Eric Besnard

Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean

Jean Valjean (Grégory Gadebois). Foto: © 2025 - Radar Films
(Kinostart: 2.4.) Ambitionierter geht es kaum: Der Roman-Klassiker von Victor Hugo ist bereits rund 50 Mal verfilmt worden – dem will Regisseur Eric Besnard etwas Neues hinzufügen. Das gelingt ihm, indem er sich auf die Vorgeschichte des Protagonisten konzentriert, doch dessen Porträt gerät etwas bemüht.

Ein gewichtiger, aber selten gelesener Klassiker: Victor Hugos „Les Misérables – Die Elenden“ von 1862 ist mit seinen rund 1500 Seiten wahrlich keine Nachttisch-Lektüre. Den meisten dürfte der Inhalt eher in seiner Musical-Variante von 1980 und deren Verfilmung von 2012 ein Begriff sein.

 

Info

 

Les Misérables –
Die Geschichte von Jean Valjean

 

Regie: Eric Besnard,

98 Min., Frankreich 2025;

mit: Grégory Gadebois, Bernard Campan, Alexandra Lamy

 

Weitere Informationen zum Film

 

Angesiedelt im Frankreich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, erzählt Hugos Roman die Geschichte des ehemaligen Zuchthäuslers Jean Valjean, der sich durch die Güte eines Bischofs zum Besseren wandelt. Er nimmt eine neue Identität an, kommt durch eine technische Erfindung zu Reichtum und kümmert sich liebevoll um das Waisenmädchen Cosette, die Tochter der verstorbenen Prostituierten Fantine.

 

Vierstündiger Zweiteiler von 1958

 

Das Mammutwerk ist schon rund 50 Mal für die Leinwand wie fürs Fernsehen verfilmt worden. Die wohl bekannteste und mit vier Stunden längste Version kam 1958 in zwei Teilen in die Kinos; mit den französischen Schauspiel-Legenden Jean Gabin und Bernard Blier in den Hauptrollen. Zwar bietet Hugo mit seiner Verquickung von Historien-Gemälde, Sozialkritik und romantischer Liebesgeschichte viel Stoff für Adaptionen. Doch angesichts ihrer großen Zahl könnte man meinen, dass sämtliche Aspekte der Romanvorlage schon filmisch umgesetzt worden sind.

Offizieller Filmtrailer


 

19 Jahre Haft für Brot-Diebstahl

 

Das sieht der französische Regisseur Eric Besnard anders; er konzentriert sich auf die wichtigste Hauptfigur des Epos‘, den bekehrten Ex-Sträfling Valjean. Genauer: Besnards Film beschränkt sich bewusst auf ein Schlüssel-Ereignis, das Valjean zum fast übermenschlich guten Wohltäter werden lässt. Diese Episode umfasst im Roman nur die ersten 150 Seiten.

 

Jean Valjean (Grégory Gadebois) kommt 1815 nach 19 Jahren Straflager frei. Ursprünglich landete er im Gefängnis, weil er bei einem Einbruch ein Brot gestohlen hatte; anschließend verlängerten vier Fluchtversuche seine Haftzeit. Die langen Jahre hinter Gittern haben ihn wütend, verbittert und misstrauisch gemacht. Da verwundert es nicht, dass er auf seinem Weg durch das winterliche Südfrankreich überall abgewiesen wird.

 

Disput mit Bischof Bienvenu

 

Nur ein freundlicher Geistlicher gewährt ihm unvoreingenommen Obdach. Der Mann ist kein gewöhnlicher Priester, sondern der Bischof von Digne (Bernard Campan), der von jedermann „Bienvenu“, also „Willkommen“, genannt wird. Er lebt asketisch mit seiner kränklichen Schwester (Isabelle Carré) und einer Haushälterin (Alexandra Lamy) in einer bescheidenen Behausung.

 

Überrumpelt von seiner Gastfreundschaft, lässt sich Valjean auf einen langen Disput mit ihm über buchstäblich Gott und die Welt ein. Dabei geht es vor allem über die himmelschreiende Ungerechtigkeit der damaligen Gesellschaft, die er am eigenen Leib erleiden musste. Sein Lebensweg wird in fulminant inszenierten Rückblenden erzählt: Als Bauernjunge stahl er im Hungerwinter ein Brot für seine Familie, als Häftling musste er in einem Kalksteinbruch täglich ums Überleben kämpfen.

 

Werdegang aus drei Off-Perspektiven

 

Der Bischof nimmt ihn ernst, hält ihm aber auch seine eigenen, humanistischen Ansichten entgegen. Dennoch stiehlt Valjean das Tafelsilber des Klerikers, wird erwischt – und der Bischof vergibt ihm, nachdem er ihm das Versprechen abgenommen hat, künftig moralisch zu handeln. Sein Großmut löst beim ertappten Dieb ein Umdenken aus.

 

Mit dieser ausführlichen Darstellung der Vorgeschichte – andere Adaptionen reduzieren sie auf den Diebstahl und des Bischofs Nachsicht – gelingt Besnard ein neuer Ansatz; allerdings merkt man seinen unbedingten Wille dazu dem Film auch jederzeit an. Zu großen Teilen greift er auf die Original-Dialoge des Romans zurück; zudem wird der Werdegang des Protagonisten im Off aus drei Perspektiven erzählt, zwei beobachtenden und Valjeans eigener.

 

Zu viel Ehrfurcht vor Jahrhundertwerk

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen" – delikate Sittenkomödie über die Erfindung der Haute Cuisine von Eric Besnard

 

und hier eine Besprechung des Films "Les Misérables" – überwältigend opulente Verfilmung des Musicals nach dem Roman-Klassiker von Victor Hugo von Tom Hooper  

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Wütenden – Les Misérables" – packend authentisches Sozialdrama aus der Pariser Banlieue als Aktualisierung von Victor Hugos Epos durch Ladj Ly.

 

Dabei bleibt der Gestus der Erzählung dem 19. Jahrhundert verhaftet, auch wenn die Grundfrage nach sozialer Gerechtigkeit universell und zeitlos ist. Viele Szenen erinnern an Gemälde der Epoche, vom karg-gemütlichen Haus des Bischofs bis zu den eindrucksvoll inszenierten Erinnerungen Valjeans an seine Jahre im Steinbruch.

 

Angesichts der visuellen Opulenz rücken die Wortgefechte der Gesprächspartner beinahe in den Hintergrund; in ihrer gravitätischen Bedeutsamkeit geraten sie ein wenig ermüdend. Da stand wohl Regisseur Bernard seine Ehrfurcht vor Hugos Jahrhundertwerk etwas im Weg. Dass er humane Botschaften in guter Unterhaltung zu verpacken versteht, hat er in seinen früheren Filmen bewiesen; etwa der Sitten-Komödie „À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen“ (2021) über die Entstehung der modernen Restaurantkultur zur Zeit der Französischen Revolution.

 

Konstruierte Kontur für Valjean

 

Hier geht die Rechnung nicht ganz auf; obwohl sein Hauptdarsteller Grégory Gadebois, umgeben von einem hervorragenden Ensemble, es in puncto innerer Zerrissenheit sehr wohl mit berühmten Vorgängern aufnehmen kann. Zu deutlich schimmert das Bemühen durch, der Figur von Valjean, die meist als eindimensionaler Gutmensch erscheint, mehr Kontur zu verleihen. Das gelingt leider nur teilweise und wirkt über weite Strecken recht konstruiert.