
Souleyman (Abou Sangaré) hat keine Zeit zum Plaudern. Zeit ist Geld, das weiß er so gut wie jeder andere Fahrradkurier. Der junge Mann aus Guinea rast wie auf der Flucht durch die verstopften Straßen von Paris. Er nutzt jede Lücke im Großstadtverkehr, denn er hat noch jede Menge Jobs zu erledigen. Souleyman liefert an Kunden einer mobilen App Essen aus. Sie quittieren die Lieferung mit einem Zahlencode. Ein Klick auf dem Handy, und weiter geht’s.
Info
Souleymans Geschichte
Regie: Boris Lojkine,
93 Min., Frankreich 2024;
mit: Abou Sangaré, Alpha Oumar Sow, Nina Meurisse, Emmanuel Yovanie
Weitere informationen zum Film
Das entscheidende Interview
Wie Souleyman sich durch den Tag schlägt, ohne einen Unfall zu bauen, gleicht einem kleinen Wunder. Denn während er sich auf die Straße konzentriert, hat er gleichzeitig noch wichtigere Dinge im Kopf: seinen Asylantrag, und das bevorstehende Interview, das darüber entscheiden wird, ob er eine Aufenthaltsgenehmigung erhält oder nicht. Dafür wird ihm eine Sachbearbeiterin Fragen zu seiner Vergangenheit stellen. Ohne eine wasserdichte Erklärung, warum er sein Heimatland verlassen musste, riskiert er die Abschiebung.
Offizieller Filmtrailer
Lügen für den Aufenthaltstitel
Warum der Mittzwanziger nach Europa geflüchtet ist, wird im Film nicht verschwiegen: Zu Hause kämpft seine Mutter mit schweren psychischen Problemen. Souleyman hofft, ihr mit seinem besseren Gehalt helfen zu können. Aber die spärlichen Einnahmen, die er mit seinem Job erzielt, darf er nicht allein einkassieren. Ohne eigene Arbeitserlaubnis ist er auf einen illegalen Unterhändler angewiesen, der von Souleymans Situation profitiert.
Auch seine Wohnsituation ist prekär. Dank einer Organisation, die sich um Obdachlose kümmert, bekommt er zumindest in manchen Nächten einen Schlafplatz. Zusätzlich zu dem Geld, das er nach Hause schickt, hat er allerhand Ausgaben: Für seinen Gesprächstermin braucht er diverse Dokumente, die die Geschichte rund um seinen Asylantrag glaubwürdig machen. Die erfundene Story, um seine Flucht aus der Heimat vor den Behörden zu rechfertigen, ist Teil des Deals, den er mit einem weiteren Profitjäger eingeht. Da Souleyman dafür auch ein paar Lügen erzählen muss, versucht er, sie sich beim Fahrradfahren einzuprägen.
Hauptdarsteller wie geschaffen für die Leinwand
Der gesamte Film dreht sich um den entscheidenden Termin bei der Einwanderungsbehörde – und um seinen Protagonisten, gespielt mit überzeugender Dringlichkeit von Abou Sangaré. Sein hageres Gesicht mit den hohen Wangenknochen, die stets angespannte Haltung und sein eindringlicher Blick scheinen wie geschaffen für die große Leinwand. Die Kombination aus Charisma und Energie erzielt hier maximale Wirkung.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Klandestin" – Thriller über illegale Migrations von Angelina Maccarone
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und hier eine Besprechung des Films "Heute bin ich Samba" – beschwingte Tragikomödie über illegale Einwanderer in Frankreich von Olivier Nakache und Eric Toledano
und hier einen Beitrag über den Film "Ein Dorf sieht schwarz" – originelle Migrationskomödie um farbige Arzt-Familie in der französischen Provinz von Julien Rambaldi.
Vor und nach der Überfahrt
Souleymans Schicksal erinnert bisweilen etwa an „Io Capitano“, Italiens offizieller Kandidat für den Oscar als Bester internationaler Film vor zwei Jahren. Mit einem entscheidenden Unterschied: Während Matteo Garrones Film die gefährliche Flucht eines jungen Afrikaners nach Europa nachzeichnet, erzählt Lojkine indirekt die Fortsetzung der Geschichte: Wie geht es weiter, nachdem man die riskante Überfahrt überlebt hat?
Für Souleyman bedeutet dies einen unermüdlichen Kampf ums Bleiben in einem System, das ihn am liebsten sofort wieder los wäre. Aber zwischen den Zeilen wird auch deutlich, dass die politischen Zustände in seiner afrikanischen Heimat zu seiner misslichen Lage beigetragen haben. Wie er selbst unter Tränen in der Befragung auf der Behörde erklärt, habe er zunächst versucht, in seinem Land für sich und seine kranke Mutter zu sorgen, was ihm nicht gelang. Dann ging er nach Libyen, landete dort im Gefängnis und wurde gefoltert.
Spannung trotz Berechenbarkeit
Obwohl „Souleymans Geschichte“ seinem sich abstrampelnden Protagonisten einige Hindernisse in den Weg legt, ist recht vorhersehbar, wohin die Reise dieses ehrlichen jungen Mannes geht. Doch das tut der Spannung nur wenig Abbruch, weil Sangaré die schwere Last seiner Figur mit Würde und Wahrhaftigkeit auf seinen schmalen Schultern trägt
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