
Die Einsamkeit an der Staatsspitze führt „La Grazia“ zwei Stunden lang vor. Stocksteif steht der fiktive italienische Staatspräsident Mariano de Santis (Toni Servillo) im kalten Pomp seines Amtssitzes Palazzo del Quirinale – gedreht wurde mindestens teilweise am Originalschauplatz. Oder de Santis wandelt gemessenen Schrittes durch weitläufige, düstere Gemächer; oder er ruht in ausladenden Clubsesseln. Was Regisseur Paolo Sorrentino ausgiebig in sorgsam kadrierten Einstellungen festhält.
Info
La Grazia
Regie: Paolo Sorrentino,
133 Min., Italien 2025;
mit: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Milvia Marigliano, Orlando Cinque
Weitere Informationen zum Film
Staatsoberhaupt als sedierter Frührentner
Mit dem Arbeitsalltag hochgestellter Politiker hat das nichts zu tun; deren strukturelle Überforderung liegt ja darin, dass sie sich alle halbe Stunde auf neue Gesprächspartner und Themen einstellen müssen. Sorrentino stilisiert seinen Staatschef jedoch zum kontemplativen Eremiten, damit er um ihn herum eine artifizielle Ethik-Parabel stricken kann.
Offizieller Filmtrailer
Drei Aufgaben für sechs Monate
Tochter Dorotea, wie ihr Vater Top-Juristin, hat einen Gesetzentwurf zur Sterbehilfe durchs Parlament gebracht; nun müsste Papa ihn unterschreiben. Außerdem warten zwei Gnadengesuche auf ihn: zugunsten einer Frau, die ihren Ehemann erstach, weil er sie tyrannisierte, und eines Mannes, der seine an Alzheimer leidende Gattin umgebracht hat.
Diese drei wahrlich staatstragenden Aufgaben füllen die letzten sechs Monate von de Santis‘ Amtszeit aus – und rund die Hälfte des Films, in der er die einschlägigen juristischen und moralischen Argumente pro und contra ventiliert. Außerdem sucht der Präsident in Sachen Gnadenerweis die Verurteilten in ihrer Haftanstalt auf, um die Motive für ihre Taten zu ergründen.
Existentielle Moral-Fragen für Staatschefs
Die andere Hälfte vergeht mit allzumenschlichem Geplänkel. De Santis‘ Gemahlin, die er vergötterte, starb vor acht Jahren. Doch vor 40 Jahren hat sie ihn einmal betrogen – seither quält ihn die Frage, wer der Nebenbuhler war. Und Regisseur Sorrentino quält die Zuschauer mit dem ausführlichen Ausmalen dieser Eifersuchts-Attacken samt ihrer lächerlichen Auflösung.
Existentielle moralische Fragen von Staatschefs erörtern zu lassen, die über sie entscheiden, ist nichts Neues; schon Shakespeare legte sie Königen und Thronfolgern in die Münder. Ausnahme-Regisseure wie Ingmar Bergman und Krzysztof Kieślowski – den Sorrentino als Vorbild nennt – haben gezeigt, dass man derlei auch in statischen Bildern auf die Leinwand bringen kann. Mangels visueller Reize müssen jedoch die Dialoge geschliffen sein, damit solch abgefilmtes Kammerspiel-Theater fesselt.
Fünf Film(-Serien) über Top-Politiker + Päpste
Daran gebricht es „La Grazia“; als Drehbuchschreiber trifft Sorrentino einfach nicht die richtige Tonlage. Fast schon spitzfindig akademische Wortwechsel über abstrakte Aspekte von Recht und Ethik kippen unversehens in banal familiäres Geplauder um, so dass man nie weiß: Ist dieser Präsident nun tatsächlich ein Jura-Genie oder doch eher ein frustrierter und verstockter Witwer? Ähnlich ambivalent fällt die Bildsprache aus: Lange, ereignisarme Passagen in Hochglanz-Optik künden von bedeutungsschwangerer Gravität – bis sie durch Gimmicks gebrochen wird, etwa einen Roboter-Hund oder Italo-Rap.
Hintergrund
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So staatstragend wie blutleer
Während „Il Divo“ (2008) die mafiösen Machenschaften des siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti brillant analysierte und Sorrentino den internationalen Durchbruch verschaffte, ließ „Loro“ (2018) über Silvio Berlusconi schon Ermüdungserscheinungen erkennen: zu langatmig, zu konfus, zu verspielt und am Talmi-Glanz des von Berlusconi beherrschten TV-Imperiums klebend.
Nun kommt „La Grazia“ so staatstragend wie blutleer daher: Wären Spitzenämter wirklich so reizlos, wie der Regisseur suggeriert, würde sie keiner mehr anstreben. Schon gar nicht, wenn er sich dann ein halbes Jahr lang mit einem Gesetzestext und zwei Häftlingen beschäftigen müsste. Dieser Film ist so aufregend und ansprechend wie barocke Fürstengräber oder bronzene Reiterstandbilder.
Venedig-Preis für Toni Servillo
Nur einer vermag darin zu glänzen: Toni Servillo, der zum siebten Mal mit Sorrentino zusammenarbeitet und für ihn schon Andreotti und Berlusconi verkörperte. Sein stoisch-minimalistisches Spiel mit einem Funken Ironie ist das Einzige, was diesen leblosen Bilderbogen zusammenhält: Dafür wurde er beim Festival in Venedig zurecht mit dem Preis für den besten Darsteller ausgezeichnet.
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