaft
Einsatzbereite und verletzte Soldaten sind ebenso allgegenwärtig wie Korruption: etwa wenn sich manche Schüler von der Backpflicht freikaufen, indem sie den Lehrer mit Dienstleistungen bestechen. Viele Menschen begegnen ihrer Lage mit Fatalismus: „Allah ist großzügig“, sagt die Großmutter immer, wenn sie nicht weiter weiß. Das ist leider oft der Fall.
Mitleid und Hilfsbereitschaft sind unter diesen Umständen rare Tugenden, und doch gibt es sie. So ist eine schwangere Kundin bereit, einem Lebensmittelhändler sexuelle Gefälligkeiten zu erweisen, damit er den Kindern den benötigten Zucker gibt. Der Postbote Jasim (dargestellt vom bekannten Lauten-Spieler Rahim Al Haj) unterstützt derweil selbstlos Oma Bibi bei der Suche nach ihrer Enkelin.
Laien-Ensemble an Originalschauplätzen
Dadurch wird „Ein Kuchen für den Präsidenten“ trotz seiner deprimierenden Umstände kein düsterer Film. Vielmehr folgt man den Kindern fasziniert durch eine Welt, die man allenfalls aus lange zurückliegenden Nachrichtenbildern verschwommen in Erinnerung hat. Die Auswirkungen des damaligen Krieges auf die Menschen des Landes werden auf einmal konkret fassbar.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Junge Siyar" - Ehrenmord-Roadmovie über irakischen Kurden von Hisham Zaman
und hier eine Besprechung des Films "Amrum" - Odyssee eines Schulkinds auf der Suche nach den Zutaten für einen Kuchen von Faith Akin
und hier einen Beitrag über den Film "Huhn mit Pflaumen" – Melodram über die iranische Elite der 1950er Jahre von Marjane Satrapi.
Hoher Preis für den Kuchen
Die ausgesprochen schön gefilmten und sorgfältig montierten Bilder werden sparsam mit traditioneller Musik unterlegt. Der Filmemacher selbst bezeichnet den Dreh an Originalschauplätzen als „langwierig und mühsam“. Gleichzeitig habe die Crew am Drehort viel Unterstützung erfahren, weil eine internationale Filmproduktion im Irak eben nichts Alltägliches ist.
Diese Mühe hat sich gelohnt: Der Film erhielt in Cannes 2025 den Preis für das beste Debüt. In ihm wahrt Hadi jederzeit die Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit, bleibt seinem realistischen Ansatz aber bis zuletzt treu. Der Preis, den Lamia für ihren Kuchen zahlen muss, ist entsprechend hoch.
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