
„Ich habe alles!“ sagt Man-su (Lee Byung-hun). Ein großes Anwesen, zwei Kinder, die Frau, die ihm nach langen Ehejahren noch leidenschaftlich verbunden ist, und zwei Golden Retriever – was mehr könnte er sich wünschen? Ermöglicht hat ihm das seine Anstellung als Ingenieur in der Papierherstellung. Hier ist er Spezialist und stolz darauf, dass sich niemand besser mit Fein- und Spezialpapieren auskennt als er.
Info
No Other Choice
Regie: Park Chan-wook,
139 Min., Südkorea 2025;
mit: Lee Byung-hun, Son Ye-jin Son Ye-jin, Woo Seung Kim, So Yul Choi
Weitere Informationen zum Film
Relikte des analogen Zeitalters
Doch peinliche erste Bewerbungsgespräche zeigen, dass die Lage selbst für Höchstqualifizierte wie Man-su ziemlich aussichtslos ist. Papier, einst überall benötigte Massenware, ist mit der allumfassenden Digitalisierung zu einem Relikt des analogen Zeitalters geworden. Genauso geht es denjenigen, die es herstellen. Aus den von Man-su zunächst avisierten drei Monaten, die der unerfreuliche Zwischenzustand bis zum neuen Job dauern sollte, werden immer mehr. Sogar das Haus steht irgendwann vor der Zwangsversteigerung.
Offizieller Filmtrailer
Romanverfilmung als Herzensprojekt
Doch Lees nebenbei gestellte Frage, ob seine Konkurrenten denn nie der Blitz treffe, bringt Man-su auf eine Idee. Vielleicht gibt es gar nicht zu wenig Jobs, sondern bloß zu viele Mitbewerber. Der Roman „The Ax“ (1997) von Donald E. Westlake, auf dem Park Chan-wooks Film basiert, beginnt mit dem Satz „Ich habe noch nie jemanden getötet.“ Doch nun macht die Situation genau das notwendig.
Park Chan-wook hat mit seiner Verfilmung des bei allem schwarzen Humor lehrstückhaft moralischen Buchs ein Herzensprojekt umgesetzt. Seit 1992 dreht er Filme, seinen Durchbruch im Heimatland feierte er 2000 mit „Joint Security Area“, einer politischen Parabel über die Annäherung der beiden koreanischen Staaten. International wurde er mit dem blutigen Rachedrama „Oldboy“ (2003) erstmals als stilprägender Regisseure des neueren südkoreanischen Kinos wahrgenommen.
Wettbewerbsgesellschaft als Nährboden der Groteske
„The Ax“ wurde bereits 2005 vom griechisch-französischen Politfilmer Constantin Costa-Gavras verfilmt. Park hat den Stoff nun ganz zu seinem eigenen gemacht. Denn noch immer bietet die südkoreanische Gesellschaft mit ihrer gnadenlosen Fixierung auf beruflichen Erfolg und Wettbewerb einen besonders nahrhaften Boden für böse Grotesken in satten Farben. Treiber der Handlung ist dabei stets die nackte Angst vor dem Statusverlust.
Man-su ist von Anfang an entschlossen, seiner Familie den hart erarbeiteten Luxus zu erhalten. Der Plan, den er dafür ausheckt, basiert auf kühler Kalkulation: Er schaltet eine Stellenanzeige, deren Anforderungen seinem eigenen Profil entsprechen. Daraufhin schicken ihm ähnlich qualifizierte Bewerber ihre Unterlagen – und er braucht nur noch abzuwägen, wen er eliminieren muss.
Zweifel + Hindernisse
Nach seiner eingehenden Analyse scheinen drei Morde nötig. Das ist überschaubar, aber in vielen Details der Ausführung schwieriger als erwartet. Das ermöglicht es Park, in gewohnter Ausführlichkeit viele grotesk komische Momente zu inszenieren. Und immer wieder stellen sich dem Protagonisten unterwegs Fragen zur Richtigkeit seines Verhaltens. Sie kommen von einer zufälligen Zeugin eines seiner Mordversuche, von Ehefrau Lee, aber auch vom eigenen Über-Ich.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Frau im Nebel" – Neo-Noir-Psychothriller von Park Chan-wook
und hier eine Besprechung des Films "Die Taschendiebin – The Handmaiden" – eleganter Erotik- Thriller aus Südkorea von Park Chan-wook
und hier einen Beitrag über den Film "Stoker" – stilvoller Familien-Thriller mit Mia Wasikowska von Park Chan-wook
sowie hier eine Kritik der Komödie "Parasite" über den Kampf einer Familie gegen den gesellschaftlichen Abstieg von Bong Joon-ho.
Höhepunkt der Regie-Karriere
Passend dazu steht die Gestaltung des Films ebenfalls ganz auf der Seite des Analogen. Jede Kamerabewegung erfolgt mit einer Hingabe zum kinematographischen Handwerk, wie sie im Kino immer seltener zu sehen ist. Allerdings hätte es dem Film gutgetan, sich die eine oder andere besonders innovative Perspektive zu ersparen. Wenn etwa das Hinabstürzen eines Drinks mittels einer im Glas platzierten Kamera gezeigt wird, trägt das weder zur Erzählung noch zur Gestimmtheit der Figur wesentlich bei.
Insgesamt erreicht Park mit „No Other Choice“ aber einen neuen Höhepunkt seiner Regie-Karriere. Denn die Einbettung der Parabel in den aktuellen technischen und gesellschaftlichen Wandel gelingt ihm deutlich subtiler und damit letztlich überzeugender als selbst seinem Landsmann Bong Joon-ho in dessen Meisterwerk „Parasite“.
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