Kevin + Toby Schmutzler

Nawi – Dear Future Me

Nawi (Michelle Lemuya Ikeny) wird für ihre schulische Bestleistung gefeiert. Foto: © FilmCrew Media
(Kinostart: 5.3.) Acht Kamele, 60 Schafe und 100 Ziegen: Diesen Brautpreis für eine 14-Jährige will ihr Vater erlösen. Erst sträubt sich die Musterschülerin, dann opfert sie sich. Vier Regisseure legen ihr deutsch-kenianisches Gemeinschaftswerk arg didaktisch an – dem Hochglanz-Look mangelt es an Plausibilität.

Wie gewonnen, so zerronnen: Kaum hat das kenianische Mädchen Nawi (Michelle Lemuya Ikeny) erfahren, dass sie bei den Schul-Abschlusstests in ihrem Gebiet am besten abgeschnitten hat und bald auf ein Eilte-Gymnasium in der Hauptstadt Nairobi gehen darf – da macht ihr Vater Eree (Ochungo Benson) diesen Traum zunichte. Indem er die 14-Jährige einem reichen Fremden namens Shadrack (Ben Tekee) zur Frau gibt, für eine ansehnliche Herde an Nutzvieh.

 

Info

 

Nawi – Dear Future Me

 

Regie: Toby Schmutzler + Kevin Schmutzler + Vallentine Chelluget + Apuu Mourine,

99 Min., Deutschland/ Kenia 2024;

mit: Michelle Lemuya Ikeny, Joel Liwan, Ochungo Benson

 

Weitere Informationen zum Film

 

Über die genaue Zahl von Kamelen, Schafen und Ziegen feilschen beide Seiten ausgiebig – und veranschaulichen so die These des Ethnologen und Begründers des Strukturalismus, Claude Levi-Strauss, dass in traditionellen Gesellschaften Frauen gleichsam als Handelsgut dienen, um soziale und ökonomische Bande zu festigen. Aus diesem Grund weiß Eree sich nicht anders zu helfen, als seine einzige Tochter gegen ein hohes Brautgeld abzugeben: Er hat Schulden, die er andernfalls nicht abzahlen könnte.

 

Kinderehen sind in Kenia illegal

 

Darum verlangt ihr Vater, Nawi müsse sich dem Familienwohl unterordnen. Doch sie sträubt sich – obwohl ihre drei „Mütter“, also die Ehefrauen des polygamen Patriarchen, ihm nolens volens zustimmen. Selbst Nawis kleiner Bruder Joel (Joel Liwan) kann sie nur halbherzig unterstützen, sonst setzt es Hiebe. Allein ihre Lehrerin setzt sich tatkräftig für Nawi ein und droht mit der Polizei, denn Kinderehen sind auch in Kenia illegal. Doch nichts hilft.

Offizieller Filmtrailer


 

Selbstaufgabe aus Frauen-Soli

 

Also flieht Nawi kurz nach der Hochzeitsnacht – und das zuvor realistisch anmutende Dokudrama aus der Turkana-Provinz im Nordwesten des Landes wandelt sich zum Episodenreigen, der sich um Plausibilität nicht schert. Auf ihrer Flucht fällt die Nichtschwimmerin in einen reißenden Fluss – und überlebt. Dann wird sie im weit entfernten Zufluchtsort Nachukui, wo sie vorher nie war, im Dunkeln von einem Fremden erkannt – der sofort den düpierten Gatten anruft, weil er offenbar seine Handy-Nummer hat.

 

Den Geprellten schüttelt Nawi mit plumpen Tricks ab. Danach wird sie nicht nur von einer Gruppe Fischer freudig aufgenommen, sondern bringt auch deren Kindern Englisch und Rechnen bei. Dem power girl, das scheinbar alles kann und von Michelle Lemuya Ikeny mit pausbäckigem Charme gespielt wird, scheint eine glänzende Zukunft bevorzustehen – bis Bruder Joel sie ausfindig macht und warnt, dass Vater Eree an ihrer Stelle seine neugeborene Tochter – ein wenige Wochen altes Baby – an Shadrack verschachern wolle. Sein Appell an Frauen-Soli bewirkt prompt, was Männerkungelei nicht vermochte: Nawi kehrt reumütig zu ihrer Familie zurück und opfert sich.

 

Wie in christlicher Märtyrer-Legende

 

Damit mutiert der Film endgültig zur christlich grundierten Märtyrer-Legende. Was vermutlich in der Vorlage angelegt ist: einer Geschichte der kenianischen „Teenager-Beraterin“ Milcah Cherotich, die einen landesweiten Schreibwettbewerb gewann. Das didaktische Motiv, für den Kampf gegen Kinderehen zu mobilisieren, schimmert nicht nur beim tränendrüsenkitzelnden Ende deutlich durch, sondern auch bei der Ausstattung und Bildgestaltung.

 

Die Halbwüste westlich des Turkana-Sees ist die ärmste Region Kenias und eine der trockensten dazu; Regen bleibt oft jahrelang aus. Auf der staubigen Hochebene lebt rund eine Million Turkana seit jeher weit verstreut als Viehhalter. Doch die Protagonisten des Films wirken stets wie aus dem Ei gepellt; ihnen scheint es an nichts zu mangeln. Die vier Ko-Regisseure des Films – neben den beiden Deutschen Kevin und Toby Schmutzler auch die Kenianer Apuu Mourine und Vallentine Chelluget – sind sichtlich bemüht, Schauplatz und Akteure stets ins beste Licht zu rücken.

 

Faule Männer gucken Fussball

 

Was auf Dauer übertrieben nach Hochglanz-Look aussieht; bei sehr herkömmlicher Rollenverteilung. Während die Frauen unentwegt schuften, sitzen die Männer nur untätig zusammen und palavern. Wobei sie gern auf Fußball-Matches in der Glotze oder Smartphone-Displays linsen; den einzigen Anzeichen, dass die Handlung in der Gegenwart spielt.

 

Abgesehen von einem Fernseh-Team, das die Musterschülerin Nawi fürs „National TV“ interviewt wird, was aber auch folgenlos bleibt. Mit einer derart aus Versatzstücken zusammengeschusterten Story hätte sie wohl kaum einen Schulaufsatz-Wettbewerb gewonnen – redliche Kinderschutz-Absicht hin oder her.