Luna Wedler + Karl Markovics

Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

Der stets schlecht gelaunte Misanthrop Hugo (Karl Markovics). Foto: X-Verleih AG
(Kinostart: 19.2.) Im volkspädagogischen Nirgendwo: Regisseur Nicolas Steiner verfilmt schwarzweiß eine Fabel, in dem eine studentische Schreibkurs-Leiterin einem verbitterten Säufer neuen Lebensmut einflößt. Der bizarr absurde Mix aus Sozialreportage, Romanze und Märchen lässt ratlos zurück.

Es scheint Licht am Ende des Tunnels zu geben. Zumindest erhält das Publikum zu Beginn der absurden Schwarzweiß-Tragikomödie diesen Eindruck – bis eine Ratte sich durch einen Lüftungsschacht durchgearbeitet hat. In einer Wohn-Höhle voller leerer Flaschen haust der Querulant Hugo Drowak (Karl Markovics); er ist dem „Amt für Ruhe und Ordnung“ seit langem ein Dorn im Auge. Nun wird der unbelehrbare, saufende Menschenhasser gezwungenermaßen für eine besondere Fortbildungsmaßnahme rekrutiert.

 

Info

 

Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

 

Regie: Nicolas Steiner,

127 Min., Deutschland 2025;

mit: Luna Wedler, Lars Eidinger, Karl Markovics

 

Weitere Informationen zum Film

 

„Tolerant und gewaltfrei durch Kreativität“ lautet die Devise, um Langzeitarbeitslose wieder in Schwung zu bringen. Für den Schreibkurs hat sich nur Drowak angemeldet; anschließend muss die junge, quirlige Studentin Lena Jakobi (Luna Wedler), die nebenher Puppen bastelt, den Sachbearbeiter überzeugen, dass sie eine kompetente Kursbetreuerin ist.

 

Rundblick im Messie-Fuchsbau

 

Bevor der Einzelunterricht beginnt, schaut sich die Kamera ausgiebig in Drowaks grauer und surrealer Welt um, die als Messie-Fuchsbau überzeichnet ist. Wo der ungewaschene Säufer in seinem Leergut-Labyrinth vor der Glotze sitzt, sollen kreative Lebenssäfte geweckt werden. Wobei das gekünstelt Absurde des settings mehr ist als stilvoll abfotografierte Kulisse – es soll offenbar existentielle menschliche Verlorenheit ausdrücken. Die starre Überwachungs-Perspektive gelegentlich eingesetzter Fischaugen-Kameras macht die Entfremdung zusätzlich spürbar. 

Offizieller Filmtrailer


 

Teufel spielt mit Erde Fußball

 

Drowaks exzessiver Alkoholkonsum dürfte sich an dem des saufenden Kult-Dichters Charles Bukowski orientieren – dessen De-facto-Filmbiographie „Barfly“ (1987) von Barbet Schroeder hatte Regisseur Nicolas Steiner seinerzeit gerade im Kino gesehen, als ihm das Drehbuch angetragen wurde. Weitere Inspirationsquellen mögen die absurden Sittenkomödien von Jean-Pierre Jeunet sein („Delicatessen“, 1991, oder „Die wunderbare Welt der Amélie“, 2001).

 

Obwohl die Frage auf der Hand liegt, ob in dieser bizarr bürokratischen Welt solche Einzelbetreuung nicht als Steuerverschwendung gelten müsste? Derweil lässt sich die unentwegt plappernde Optimistin Lena von Drowak feindselig beschimpfen, macht aber unverdrossen weiter mit ihren Schreibübungen. Schließlich mit Erfolg: Der ständig Missgelaunte schreibt ein Pamphlet zum Thema „Sehnsucht“. Freilich spielt der Teufel darin mit der Erde und ihren Bewohnern Fußball. Doch immerhin: Es geht voran! Auch wenn der Autor den Text anschließend zerreißt.

 

Amtsleiter hackt Ananas klein

 

Nach einer Weile werden im Amt die Zwischenergebnisse so ausführlich wie nichtssagend evaluiert; Scheitern ist ebensowenig vorgesehen wie die Frage, was das Ganze soll. Dass Teilnehmer im Malkurs in Tränen ausbrechen, gilt dagegen als großer Erfolg. Gelegentlich hackt der clownshafte Amtsleiter (Lars Eidinger) mit der Axt eine Ananas klein oder tanzt in Ritterrüstung alleine Tango; hinter seinem Schreibtisch drehen sich die Flügelräder der Mühle auf einem Gemälde.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Film "22 Bahnen" – Romanverflimung von Mia Maariel Meyer mit Luna Wedler

 

und hier eine Besprechung des Films "Résistance – Widerstand" – Drama über die Rettung jüdisches Kinder vor den Nazis durch den späteren Pantomimen Marcel Marceau von Jonathan Jakubowicz mit Karl Markovics

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Zeit, die wir teilen" – vielschichtiges Melodram von Laurent Larivière mit Lars Eidinger.

 

Dagegen muss Drowak einen Rückschlag hinnehmen: Er verliert seine Wohnung, kommt aber provisorisch bei der Studentin unter und hämmert auf deren geerbter Schreibmaschine herum. Diese getippten Seiten legt die Frau Jakobi heimlich dem Amtsleiter vor, wodurch der Dichter zunächst seine Wohnung zurück erhält. Zwar wirkt ihre Eigenmächtigkeit fatal weiter – doch das Drama führt nun eine weitere Erzählebene ein.

 

Alles dreht sich um verlorene Liebe

 

Drowak hält den Text für etwas Intimes, das er nicht preisgeben will – denn er handelt von seinen Erinnerungen an eine tragische Liebe. Jene Liebe, gezeigt in farbigen Rückblicken, wird nun zum Hauptmotiv im Debüt-Spielfilm des schweizerischen Regisseurs, der ein Drehbuch der Schriftstellerin Bettina Gundermann adaptiert hat. Im Mittelpunkt stehen die seelischen Leiden des alten Grantlers. Dagegen bleibt die Studentin als aufopferungsvolle Unterstützerin seltsam konturlos; sie agiert quasi engelsgleich, was ihren Optimismus und das Helfersyndrom erklärte.

 

Zwar ist das darstellerische Schaulaufen streckenweise recht unterhaltsam, und manche Bilder geraten eindrücklich – aber insgesamt stellt sich die Frage, was der Sinn dieser surreal angehauchten Fortbildungsmaßnahme sein mag. Teils Sozialreportage, teils Gutmenschentum und éducation sentimentale, versetzt mit märchenhaften Elementen und solchen des magischen Realismus: Diese Mischung wirkt ziemlich verquast. Zumal der Ansatz, durch ein paar kreative Impulse lasse sich eine Person mit schwersten Problemen reaktivieren, arg kurzsichtig erscheint.