Timothée Chalamet

Marty Supreme

Marty (Timothée Chalamet, li.) und sein Freund Wally (Tyler Okonma) inszenieren ein Tischtennisturnier, um durch Wetten Geld einzutreiben. Foto: Tobis
(Kinostart: 26.2.) Bildungsroman auf Speed: Regisseur Josh Safdie porträtiert einen US-Tischtennis-Profi, der sich in den 1950er Jahren mit Chuzpe und unbändiger Energie nach oben spielte. Eine Paraderolle für Timothée Chalamet – doch dem turbulenten Episoden-Feuerwerk fehlt es an Tiefgang.

Marty Mauser (Timothée Chalamet) spielt Tischtennis wie ein Champion – schnell, treffsicher und selbstbewusst. Dabei ist er genauso wortgewandt: In puncto Schlagfertigkeit, ob im wörtlichen oder übertragenen Sinn, macht ihm so leicht keiner was vor. Dem jungen Draufgänger schwebt eine Karriere als Profi-Spieler vor. Doch während Tischtennis in anderen Ländern wie Großbritannien oder Japan längst etabliert ist, interessiert sich in den USA der frühen 1950er Jahre kaum jemand dafür.

 

Info

 

Marty Supreme

 

Regie: Josh Safdie,

149 Min., USA / Finnland 2025;

mit: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A'zion

 

Weitere Informationen zum Film

 

Martys Ehrgeiz, Weltmeister zu werden, verbindet sich mit seinem Traum von einem besseren Leben. Raus aus dem Schuhgeschäft seines Onkels an der Lower East Side in New York, wo er als Verkäufer arbeitet, um sich das Geld für ein Flugticket nach London zu den “British Open” zusammenzusparen. Aber seine Familie hat andere Pläne; demnächst soll er im Geschäft zum Manager aufsteigen. Auch seine verheiratete Jugendfreundin Rachel (Odessa A’zion), mit der Marty heimlich eine Affäre hat, will verhindern, dass er weg geht.

 

Puttin’ on the Ritz

 

Als ihm sein Onkel den wohlverdienten Lohn nicht auszahlt, um die geplante Auslandsreise zu verhindern, stielt Marty diesen Betrag aus dessen Safe. Kaum in der britischen Hauptstadt angekommen, gibt es für ihn scheinbar kein Halten mehr: Runde für Runde spielt er sich im Turnier nach vorne. Derweil logiert er privat im eleganten Hotel Ritz, um auch in der high society voran zu kommen; dieser Luxus wird ihn bald teuer zu stehen kommen.

Offizieller Filmtrailer


 

Romanze mit Ex-Hollywoodstar

 

Denn Marty rast auf der Überholspur auf seinen Untergang zu, nach dem Motto: Hochmut kommt vor dem Fall. Wie von der Tarantel gestochen, sprintet er kreuz und quer durch den Film von Regisseur Joshua „Josh“ Safdie, um seinen Zielen näher zu kommen. Dazu zählt bald auch eine riskante Romanze mit dem unglücklichen Ex-Hollywoodstar Kay Stone (Gwyneth Paltrow); sie wohnt mit ihrem schwerreichen Industriellengatten im selben Hotel.

 

Safdie und sein Ko-Skriptautor Ronald Bronstein haben mit „Marty Surpreme“ eine Art Bildungsroman auf Speed geschaffen. Ihr von Adrenalin befeuerter Held schlawinert sich mit Penetranz und List durch die Geschichte – doch Verantwortung für sein bisweilen fragwürdiges Handeln will Marty nicht übernehmen.

 

Realer Tischtennis-Profi war Vorbild

 

Timothée Chalamet hat den Film mitproduziert; ihm ist die Rolle des charmanten Intriganten auf den drahtigen Leib geschrieben. Nie sitzt er still – selbst ohne Tischtennis-Schläger in der Hand gestikuliert er pausenlos wild mit den Armen. Fast möchte man ihn festhalten und mal richtig durchschütteln, damit er endlich zur Ruhe kommt.

 

Martys Chuzpe und Temperament sind historisch begründet. Diese fiktive Figur ist lose an den US-Tischtennis-Profi Marty Reisman (1930-2012) angelehnt, besonders an dessen unbändige Energie und seine showman-Qualitäten als Sportler, der in wichtigen Momenten zur Höchstform aufläuft. Dennoch verliert Marty Mauser bei den British Open im Finale gegen den Japaner Koto Endo.

 

Handlung gerät außer Kontrolle

 

Das dient freilich der fiebrigen Dramaturgie des Films: Die Handlung läuft unweigerlich auf eine Revanche bei der Weltmeisterschaft in Tokio hinaus. Bis es zum alles entscheidenden Match kommt, muss Marty aber diverse Schwierigkeiten überwinden. Es fehlt ihm erneut an Geld – hingegen nicht an ausgefuchsten Geschäftsideen.

 

Dagegen mangelt es dem Film in erster Linie an Tiefe. Regisseur Safdie packt so viel hinein, dass die Handlung bald außer Kontrolle gerät. Kuriose Nebenstränge wie ein Cameo-Auftritt des Filmemachers Abel Ferrara als Gangster mit Hund oder Rachels Schwangerschaft – Marty ist der Vater – sorgen für derart viel Trubel, dass man irgendwann ermüdet abschaltet.

 

Tyler, the Creator als Taxifahrer

 

Hintergrund

 

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und hier einen Beitrag über den Film "I, Tonya" – originell packendes Eiskunstlauf-Drama von Craig Gillespie mit Margot Robbie

 

und hier ein Bericht über den Film "Magnus - Der Mozart des Schach" – Doku über den damaligen Schach-Weltmeister Magnus Carlsen von Benjamin Ree.

 

Ähnlich wie Marty hat scheinbar auch der Regisseur in seinem erstem Solo-Projekt überschätzt, wie viel Egozentrik und Ehrgeiz einem einzigen Leben gut tun. Sein Bruder Benjamin „Benny“ Safdie zeigte da kürzlich mit „The Smashing Machine“ über einen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer mehr Sinn fürs Maßhalten. Zuvor hatten beide mit Filmen wie „Good Time“ (2017) und „Der schwarze Diamant“ (2019) Erfolg, in denen sie Anti-Helden rasant in Szene setzten.

 

In „Marty Supreme“ hinterlassen dagegen unauffällige Helfer den stärksten Eindruck. Etwa Géza Röhrig als ungarischer Ex-Tischtennis-Champion Bela Kletzki, mit dem Mauser ein Stunt-Duo bildet, das mit waghalsigen Kunststücken glänzt. Oder Tyler Okonma – berühmt als Rapper namens „Tyler, the Creator“ – in der Rolle des Taxifahrer-Kumpels Wally, der Marty beim Geldeintreiben unterstützt. Beide sind mit mehr Liebe und Kontur gezeichnet als die dreiste Hauptfigur.

 

Keine Einblicke in Tischtennis

 

Zwar ist der Film neun Mal für die Oscars nominiert, die im März verliehen werden. Über seinen größten Makel kann jedoch nichts hinwegtäuschen: Nie dringt Safdie wirklich in das Denken oder Fühlen von Marty ein. Ebensowenig in die Finessen von Tischtennis: Wer sich tiefere Einblicke in diese Sportart oder in individuelle Spielstrategien erhofft, wird enttäuscht.