Jean-Pierre + Luc Dardenne

Jeunes Mères – Junge Mütter

Ariane (Janaina Halloy Fokan) macht ein Selfie mit ihrer Mutter (Christelle Cornil) und ihrem Baby. Foto: Wild Bunch Germany
(Kinostart: 5.3.) Allein mit ihrem Nachwuchs, der bald kommen wird oder schon da ist: Das macht fünf jungen Belgierinnen zu schaffen. In einem Mutter-Kind-Heim finden sie Hilfe – wie vielfältig diese Unterstützung aussieht und wirkt, zeigen die Regie-Brüder Dardenne nüchtern, aber voller Empathie.

Keiner Gruppe fehlt so sehr eine Lobby, die sich für sie stark macht, wie derjenigen der jungen, alleinstehenden Mütter. Häufig stammen sie wie Jessica (Babette Verbeek), Julie (Els Houben), Ariane (Janaïna Halloy Fokan), Naïma (Samia Hilmi) und Perla (Lucie Laruelle) aus Familien, die nicht dem Bild entsprechen, das Politiker als Vater-Mutter-Kind-Idylle und Keimzelle der Gesellschaft beschwören.

 

Info

 

Jeunes Mères – Junge Mütter

 

Regie: Jean-Pierre + Luc Dardenne

106 Min., Belgien/ Frankreich 2025;

mit: Babette Verbeek, Elsa Houben, Janaina Halloy Fokan

 

Weitere Informationen zum Film

 

Alle fünf jungen Frauen haben einen Platz in einem Mutter-Kind-Heim in Lüttich. Dort soll etwa die hochschwangere Jessica lernen, nach der Geburt für ihren Säugling da zu sein, ihn richtig zu behandeln sowie für ihn und sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Wie im Fall von Naïma: Schon vor Jessicas Niederkunft zieht sie mit ihrem eigenen Kind aus dem Heim aus – in eine eigene Wohnung und ein eigenes Leben.

 

Obsessive Suche nach Mutter

 

Dieses Ziel scheint für Jessica, ebenso wie für Perla und Julie, noch weit entfernt. Denn Jessica muss zunächst ihren Frieden mit der eigenen Mutter machen, die sie gleich nach der Geburt fortgab. Nun versucht die junge Schwangere obsessiv, sie ausfindig zu machen und kennenzulernen, bevor ihre eigenes Baby da ist. Offenbar betrachtet sie das als unerlässlich, um künftig selbst mit ihrem eigenen Kind richtig umgehen zu können.

Offizieller Filmtrailer


 

Ungeschönter Naturalismus

 

Dagegen war Julie bis vor kurzem drogenabhängig; ihre Angst vor einem Rückfall quält sie. Obwohl sie mit ihrem Freund tatsächlich eine eigene Wohnung gefunden hat; ihrem Traum vom gemeinsamen Aufbruch steht also nicht im Weg. Perla wiederum möchte mit dem Vater ihres Kindes eine Familie gründen. Doch als der aus dem Gefängnis kommt, zeichnet sich bald ab, dass er von ihr und Nachwuchs nichts mehr wissen will. Also muss Perla sich neu orientieren.

 

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind dafür bekannt, in ihren Filmen soziale Konflikte und Missstände zu thematisieren. Weniger mit klassenkämpferischem Impetus wie Ken Loach, dessen Werk allem Realismus zum Trotz deutlich mit Sozialromantik aufgeladen daherkommt. Vielmehr hat der Naturalismus, mit dem die Dardennes problematische Verhältnisse ungeschönt zeigen und ihre Protagonisten nicht idealisieren, ihnen den Ruf unbestechlicher Beobachter eingetragen.

 

Ganz nah an den Charakteren

 

Seit 1978 drehen die Brüder gemeinsam. Sie begannen mit Dokumentarfilmen, bis sie 1986 zu fiktionalen Stoffen wechselten. Für ihren vierten Spielfilm „Rosetta“ (1999) erhielten sie bei den Filmfestspielen von Cannes ihre erste Goldene Palme; mit „Das Kind“ gelang ihnen das 2005 ein zweites Mal. Mit „Jeunes mères – Junge Mütter“ wurden sie nun zum zehnten Mal in den Wettbewerb von Cannes eingeladen.

 

Wie bei den Dardennes üblich, bleibt ihr Film mit bewegter Kamera und einer Tonspur, die sich fast ausschließlich auf Originaltöne beschränkt, ganz nah an seinen Charakteren. Deren Probleme erscheinen etliche Male fast unlösbar; selbst die jungen Frauen, die für ihre Zukunft am besten vorbereitet erscheinen, müssen schmerzliche Tiefschläge hinnehmen.

 

Besser Pflegeeltern als Armut

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Tori & Lokita" – nüchtern-engagiertes Drama über minderjährige Flüchtlinge von Jean-Pierre + Luc Dardenne

 

und hier eine Besprechung des Films "Das unbekannte Mädchen" – sozialrealistisches Alltags-Drama von Jean-Pierre + Luc Dardenne

 

und hier einen Beitrag über den Film "Zwei Tage, Eine Nacht" – Sozialdrama über drohenden Jobverlust mit Marion Cotillard von Jean-Pierre + Luc Dardenne.

 

Dennoch bietet das Ensemble-Drama immer wieder Anlass zur Hoffnung. Die speist sich vor allem aus der Solidarität der Frauen untereinander – und aus dem Einsatz ihrer so tatkräftigen wie pragmatischen Sozialarbeiterinnen.

 

Mit ihrer Hilfe gelingt es zum Beispiel Ariane, gegenüber ihrer übergriffigen Mutter die schwierige Entscheidung durchzusetzen, ihr Kind in eine Pflegefamilie zu geben, anstatt es selbst großzuziehen. Der Kleinen soll es einmal besser gehen als ihr selbst; dafür möchte sie ihr vor allem die Armutserfahrung ersparen, die ihr Leben geprägt hat.

 

Situationen mit beiläufigem Charme

 

Sicherlich wäre die Fabel des Films exemplarischer, wenn sich die Dardennes auf eine Protagonistin und ihren Fall konzentriert hätten. Stattdessen führt ihr Ensemblestück zahlreiche Fallstricke auf dem Weg zu gesellschaftlicher Integration und persönlicher Zufriedenheit vor. Wobei die Wechsel von einem Handlungsstrang zum nächsten auch dazu beitragen, das Tempo wohltuend zu beschleunigen.

 

Dabei füllen die authentisch wirkenden jungen Darstellerinnen ihre Rollen glaubhaft aus; wenn etwa Julie tapfer gegen ihre Angststörungen ankämpft oder aber Perla fast starrsinnig an einer nicht erwiderten Liebe festhält. Weil derlei auf Augenhöhe erzählt wird, nimmt man als Zuschauer daran Anteil. Und in manchen Momenten blitzen Charme und viel versprechende Möglichkeiten auf – gerade weil das beiläufig aus der Situation heraus geschieht.