
„Triegel trifft Cranach“ ist ein vermeintlich bescheidener Etikettenschwindel für diesen Dokumentarfilm – auch wenn es bereits 2022 eine gleichnamige Monographie zum Thema in Buchform gab. Denn Lucas Cranach d. Ä. tritt nur am Anfang kurz auf: Wenn Michael Triegel im Depot im Schein seiner Taschenlampe zwei Seitenflügel mit sechs Heiligenfiguren begutachtet.
Info
Triegel trifft Cranach –
Malen im Widerstreit der Zeiten
Regie: Paul Smaczny,
107 Min., Deutschland 2025;
mit: Michael Triegel, Neo Rauch, Elisabeth Triegel, Christine Salzmann
Weitere Informationen zum Film
Neo Rauch als Vorgänger
Es ist nicht der erste Auftrag an einen Gegenwarts-Künstler für ein Werk im Naumburger Dom: Triegels Leipziger Kollege Neo Rauch, der ebenfalls figurativ malt, hat schon 2007 eine Kapelle des Gotteshauses mit Motiven zur Heiligen Elisabeth von Thüringen als leuchtend rote Glasfenster ausgestattet. Doch Triegels Arbeit soll ungleich prominenter platziert werden: mitten im Westchor, der durch die hochgotischen, lebensgroßen Stifterfiguren des Naumburger Meisters weltberühmt ist. Das wird sich später als Problem erweisen.
Offizieller Filmtrailer
Rückkehr in den Schoß der Kirche
Davon ist im Dokumentarfilm von Regisseur Paul Smaczny lange nicht die Rede, und auch am Ende nur kurz. Denn eigentlich handelt er nur von Michael Triegel selbst, angefangen mit seiner künstlerischen Ausbildung und seiner geistigen Prägung. Wie nicht wenige Kreative in der Spätphase der DDR wandte sich der 1968 geborene Triegel den Alten Meistern in Literatur und Kunst zu, quasi als Protestakt gegen die mediokre Tristesse in Ostdeutschland.
Von 1990 bis 1997 studierte er an der Leipziger „Hochschule für Grafik und Buchkunst“ (HGB), der Hochburg der „Leipziger Schule“: Maler wie Werner Tübke, Bernhard Heisig und Arno Rink hatten die figurative Dogmatik des Sozialistischen Realismus zu anspielungsreichen Weltpanoramen mit altmeisterlichen Anleihen weiterentwickelt. Daran wollte Triegel anknüpfen – allerdings schlug er sich vollends auf die Seite der Vergangenheit. Nicht nur mit einer an Dürer, Michelangelo und Raffael geschulten Neo-Renaissance-Feinmalerei, sondern auch mit der Rückkehr in den Schoß der Kirche: 2014 ließ sich Triegel katholisch taufen. Freimütig bekennt er bei einem Filmausflug zur Karfreitagsprozession auf der Insel Procida bei Elba, die Bilderseligkeit und -trunkenheit des Katholizismus habe ihn magisch angezogen.
Schritt für Schritt zum Ölbild
Im Jahrzehnt zuvor war er zum Haus- und Hofmaler der beiden deutschen Großkirchen geworden: mit einem halben Dutzend Aufträgen zur Ausschmückung von Gotteshäusern und als Höhepunkt dem offiziellen Porträt von Papst Benedikt XVI..Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, vergeben die Kirchen wie schon seit Jahrhunderten weiterhin gut dotierte Aufträge für Sakralkunst. Und Triegel liefert in einer den Klerikern vertrauten Formensprache, die sich nahtlos ins Vorhandene einfügt.
Derartige Überlegungen dürften auch Auslöser für die Idee gewesen sein, den Marienaltar im Naumburger Dom von Triegel neu malen zu lassen. Genaueres erfährt man nicht; der Auftrag fällt quasi vom Himmel. Umso kleinteiliger verfolgt Regisseur Smaczny, wie Triegel diese Aufgabe angeht und Schritt für Schritt ausführt – bis zur Fertigstellung vergehen zwei Jahre. Wer schon immer einmal einem Kunstmaler alter Schule über die Schulter gucken wollte, um en detail zu erfahren, wie Schritt für Schritt ein Ölbild in Lasurtechnik entsteht, wird hier bestens bedient. Wofür Smaczny erlesene Aufnahmen und prägnante Einstellungen für die im Grunde banale Situation findet.
Gattin + Tochter als Frauenfiguren
Zunächst erläutert der Künstler eingehend, wie er seine Komposition anlegt und welche Vorbilder er für die Gestalten darauf auswählt. Als Vorbild für den Hl. Paulus dient der Kopf eines Rabbis, den er einst an der Klagemauer in Jerusalem sah. Als Hl. Petrus darf der Kopf eines römischen Bettlers herhalten – mit basecap, ach wie zeitgemäß! Als Wink mit dem ökumenischen Zaunpfahl findet auf diesem katholischen Marienbild auch das Antlitz des protestantischen Geistlichen Dietrich Bonhoeffer – Märtyrer des NS-Widerstands – seinen Platz. Und links neben der Gottesmutter repräsentiert ein Jüngling aus Procida das einfache Volk. Wobei Triegels Begründung, er wolle Identifikationsfiguren für heutige Betrachter schaffen, doch etwas dürftig anmutet – dafür dieser enorme Aufwand?
Die prominenten Frauengestalten des Tableaus hat Triegel mit Gattin Christine und Tochter Elisabeth besetzt: Letztere als Madonna, für deren biblische Mutter Anna wiederum ihre reale Mutter Modell stand – ihr Abbild ist natürlich idealisiert, wie sich das für diesen Anlass gehört. Eine Zeichnung der halb so alten Christine dient Triegel wiederum als Vorlage für die jugendschöne Hl. Elisabeth von Thüringen. Wer kann schon seiner Angetrauten das Kompliment machen, sie gleich zwei Mal in einem Weltkulturerbe-Dom zu verewigen?
Farbauftrag mit Fingern korrigieren
Während der Maler alle weiteren Bildelemente mit erschöpfender Ausführlichkeit kommentiert, ist es spannender, ihm bei der Arbeit an der Leinwand zuzusehen: wie nach Vorzeichnung, Grundierung und beständiger Modellierung von Farbflächen sich allmächlich das gewünschte Ergebnis herausschält. Überraschend etwa, wie häufig Triegel mit bloßen Fingern den Farbauftrag korrigiert, um dann mit feinem Pinsel Akzente zu setzen. Am Ende wird der Hintergrund vergoldet, was der Maler Spezialisten überlässt – auch das eine selten zu sehende Prozedur.
Der fertige Marienaltar wird aufgestellt und am 3. Juli 2022 vom Bischof feierlich eingeweiht; zum allgemeinen Wohlgefallen und Frohlocken. Aber da war doch noch was? Richtig: der wohl – abgesehen von der Kontroverse um Gerhard Richters Fenstergestaltung für den Kölner Dom – größte Streit um Kirchenausstattung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Immerhin tobt er seit drei Jahren und ist noch längst nicht beigelegt.
Wer hat das letzte Wort?
Kurzgefasst geht es darum: Die ICOMOS-Kommission, die bei der UNESCO für das Weltkulturerbe-Prädikat zuständig ist, kritisiert den Marienaltar als zeitgenössische Zutat, welche die Stifterfiguren verdecke – falls er dort bleibe, sei der Weltkulturerbe-Status gefährdet. Die „Vereinigten Domstifter“ halten dem entgegen, der Altar habe schon vor 500 Jahren an derselben Stelle gestanden. Außerdem entscheide die Kirchengemeinde selbst über die liturgische Ausstattung, nicht der Denkmalschutz.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Michael Triegel: Verwandlung der Götter" im Museum der bildenden Künste, Leipzig
und hier eine Besprechung des Films “Die Thomaner” – Doku zum 800-jährigen Bestehen des Knaben-Chors von Paul Smaczny + Günter Attel
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Bild und Botschaft – Cranach im Dienst von Hof und Reformation" – große Doppelausstellung zu Lucas Cranach d. Ä. + d. J. in Gotha, Kassel + Weimar
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Der Naumburger Meister" mit Meisterwerken gotischer Sakralkunst im Naumburger Dom, Naumburg/Saale.
In Tradition klerikaler Vertuschung
Dazu hat Regisseur Paul Smaczny fast nichts zu sagen. Er blendet zwei Texttafeln ein und lässt den Kunsthistoriker Paul Zöllner lästern, die Denkmalschützer wollten ein „Reinheitsgebot“ durchsetzen – das war es. Die Gegenseite kommt ohnehin nicht zu Wort. Auch Maler Triegel – der vorher redselig beteuert, wie ungeheuer reflektiert er sei – verliert kaum ein Wort über die Affäre; lieber schwadroniert er über Folgeprojekte.
Smaczny hat bereits mehr als ein halbes Dutzend Dokumentarfilme gedreht oder produziert; vorwiegend über Musik-Themen, bei denen es eher harmonieselig zugeht. Doch dem vielschichtigen Marienaltar-Streit weicht er aus. Sein verdruckstes Herunterspielen der Angelegenheit passt allerdings zur klerikalen Gewohnheit, Missliebiges zu vertuschen, solange es geht. So wird diese Doku zur brav-gefälligen home story als studio story eines Auftragsmalers in seinem Atelier. Der Bilderstreit ist derweil auf Eis gelegt: Im September wurde der Marienaltar für zwei Jahre an den Vatikan ausgeliehen.
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