Zürich

Mongolei: Eine Reise durch die Zeit

Verzierung einer Kopfbedeckung für Frauen, Mongolei, 13. – 14. Jh., Chinggis Khaan National Museum. Fotoquelle: Museum Rietberg
Was vor und nach Dschingis Khan geschah: Wie das riesige asiatische Steppenland seit 2000 Jahren Europa mit China verbindet, führt das Museum Rietberg mit ausgesucht aussagekräftigen Exponaten vor - und zeitgenössischer Kunst, die von einer tiefen Identitätskrise zeugt.

Steppenlandschaften, Nomaden, Pferde und Jurten: Das verbindet man traditionell mit der Mongolei. Doch das zentralasiatische Land hat auch eine ganz andere Seite. Die Hauptstadt Ulaanbaatar zeigt Merkmale einer modernen Metropole wie Shopping Malls, Verkehrsstaus und eine junge Kreativszene. Das Zürcher Museum Rietberg bringt beides zusammen.

 

Info

 

Mongolei: Eine Reise durch die Zeit

 

24.10.2025 - 22.02.2026

 

täglich außer montags 10 bis 17 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im Museum Rietberg, Gablerstr. 15, Zürich 

 

Katalog 24,90 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Eine raffiniert inszenierte Zeitreise durch 2000 Jahre lässt die Geschichte der Mongolei Revue passieren – von prächtigen archäologischen Exponaten bis zu zeitgenössischer Kunst. Die Qualität der Erzeugnisse Jahrtausende alter Handwerkskunst überrascht: hier ein goldenes Schloss, dort ein liturgisches Gewand aus Brokat und filigrane Tonfiguren. Die Zeugnisse von Hochkulturen aus 2000 Jahren passen kaum zum Klischeebild des Landes.

 

Von Korea bis Ungarn

 

Im 13. und 14. Jahrhundert bildete die Mongolei unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern das größte zusammenhängende Landreich aller Zeiten. Es reichte von Korea bis Ungarn, von Sibirien bis ins Tal des Indus im heutigen Pakistan und trieb lebhaften Handel mit Europa. Noch heute zählt die Mongolei flächenmäßig zu den größten Ländern der Erde, vier Mal so groß wie Deutschland – und sie besteht nicht nur aus Steppe, sondern umfasst auch Gebirge, Wälder, Seen und Städte.

Feature zur Ausstellung. © Museum Rietberg


 

Erste Hauptstadt zur Zeitenwende

 

Diese Vielfalt präsentiert das Museum Rietberg mit rund 200 Exponaten, von denen viele erstmals die Mongolei verlassen haben. Zudem gewährt die Schau mit sorgfältig ausgewählten Werken von Gegenwartskünstlern einen neuen Blick auf das Land und seine Kultur(en).

 

Es beginnt mit Longcheng, der sagenumwobenen Hauptstadt des frühesten Reichs im Gebiet der heutigen Mongolei, das die Xiongnu gründeten, ein mächtiges nomadisches Steppenvolk. Dieses Reich bestand vom 3. Jahrhundert vor bis zum 1. Jahrhundert nach Christus und reichte in seiner Blütezeit von Korea bis in die Steppen Zentralasiens. Um es regieren zu können, führten die Xiongnu Verwaltungsstrukturen mit festen Residenzen ein.

 

China-Seide bei Raubzügen erbeutet

 

2017 entdeckten Archäologen im Tal des Orchon-Flusses im Norden der heutigen Mongolei die Spuren einer großen Stadtanlage, bei der es sich vermutlich um Longcheng handelte. Auf einem zentralen, ummauerten Platz stand ein Gebäude im wohl chinesischen Stil. Anhand von gebrannten Dachziegeln mit chinesischer Aufschrift – von den Xiongnu sind keine schriftlichen Zeugnisse überliefert – lässt sich die Residenz dem Herrscher jenes Volksstamms zuordnen.

 

Chinesischen Quellen zufolge waren die Xiongnu nicht nur wichtige Handelspartner. Als kühne Steppenkrieger – sie ritten mit Sattel und Trense, jedoch ohne Steigbügel und Gerte – gingen sie auch ausgiebig auf Raubzüge. Dabei erbeuteten sie Luxusgüter wie Seide, von der sich Stoffreste erhalten haben. In den Gräbern der Oberschicht fand man neben Pferden und Wagen auch reich verziertes Zaumzeug mit goldenen Schmuckpaletten, die von der großen Bedeutung zeugen, welche die Xiongnu ihren Pferden beimaßen; außerdem kunstvolle Gürtelschnallen aus Gold, Silber oder Bronze.

 

80 Meter breite Prachtstraße

 

Verziert sind sie mit Tigern und mythischen Wesen, die dem sogenannten Tier-Stil zugeschrieben werden: Die Xiongnu praktizierten eine Spielart des Schamanismus. Besonders schön ist das Fragment eines bestickten Teppichs, auf dem eine Prozession mehrerer Männer zu einem Feueraltar zu erkennen ist. Das war wiederum Importware aus dem fernen Baktrien südlich des Aralsees, die zu den wertvollsten Gütern in den Fürstengräbern gehörte.

 

Viel später, im 8. Jahrhundert, brach die Zeit des uigurischen Steppenreichs an. Dessen Hauptstadt Karabalsagun im Orchon-Tal war ein wichtiges Handelszentrum auf der nördlichen Seidenstraße. Archäologische Spuren zeigen, dass sich die Metropole über ein Gebiet von 40 Quadratkilometern erstreckte. Eine 80 Meter breite Prachtstraße führte an Wohnhäusern, Werkstätten und Tempeln entlang auf die Palaststadt zu.

 

Geflügelte Raubkatze bewachte Grab

 

Ihre polyglotten Bewohner verbanden in ihrer Lebensweise Einflüsse aus China und Zentralasien, Vorderasien und dem Mittelmeerraum. Das belegen Münzen mit verschiedenen Prägungen. Ebenso wie ein anderes, kurioses Fundstück: ein Bügeleisen, das mit Holzkohle befeuert offensichtlich Seide aus China glätten sollte.

 

Überdies entdeckten Archäologen 2011 ein unterirdisches, unberührtes Grab aus dem 7. Jahrhundert, das wahrscheinlich für einen Adligen des Zweiten Türkischen Reichs angelegt worden war – ein Teil der Mongolen stammt von den Turkvölkern ab, die im frühen Mittelalter das Gebiet besiedelt hatten. Die Wände dieser Grabkammer waren mit Malereien bedeckt. In den Nebenräumen fand man 113 filigrane, bemalte Tonfiguren; etwa ein Mischwesen mit Raubkatzenkörper, Flügeln und Vogelschnabel, welches das Grab bewachte.

 

Multikulti-Gesellschaft im Orchon-Tal

 

Im 13. Jahrhundert eroberten Dschingis Khan, seine Söhne und Enkel ein Gebiet, das sich schließlich von Korea im Osten bis Ungarn im Westen, von Sibirien im Norden bis Vietnam und Nordindien im Süden erstreckte. Ihre Stärke beruhte nicht nur auf der siegreichen Armee, sondern auch auf einer straffen, zentralisierten Verwaltung. Obwohl die Herrscher weiter mit Palastzelten umherzogen, gab Dschingis Khan 1220 den Befehl, im Orchon-Tal die Hauptstadt Karakorum zu errichten.

 

Tatsächlich entstand sie 1235 unter der Herrschaft seines Sohns Ögedei. Mit Prachtstraßen, buddhistischen Tempeln, Moscheen, einer Kirche und einer Stadtmauer aus Lehm beherbergte sie sowohl uigurische Beamte als auch chinesische, persische oder europäische Handwerker und Kaufleute – eine multikulturelle Gesellschaft mit unterschiedlichen Gebräuchen und Religionen, die in rund zwanzig Sprachen kommunizierte und viele Übersetzer beschäftigte.

 

Mongolen-Gewand in Stralsund

 

Für diese Führungsschicht wurden zahlreiche Luxusgüter importiert: etwa Schalen aus gehämmertem Gold oder Silber aus Westasien, Keramik aus China oder bunte Kacheln aus Persien. Zu den Exponaten der Schau zählt ein Bronzespiegel: Mit einem Hirschen, einer Juwelen-Vase und einem Blütenzweig verziert, sollte er seinem Besitzer Glück bringen. Auch eine Zahnbürste aus Knochen ist zu sehen. Eine wichtige Rolle spielten zudem prestigeträchtige Kleidungsstücke aus Seide oder mit Goldfäden gewebtem Brokat.

 

Auf damaligen Handelswegen gelangten solche Stücke auch nach Europa und kleideten sogar hiesige Geistliche. So landete im Kirchenschatz von St. Nikolai in Stralsund ein prächtiges Exemplar: ein kostbares, mit Blumenranken verziertes liturgisches Gewand. „Die Metropolen der Mongolei waren für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Asiens und Europas im Mittelalter von zentraler Bedeutung“, resümieren die Kuratoren der Ausstellung.

 

Hälfte aller Mongolen wohnt in Hauptstadt

 

In jedem Fall war die Stadt Karakorum für die Mongolei so wichtig, dass man in jüngster Zeit schon erwogen hat, die jetzige Hauptstadt dorthin zu verlegen. Denn Ulaanbaatar ist binnen weniger Jahrzehnte zu einer Metropole mit 1,7 Millionen Menschen angewachsen; damit wohnt fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung in der Kapitale. 

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Archäologische Schätze aus Usbekistan" – anschauliche Überblicks-Schau zu Zentralasien "von Alexander dem Großen bis zum Reich der Kuschan" in der James-Simon-Galerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Indiens Tibet – Tibets Indien" – hervorragende Überblicks-Schau über das kulturelle Erbe im Westhimalaya im Linden-Museum, Stuttgart

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Adern der Welt" – anschaulich-einfühlsamer Öko-Krimi aus der Mongolei von Byambasuren Davaa

 

und hier einen Beitrag über den Film "Der letzte Wolf (3D)" – Bestseller-Verfilmung aus der chinesischen Mongolei als Systemkritik im Wolfspelz von Jean-Jacques Annaud.

 

Zu Lasten der Lebensqualität: Ulaanbaatar ist nicht nur die kälteste Hauptstadt der Welt, sondern auch die mit der größten Luftverschmutzung. Und großen sozialen Unterschieden: Videofilme in einem jurtenartigen Pavillon zeigen, dass Ulanbaatar einerseits wie in eine beliebige Großstadt erscheint, mit Coffee-Shops, Clubs und Shopping Malls, in denen modisch gekleidete Passanten auf ihre Smartphones starren. Andererseits lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze am Stadtrand in Jurten; ohne Strom, Heizung und fließendes Wasser.

 

Schildkröte zieht Skyline

 

„Wohin geht die Reise?“, fragt sich angesichts dessen der 1988 geborene Künstler Azjargal Davaadorj. Sein Gemälde namens „Evolution“ zeigt eine Schildkröte, die auf ihrem Rücken das mongolische Grasland mit verzierten Hirschsteinen aus den frühesten Kulturen in der Mongolei trägt. Sie zieht einen Wagen, wie ihn einst die Nomaden verwendeten. Doch anstelle von Jurten ist er mit der Skyline der Hauptstadt voller Wolkenkratzer beladen. 

 

Andere Kunstwerke sind ähnlich gut ausgewählt. Neben einem mit „Supermarkt“ betitelten Bild von Enkhbat Lkhagvadorj, auf dem Obdachlose auf einer Müllhalde PET-Flaschen einsammeln, stellt das „Krähen“ genannte Tableau von Ganbold Gerelkhuu mithilfe von gesichtslosen Kriegern der einstigen militärischen Stärke den Überlebenskampf im digitalen Zeitalter gegenüber.

 

Betende als Drahtskulpturen

 

Ganz anders wiederum der Beitrag von Uranchimeg Odmaa, die offensichtlich ihren inneren Frieden gefunden hat: Mit zwei hinreißend eleganten Drahtskulpturen in Gestalt von Betenden knüpft die Künstlerin an die buddhistische Idee der Leere und damit die spirituelle Tradition der Mongolei an. So entspinnt sich mit völlig unterschiedlichen, aber qualitativ hochwertigen Werken ein inspirierender Dialog mit der 2000-jährigen Geschichte, der die Zerrissenheit heutiger Mongolen zwischen Vergangenheit und Gegenwart widerspiegelt.