
Seit Ende 2021 ist der Gebäudekomplex der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe geschlossen, weil er umfassend saniert und erweitert wird. Seit drei Jahren zeigt die Kunsthalle eine Art Best of von 300 Werken aus ihrer Kollektion im Karlsruher „Zentrum für Kunst und Medien“. Das ZKM ist eigentlich auf aktuelle Medienkunst spezialisiert, dieses Ausweichquartier also nur ein Notbehelf. Wie lange die Sanierung des Hauptgebäudes noch dauern wird, lässt sich kaum absehen.
Info
Archistories - Architektur in der Kunst
29.11.2025 - 12.04.2026
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr
in der Orangerie der Staatlichen Kunsthalle, Hans-Thoma-Str. 6, Karlsruhe
Katalog 48 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
Weder Grundriss noch Bauplan
Denn diese Ausstellung nimmt den Titel „Architektur in der Kunst“ als Freibrief, um alles Vorstellbare einzubauen und jeden denkbaren Aspekt anzureißen, so dass – um im Bild zu bleiben – weder Grundriss noch Bauplan erkennbar werden. Sondern allein ein Sammelsurium von rund 100 Werken aus vier Jahrhunderten, die vor allem eines gemeinsam haben: Entweder kommen sie aus der hauseigenen Sammlung, waren also einfach und günstig zu besorgen – oder von mehr als einem Dutzend zeitgenössischer Künstler, die zur Teilnahme „eingeladen“ wurden.
Feature zur Ausstellung. © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Alles ist irgendwie von Belang
Damit will Kuratorin Kirsten Claudia Voigt offenbar alles abhandeln, was sie in ihrem Fragenkatalog antippt: „Hier interessiert der mediale Charakter von Architektur: Wie spricht Architektur im Meta-Medium der Kunst, des Bildes, der Skulptur, des Videos, das tatsächlich häufig von Sprache begleitet wird oder das Handlungen an, in und mit Architektur zeigt? Wie nutzt Kunst Architektur, um etwas über sie und über sie hinaus zu artikulieren? In welchem Verhältnis sehen Künstler:innen Architekturen zu Körper, Sprache und Raum? (…) Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfältig wie die Kunstwerke der Ausstellung.“
Also scheint irgendwie alles von Belang zu sein – wo soll man da anfangen? Die Ausstellung ist in acht Abteilungen gegliedert; sie tragen so wolkige Bezeichnungen wie „Lebensräume, Daseinsbilder: Häuser“, „Transitorische Räume: Brücken“ oder „Innen: Bau, Körper, Raum“. Das kann alles Mögliche beinhalten und tut es auch. Unter diesen weitgespannten Begriffs-Schirmen finden sich Exponate, die irgendwelche Facetten des Themas antippen. Aber jedes steht für sich; Verbindungen zwischen ihnen werden kaum hergestellt. Wie auf einer Baumesse: Da zeigt jeder Aussteller sein Produkt, und der nächste ein ganz anderes.
Quasi-Werbefilm zu Manns Exil-Villa
Angefangen mit Häusern: Vom Land-Art-Künstler Wolfgang Laib sind „Reishäuser“ zu sehen – archaisch anmutende Marmorblöcke im Reisrand. Auch die Betonguss-Kuben von Hubert Kiecol verweisen auf elementare Bauformen. Doch dann folgen kleinformatige Bilder des neusachlichen Alexander Kanoldt, warmtonige Italien-Impressionen zweier romantischer Maler, verspielte Hausmodelle von Stephen Craig und Axel Lieber, eine meterlange CGI-Foto-Simulation in Blob-Optik von Dionisio González sowie ein Videoclip von Niklas Goldbach.
Er filmte 2017 in der früheren US-Exil-Residenz von Thomas Mann in Pacific Palisades; sie stand damals leer und zum Verkauf. Seine ruhigen Bilder von Haus und Garten unterlegt Goldbach mit Manns Tagebuch-Einträgen. Ein reizvoller Quasi-Werbefilm nicht nur für Interessenten, die den siebenstelligen Kaufpreis aufbringen könnten – aber ohne jeden Zusammenhang mit den Arbeiten ringsum.
Spitzen der höchsten Wolkenkratzer
Ähnlich erratisch wirkt die Auswahl in den übrigen Sektionen. „Wand und Fenster als Metapher“ wird dominiert von einem meterhohen Rechteck-Muster in trüben Tönen, zu dem Sean Scully von der Maya-Ruinenstätte Chichén Itzá angeregt worden sein soll. Fritz Klemm verputzte 1967 eine Hartfaserplatte mit Spachtelmasse – ihr Titel „Die Wand“ qualifiziert sie scheinbar für diese Schau. Und Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett ist vertreten, weil er auf sämtliche Wände verzichtete: In seiner TV-Choreographie „Quadrat I + II“ von 1981 huschen vier Figuren über eine Bodenplatte ohne Außenbegrenzung.
Dabei finden sich durchaus interessante Beiträge, die sich mit Architektur im engeren Sinne beschäftigen. Rebecco Ann Tess tastet im Videofilm „The Tallest“ mit der Kamera die Spitzen der höchsten Wolkenkratzer weltweit ab, untermalt von Angaben zu Bauzeit und Volumina. Die Monotonie ihrer Fassadengestaltung ist so abweisend, dass der Ehrgeiz ihrer Erbauer, um jeden Preis spektakuläre Statussymbole aus dem Boden zu stampfen, ziemlich absurd wirkt.
Dekonstruktivistischer Zuckerwürfel-Turm
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Wolfgang Laib: The Beginning of Something Else" - große Werkschau des schwäbischen Land-Art-Künstlers im Kunstmuseum Stuttgart
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Wenzel Hablik – Expressionistische Utopien. Malerei, Zeichnung, Architektur" im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Architekturträume des Jugendstils" mit Entwürfen von Joseph Maria Olbrich in der Kunstbibliothek, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "52 Wochen, 52 Städte – Fotografien von Iwan Baan" im AIT Architektur Salon, Köln.
Solche Hingucker gehen jedoch im Parcours des Beliebigen unter. Oder ihre Position verpufft folgenlos, weil ihnen der Bezugsrahmen fehlt. Jede Themenausstellung sollte systematisch ein Thema entfalten, damit Besucher sie interessiert betrachten und mit Erkenntnisgewinn verlassen. Dagegen folgt Kuratorin Voigt offenkundig der Vorstellung, sie könne in ihren „Archistories“ alles erzählen, zu dem sich im Museums-Depot irgendwelche Belegstücke auftreiben lassen.
Doppelmedium: ausdrücken + gestalten
Dieses Potpourri kleistert sie dann mit Architekten-Sprech im hohen Ton zu, was Relevanz suggerieren soll: „Die Ausstellung zeigt, dass Architektur ein doppeltes Medium ist – ein Mittel, mit dem wir uns über die Jahrhunderte hinweg in verschiedensten Sprachen, mit unterschiedlichen Absichten ausdrücken und ein Mittel, mit dem wir die Welt und unser Zusammenleben gestalten.“ Das ist so zutreffend wie trivial.
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