
„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, heißt der berühmte Anfangssatz des Romanklassikers „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Heute möchte man hinzufügen: Über glückliche Familien lassen sich nur schwer Filme machen. An Konflikten herrscht jedoch in vielen Familien kein Mangel.
Info
Father Mother Sister Brother
Regie: Jim Jarmusch,
110 Min., USA/ Irland/ Frankreich 2025;
mit: Tom Waits, Adam Driver, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps
Weitere Informationen zum Film
Lakonie als Stilmittel
Allenfalls die Filme seines finnischen Kollegen Aki Kaurismäki zelebrieren in ähnlicher Form die Lakonie als Stilmittel. In seinem neuen Werk „Father, Mother, Sister, Brother“ ist alles punktgenau inszeniert, es wird kein Wort zu viel gesprochen. Alles ist bis aufs Wesentliche abgeschliffen, und doch öffnen sich Welten.
Offizieller Filmtrailer OmU
Anti-Action in drei Episoden
Für sein Nachdenken über Familienbeziehungen wählt Jarmusch die etwas aus der Mode gekommene Form des Episodenfilms: drei aufeinanderfolgende Geschichten schildern drei verschiedene Familien-Konstellationen, die nicht durch eine gemeinsame Handlung miteinander verbunden sind. Und alle drei werden gleichermaßen stark erzählt.
Dabei passiert im herkömmlichen Sinn eher wenig; Jarmusch selbst nennt sein Werk einen „Anti-Actionfilm“. Sein stiller Film verlangt Achtsamkeit und genaues Hinsehen, er drängt sich nicht auf. Solcher Minimalismus herrscht auch beim Soundtrack.
Der kauzige Vater
In der ersten, „Father“ betitelten Episode besuchen die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) seit längerer Zeit wieder einmal ihren kauzigen Vater (Tom Waits) irgendwo an der ländlichen US-Ostküste. Beide sind besorgt über die Finanzen und die Gesundheit ihres alten Herrn, haben aber anscheinend auch untereinander nicht sonderlich viel Kontakt.
Die Begegnung ist freundlich-distanziert, man bemüht sich etwas ungeschickt umeinander, trinkt Kaffee oder Tee zusammen – und bald wird klar, dass die Geschwister und der Vater sich nicht viel zu sagen haben. Erst am Schluss lässt eine eigenwillige Pointe das Gezeigte in neuem Licht erscheinen.
Das Ritual der Mutter
Gemeinsam getrunken wird auch im zweiten Teil „Mother“. In der irischen Hauptstadt Dublin bereitet eine Mutter (Charlotte Rampling) akribisch das alljährliche rituelle Kaffeetrinken mit ihren Töchtern Timothea (Vicky Krieps) und Lilith (Cate Blanchett) vor. Obwohl alle drei in derselben Stadt leben, treffen sie sich nur einmal im Jahr.
Den Kaffeetisch ziert ein erlesenes Ensemble aus Blumen, perfekt darauf abgestimmtem Geschirr und Törtchen vom Edelbäcker. Dazu wird eine steife und förmliche Konversation geführt, bei der sich alle bemühen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Dieses erstarrte Ritual wird immer wieder durch gezielte Grobheiten der jüngeren Tochter aus dem Takt gebracht.
Schwester + Bruder in leerer Wohnung
Der Humor in den ersten beiden Episoden ist sehr subtil und staubtrocken. Er speist sich aus dem Widerspruch zwischen dem, was die Protagonisten zu sein vorgeben, und der Wahrnehmung jener, die dieses Spiel durchschauen. Die dritte Geschichte „Sister, Brother“ schlägt eine ernstere Tonlage an.
Die beiden hippen Zwillinge Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) treffen sich in der ausgeräumten Wohnung ihrer Eltern in Paris, nachdem diese bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Das wird zu einem melancholischen Abschied vom Ort, an dem beide aufgewachsen sind. Darin mischt sich ihre Liebe für die Eltern mit einer gewissen Ratlosigkeit, wer diese denn eigentlich gewesen sind.
Rote Fäden + verbindende Elemente
Gegenseitige Entfremdung wird auch erkennbar, wenn das Geschwisterpaar am Ende vor all den eingelagerten Sachen ihrer Erzeuger steht und sich fragt, was es damit wohl anfangen soll. Zum Glück vertagen beide die Entscheidung.
Wiederkehrende Stilelemente verbinden die Episoden elegant: Immer wieder taucht eine Rolex-Uhr auf, ebenso junge Leute auf Skateboards. Stets werden rote Kleidungsstücke getragen, die Protagonisten trinken etwas zusammen und stoßen miteinander an – ohne Alkohol.
Maßgeschneiderte Rollen
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "The Dead don't die" – schräge Horrorkomödie von Jim Jarmusch
und hier eine Besprechung des Films "Gimme Danger" – Doku über Rockstar Iggy Pop + The Stooges von Jim Jarmusch
und hier einen Bericht über den Film "Paterson" – poetisch-intensives Porträt eines Busfahrer-Dichters mit Adam Driver von Jim Jarmusch
und hier ein Beitrag über den Film "Only Lovers Left Alive" – hinreißende Vampir-Liebesgeschichte mit Tilda Swinton von Jim Jarmusch.
Aber auch dem übrigen Ensemble gelingt es, mit wenigen Worten und Gesten die jeweiligen Figuren so zu skizzieren, dass man sofort eine Vorstellung davon bekommt, wie ihr Leben jenseits des kleinen Ausschnittes aussehen könnte, den Jarmusch uns zeigt. Durch diesen Familienfilm der etwas anderen Art zieht sich die Frage: Was verbindet erwachsene Kinder eigentlich mit ihren Eltern? Jarmusch beantwortet sie klugerweise nicht eindeutig.
Im Widerspruch zum Zeitgeist
Er ermutigt eher dazu, bei aller gegenseitigen Fremdheit den Kontaktfaden nicht ganz abreißen zu lassen und den anderen hinzunehmen, wie er ist, ohne sich selbst zu verbiegen. In dieser unaufgeregten Haltung steckt etwas Tröstliches, während derzeit im Privaten wie in der Politik immer häufiger an der Eskalationsspirale gedreht wird.
Auch deswegen mag „Father, Mother, Sister, Brother“ bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 überraschend mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden sein. Dagegen wirkte das letztes Werk von Jarmusch, der Zombiefilm „The Dead don‘t die“ (2019), eher wie ein amüsantes, aber doch recht belangloses Klassentreffen mit berühmten Schauspieler-Freunden; nun findet der US-Regisseur wieder zu alter Form zurück.
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