
Es gibt eine Fotografie von Raoul Hausmann (1886-1971), die womöglich mehr als alles andere sein Selbstverständnis auf den Punkt bringt – aufgenommen hat sie 1929 kein Geringerer als August Sander, der Schöpfer der epochalen Bild-Enzyklopädie „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Obwohl sie bezeichnenderweise nur mit „Der Dadaist Raoul Hausmann“ betitelt ist, sind darauf drei Personen zu sehen.
Info
Raoul Hausmann:
Vision. Provokation. Dada.
08.11.2025 - 16.03.2026
täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr
in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Berlin
Katalog 39,80 €
Weitere informationen zur Ausstellung
Finanziell abhängiger Macho
Dass auf Sanders Fotografie Hausmann sich auf die Frauen an seinen Seiten mehr stützt, als dass er sie umarmt, ist symbolträchtig: Über weite Strecken war der Künstler von seinen Partnerinnen finanziell abhängig, da er selbst wenig verdiente. Zugleich liegt in seinem Ausdruck etwas ungemein Selbstgefälliges: ein Macho in seinem natürlichen Habitat. Es liegt nahe, in Letzterem die Kompensation für Ersteres zu vermuten.
Interview mit Direktor Thomas Köhler und Impressionen der Ausstellung
Immer einen Sprung voraus
Bescheidene Künstler gibt es nicht, hat ein kluger Kopf mal süffisant bemerkt. Aber Hausmann trat mit einem großspurigen Aplomb auf, der seinesgleichen sucht. Die bis heute berühmten Collage „Der Kunstkritiker“ (1919/20) signierte er mit: „Raoul Hausmann, Präsident der Sonne, des Mondes und der kleinen Erde (Innenfläche), Dadasoph, Dadaraoul, Direktor des Circus Dada“. Diese Ämterhäufung war nur halb ironisch gemeint.
Dada-Mitstreiter Hans Richter charakterisierte ihn 1961 als „Mr. ›Ich‹; Erfinder, Modeschöpfer und Photomonteur, Optophonetiker und philosophischer Photograph, photographischer Maler, malerischer Dichter und dichterischer Schauspieler, schauspielender Erotiker und erotischer Dadaist“, der „immer einen Sprung voraus“ gewesen sei – auch „vor sich selbst.“ Auch hier drängt sich der Verdacht auf, dass seine vollmundige Selbstbeweihräucherung, sein behauptetes Alleskönnertum vor allem kompensieren sollte, wie wenig er tatsächlich vermochte.
Eltern begingen Selbstmord
Obwohl er biographisch beste Voraussetzungen hatte: Sein österreichischer Vater war erfolgreicher Porträt- und Historienmaler. 1900 zog die Familie von Wien nach Berlin um. Doch Raoul Hausmanns Verhältnis zu seinen Eltern war distanziert; als sie 1920 Selbstmord begingen, kommentierte er das nicht. Zuvor hatte er ohne Schulabschluss drei Jahre lang bis 1911 an den privaten „Studien-Ateliers für Malerei und Plastik“ in Berlin-Charlottenburg gelernt; es blieb seine einzige Ausbildung.
Danach gestaltete er jugendstilhafte Entwürfe für Bucheinbände, Glasfenster und Schrifttypen; aber das trug nicht viel ein. Ab 1912 knüpfte er Kontakte zu Berliner Expressionisten wie Erich Heckel und Ludwig Meidner, malte auf diese Weise und veröffentlichte in ihrem Zentralorgan „Der Sturm“. Doch erst die Beziehung zu Hannah Höch ließ ihn originell werden: Gemeinsam entwickelten sie Fotocollagen als künstlerisches Medium – sie sollten die Ausdrucksform par excellence der Dada-Jahre werden.
Allesverweigerung wie bei Punk
Die waren kurz, aber intensiv: Mit Richard Huelsenbeck und Johannes Baader veranstaltete Hausmann in Berlin und einem halben Dutzend weitere Städte Abende, die alles auf den Kopf stellen, was zuvor als künstlerische Tätigkeit gegolten hatte. Das strahlte aus: Zu Hausmanns Freundeskreis zählten auch Hans Arp, Otto Freundlich und vor allem Kurt Schwitters, mit dem er aufwändige Projekte anvisierte und teilweise auch durchführte.
Blickt man mit dem Abstand von 100 Jahren auf die marktschreierischen Parolen und kryptischen Botschaften, die damalige Dada-Plakate, -Flugblätter, -Zeitschriften und -Lautdichtung verbreiteten, fällt ihre ungeheure Radikalität auf. Publikumsbeschimpfung und Größenwahn gingen eine locker aus dem Ärmel geschüttelte Symbiose ein; dazu ein Gestus der Allesverweigerung, wie er erst 60 Jahre später in der Punk-Musik wieder auftauchen sollte.
1922 war Dada Geschichte
Da wurde etwa 1920 die „Erste Internationale Dada-Messe“ beworben; diese Ein-Raum-Ausstellung in der „Kunsthandlung Dr. Otto Burchard“ war Höhe- und Endpunkt der Bewegung. Zugleich prangt auf dem Plakat die Losung: „Die Bewegung Dada führt zur Aufhebung des Kunsthandels“. Was wohl Dr. Otto Burchard davon hielt?
Dada fand wohl deshalb so viel Widerhall, weil es eine verständliche und adäquate Reaktion auf die Gräuel des Ersten Weltkriegs war, der die bürgerliche Gesellschaft diskreditiert hatte; nicht von ungefähr fegte nach seinem Ende eine Welle von Revolutionen durch Europa. Diesen Revolutions-Impuls trug Dada in den Kunstbetrieb. Mit seinem Abflauen – 1922 war Dada Geschichte – war offenbar auch Hausmanns Mission in der Kunstgeschichte erledigt, obwohl er selbst von ungebrochenem Sendungsbewusstsein blieb.
Verwandlungs-Apparat Optophon
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Hannah Höch: Revolutionärin der Kunst" über das Werk der Dadaistin nach 1945 in Mannheim + Mülheim a.d. Ruhr
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Rudolf Schlichter – Eros und Apokalypse" - Werkschau des vielseitigen Künstlers von Dada über Neue Sachlichkeit bis Surrealismus in Koblenz + Halle
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Hans Richter – Begegnungen: Von Dada bis heute" – große Retrospektive des Multimediakunst-Pioniers im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Traumanatomie" über die Dada-Pioniere Hugo Ball + Hans Arp im Arp Museum, Remagen.
1933 emigrierte er aus Deutschland und ließ sich auf Ibiza nieder, dann später in der Schweiz und Frankreich. 1944 zog er ins mittelfranzösische Limoges, wo er bis zu seinem Lebensende blieb – als schillerndes Denkmal der Vorkriegs-Avantgarde in provinziellen Künstlerkreisen. Dort versuchte er sich noch in Neo-Dada und gestischer Malerei.
Wirkt in Gesellschaft mit wenig Zukunft veraltet
Dieser wechselhaften Vita widmet die Berlinische Galerie eine beeindruckende Ausstellung. Aus Anlass ihres 50. Geburtstag hat sie sich richtig ins Zeug gelegt; sie präsentiert eine opulent inszenierte und kundig kommentierte Hausmann-Retrospektive, die keine Wünsche offen lässt.
Auch die schwächeren Werkphasen wie seine Fotografie, die zwischen Neusachlichem, konventionellen Porträts und Experimenten unentschieden hin und her schlingert, oder die Fingerübungen im französischen Exil werden ausführlich dokumentiert. Als Zeugnisse eines Fanals der permanenten Kunstrevolution, das in einer Gesellschaft, die viel Vergangenheit, aber kaum noch Zukunft zu haben scheint, umso veralteter wirkt.
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