Ratchapoom Boonbunchachoke

A Useful Ghost

Unerwarteter Besuch: Nach ihrer Reinkarnation als Staubsauger sucht Nat nach ihrem Ehemann im Krankenhaus. Foto: © Little Dream Pictures
(Kinostart: 26.3.) Staubsauger der Herzen: In dieser Mystery-Komödie aus Thailand sind Elektrogeräte von Geistern beseelt. Doch der Debütfilm von Regisseur Ratchapoom Boonbunchachoke ist kein Klamauk, sondern eine wundervoll präzise komponierte Parabel mit politischem Hintersinn.

Gespenster und Geister gehören zur Filmgeschichte seit ihren Anfängen. Schon bevor es Kinos gab, wurden bewegte Projektionen benutzt, um etwa Séancen gewünschte übersinnliche Effekte zu geben. Bald hatte jede nationale Kinokultur ihren Kanon an Geisterfilmen. Der deutsche Nachkriegsfilm brachte jedoch kaum noch relevante Spukgeschichten hervor, und in Hollywood interessiert man sich längst mehr für Monster. Daher kommen die besten Gespenster-Filme heutzutage aus Südostasien – wie „A Useful Ghost“ aus Thailand.

 

Info

 

A Useful Ghost

 

Regie: Ratchapoom Boonbunchachoke,

130 Min., Thailand/ Singapur/ Frankreich/ Deutschland 2024;

mit: Davika Hoorne, Witsarut Himmarat, ApasirI Nitibhon, Wanlop Rungkumjad

 

Weitere Informationen zum Film

 

Er beginnt mit einem namenlosen Charakter (Wisarut Homhuan), der sich selbst als „akademischer Ladyboy“ bezeichnet. Weil die Modernisierung in seiner Nachbarschaft Unmengen an Feinstaub aufwirbelt, kauft er sich einen neuen Staubsauger. Doch dieses Gerät spuckt nachts allen Dreck wieder aus, den es aufgesaugt hat, und hustet dabei auch noch jämmerlich.

 

Schönster Staubsauger-Mechaniker

 

Also reklamiert er – wenig später besucht ihn der wohl schönste Staubsauger-Mechaniker der Filmgeschichte (Wanlop Rungkumjad). Nach kurzer Untersuchung teil er ihm mit, dass der Staubsauger von einem Geist besessen sei – und erzählt dem verdutzten „Ladyboy“ eine unglaubliche Geschichte, mit der sich nun eine zweite Handlungsebene öffnet.

Offizieller Filmtrailer


 

Buddhistische Mönche exorzieren

 

Frau Suman (Apasiri Nitibhon), die Chefin der Staubsaugerfabrik, hat nämlich noch mehr Probleme mit Geistern. Ein Arbeiter, der keuchend und Blut spuckend in ihrer Fabrik starb, spukt als Poltergeist in den Geräten herum. Obendrein wird ihr eigener Sohn Mach (Witsarut Himmarat) vom Geist seiner verstorbenen Frau Nat heimgesucht, der sich dafür ebenfalls in einem Staubsauger eingenistet hat. Das führt dazu, dass Mach von seiner entsetzten Familie immer wieder in intimer Umarmung mit dem Gerät erwischt wird.

 

Solche Szenen atmen den Geist von B-Pictures, wenn Elektrogeräte ein Eigenleben entwickeln und aus dem Nichts buddhistische Mönche auf den Plan treten, um etwa Nats Geist im Auftrag von Familie Suman zu exorzieren. Doch so verrückt die Geschichte sich auch entwickelt – die Inszenierung von Regisseur Ratchapoom Boonbunchachoke gerät nie außer Rand und Band.

 

Staubsauger-Mechaniker ist selbst Geist

 

Im Gegenteil: Die Figuren zeigen sich im Umgang mit Geistern als erstaunlich pragmatisch. Selbst wenn sie sich obszön beschimpfen, fallen sie einander nie ins Wort. Ebenso diszipliniert wie der trockene Humor ihrer Dialoge ist in jeder Einstellung ihre Position im Raum. Nur selten leistet sich die Kamera einen Schwenk oder eine Parallelfahrt. Meist spielt sich das Geschehen in festen Bildrahmen ab, die sich ihrerseits durch elegante Geometrie auszeichnen.

 

Die unaufdringlich stilisierten Bilder, das gemessene Tempo und die alles durchdringende Absurdität erzeugen faszinierende Kontraste; diesem Sog der Geschichte erliegt auf der ersten Handlungsebene auch der Ladyboy. Bald wird ihm klar, dass es sich bei dem attraktiven Staubsauger-Mechaniker, der ihm das alles erzählt, selbst um einen Geist handelt. Er verfällt ihm mit Haut und Haaren.

 

Ruhelose Seelen toter Rothemden

 

In der Parallelhandlung von Mach und Nat gelingt es der Verstorbenen, die Familie Suman zu überzeugen, dass sie kein rachsüchtiger Geist ist. Sie macht sich für die Menschen nützlich und bekommt dafür sogar ihre alte Gestalt zurück. Doch damit gerät sie in einen Konflikt, der dem Geschehen eine weitere Wendung gibt.

 

Die beiden parallelen Erzählstränge werden nun allmählich zusammengeführt; dadurch rutscht der Film fast unmerklich in eine dunklere, politische Sphäre. Bisher war er geprägt von absurdem Humor und queerem Sex mit Elektrogeräten und schwulen Geistern. Nun rücken die Gespenster der jüngsten thailändischen Vergangenheit ins Zentrum: ruhelose Seelen junger Demonstranten – die so genannten „Rothemden“ wurden 2010 bei Protesten vom Militär getötet. Nun suchen sie die Alpträume des Premierministers heim, so dass er Nat bittet, seine Träume zu exorzieren.

 

Traumartiger Erzählfluss in Gelborange

 

Hintergrund

 

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Die Eleganz, mit der die Inszenierung diese Kurve nimmt, ist so beeindruckend wie der Ideenreichtum des Regisseurs. Man mag über weite Strecken kaum glauben, dass es sich bei „A Useful Ghost“ um sein Spielfilmdebüt handelt. Die formale Strenge mit fein aufeinander abgestimmten Farben, die souverän komponierten Bilder, die mitunter wie in Trance agierenden Akteure – alles dient stets dem traumartigen Erzählfluss des Films.

 

Tatsächlich finden zahlreiche Passagen in den Träumen der Figuren statt; sie werden jeweils charakterisiert durch ins Orange-Gelbliche verblassende Farben wie bei alten Fotoabzügen. Geister, die in ihrer menschlichen Gestalt auftreten, werden so dargestellt wie in der Frühzeit des Kinos: durch Doppelbelichtung.

 

Tote dem Vergessen entreißen

 

Dabei erinnert die Handlung mit ihren konvergierenden Erzählsträngen an literarische Gruselklassiker von E.T.A. Hoffmann oder Oscar Wilde. Dass es sich bei Regisseur Boonbunchachoke um einen newcomer und beim „akademischen Ladyboy“ um sein Alter Ego handelt, merkt man erst im Finale, wenn sich die Spukgeschichte als politische Parabel erweist. Die Toten, die er mit diesem Film dem Vergessen entreißen will, gehören zu seiner Generation.