
Wesen wie von einem anderen Planeten: mit kalkweißer Schminke, dunklen Balken-Augenbrauen, blutrot bemalten Lippen und hellroten Tupfern in den Augenwinkeln. Mit kompliziert toupierten und gebundenen Frisuren, geschmückt mit bunten Blumengirlanden oder hohem Kopfputz. Mit prächtig bestickten Kimonos, breiten obi-Gürteln und Sandalen oder Pantoffeln. Mit Fächern oder Schirmen, mit denen sie anmutig posieren und kokettieren.
Info
Kokuho – Meister des Kabuki
Regie: Sang-Il Lee,
174 Min., Japan 2025;
mit: Ryō Yoshizawa, Ryusei Yokohama, Ken Watanabe, Mitsuki Takahata
Weitere Informationen zum Film
Die Essenz des Femininen ausdrücken
Um Sittenverfall vorzubeugen, wurden 1629 Auftritte von Frauen und 1652 solche von Jünglingen verboten; seither standen nur Männer auf Kabuki-Bühnen. Zwar wurde diese Einschränkung längst abgeschafft, doch die Tradition blieb bestehen: In den rund 700 überlieferten Kabuki-Stücken verkörpern meist Männer die Frauenrollen. Wobei Onnagata danach streben, „nicht Frauen zu imitieren, sondern symbolisch die Essenz des Femininen auszudrücken“, lautet eine berühmte Definition.
Offizieller Filmtrailer OmU
Bühnen-Tod bei Nachfolge-Zeremonie
Was das bedeutet, führt Regisseur Sang-Il Lee in epischer Breite und Raffinesse vor. Die Handlung erstreckt sich über ein halbes Jahrhundert, von 1964 bis 2014. Hauptfigur ist Kikuo Tachibana (Ryō Yoshizawa); der Sohn eines Yakuza-Bandenchefs muss als 14-Jähriger mit ansehen, wie sein Vater von einer anderen Mafia-Gruppe ermordet wird. Trotz seiner übel beleumundeten Herkunft wird der Halbwaise wegen seines Talents vom Kabuki-Meister Hanjiro Hanai (Ken Watanabe) aufgenommen und gemeinsam mit seinem leiblichen Sohn Shunsuke (Ryusei Yokohama) trainiert.
Als Duo feiern beide erste Erfolge; bald dürfen sie auf den großen Bühnen in Edo/Tokio, Kyōto und Osaka gastieren. Doch ihre Wege trennen sich: Bei einem Solo-Auftritt von Kikuo erkennt Shunsuke dessen Überlegenheit – und zieht sich mit seiner Frau Harue (Mitsuki Takahata) in die Provinz zurück. Eine Dekade später wendet sich das Blatt: Als Meister Hanjiro seinen Protegé im Rahmen einer Bühnen-Zeremonie zum offiziellen Nachfolger küren will, stirbt er plötzlich vor den Augen der Anwesenden. Nun wird Kikuo als Usurpator geschmäht, der Shunsuke seinen rechtmäßigen Rang raubte – fortan muss er mit seiner Partnerin Aikiko durch Gasthäuser tingeln.
Durchnummerierte Vorgänger-Pseudonyme
Solche Wendungen erschließen sich häufig nur indirekt, denn Regisseur Lee erzählt so detailliert wie elliptisch. Wie in ostasiatischen Kulturen üblich, werden Konflikte zwar dargestellt, aber nicht direkt angesprochen; stattdessen schweigen die Akteure oder reden von Unverfänglichem. Derartige Andeutungen versteht das japanische Publikum zweifellos; westliche Betrachter müssen sich öfter zusammenreimen, worum es eigentlich geht. Was ein Faszinosum dieses dreistündigen Films ausmacht: Er lässt seine Zuschauer tief in die japanische Lebensweise und Weltsicht eintauchen.
Etwa beim Hin und Her um Künstlernamen: Kurz vor seinem Tod will sich Hanjiro einen anderen Namen zulegen, um seinen bisherigen Namen auf Kikuo übertragen zu können. Das ist nur verständlich, wenn man weiß, dass Kabuki-Schauspieler meist Pseudonyme verwenden – und diese wechseln, um zu dokumentieren, dass sie Außerordentliches erreicht haben. Gern nehmen sie Namen berühmter Vorgänger an, die dafür durchnummeriert werden wie bei Monarchen: ein Beleg für die extrem starke Orientierung an verehrten Vorbildern, die für Ostasien typisch ist. Abstammung ist alles: Dass sein Vater Verbrecher war, wird Kikuo beständig vorgehalten.
Komplett durchcodierte Kunstform
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Samurai – Pracht des japanischen Rittertums" – opulente Überblicks-Schau in der Kunsthalle München
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Goldene Impressionen: Japanische Malerei 1400 - 1900" im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Hokusai-Retrospektive" – exzellente Werkschau des japanischen Künstlergenies im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Zartrosa und Lichtblau – Japanische Fotografie der Meiji-Zeit (1868-1912)" im Museum für Fotografie, Berlin.
Kabuki ist eine äußerst artifizielle, komplett durchcodierte Kunstform: Alle Accessoires, Bewegungen und Tonlagen haben spezifische Bedeutungen, die vom fachkundigen Publikum sofort erkannt werden. Eines Schauspielers Klasse erweist sich daran, inwieweit er vorgegebene Schemata besonders ausdrucksstark und elegant ausführt. Was japanische Zuschauer zu Tränen rührt, kann auch hiesige ergreifen: weil ihnen etwas mit höchster Präzision und Intensität vor Augen geführt wird – dass die Worte unverständlich bleiben, ist zweitrangig.
Als „lebender Nationalschatz“ ausgezeichnet
Wobei das Drehbuch geschickt die Welt des Theaters mit der wirklichen verflicht: Schlüsselmomente, die Kikuo und Shunsuke als Onnagata darstellen, prägen leicht variiert auch ihre eigenen Schicksale. Hingabe an ihre Berufung, Hassliebe zueinander, Rivalität um Ruhm und Frauen, Erfolge und Abstürze – was sie in der Realität kaum artikulieren können, besingen sie umso anrührender auf der Bühne.
Bis einer von beiden als „Kokuho“ ausgezeichnet wird, als „lebender Nationalschatz“ – in Anbetracht seiner Verdienste um das Kabuki-Theater. Es war wohl noch nie so fesselnd auf der Leinwand zu erleben; verständlich, dass dieser Film 13 Millionen Japaner ins Kino gelockt hat.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.