Richard Linklater

Nouvelle Vague

Jean-Luc Godard (Guilaume Marbeck) weiht Jean Seberg (Zoey Deutsch) zum ersten Mal in seine große Vision ein. © Jean Louis Fernandez. Foto: Plaion Pictures
(Kinostart: 12.3.) Wie man eine Kino-Revolution lostritt: Regisseur Richard Linklater rekonstruiert die Entstehung von Jean-Luc Godards Debüt „Außer Atem“, das 1960 eine neue Film-Epoche einleitete. Eine geistreiche Hommage als Quasi-Making of – allerdings nicht so spontan wie Godards Geniestreich.

„Um einen Film zu kritisieren, muss man einen anderen Film machen.“ So sprach der französische Regisseur und vormalige Filmkritiker Jean-Luc Godard diversen Quellen zufolge in den mittleren 1960er Jahren. Es war der Höhepunkt der so genannten Nouvelle Vague. Im gleichnamigen Film des US-amerikanischen Regisseurs Richard Linklater spricht Godard (Guillaume Marbeck) den berühmten Aphorismus schon 1959 aus.

 

Info

 

Nouvelle Vague

 

Regie: Richard Linklater,

106 Min., Frankreich/ USA 2025;

mit: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, Adrien Rouyard

 

Weitere Informationen zum Film

 

Damit will er erreichen, dass der Produzent Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) sein Regiedebüt „Außer Atem“ finanziert. Von solchen künstlerischen Freiheiten abgesehen, versucht Linklater mit „Nouvelle Vague“, der Entstehungs-Geschichte von Godards Debütfilm so nah wie möglich zu kommen. So wurden etwa die Darsteller vor allem nach ihrer physischen Ähnlichkeit mit den Rollenvorbildern ausgesucht.

 

Nostalgischer Blick auf die Neue Welle

 

Das Ergebnis ist eine detailverliebte Rekonstruktion der Entstehung von Godards „Außer Atem“ und ein nostalgischer Blick auf das Milieu, das diese „Neue Welle“ im französischen Kino hervorbrachte. Die von Godard und seinen Mitstreitern wie François Truffaut, Claude Chabrol und Jacques Rivette initiierte Bewegung war vom italienischen Neorealismus und B-Movies aus Hollywood inspiriert; damit prägte sie den modernen Autorenfilm. Bevor Godard ins Regiefach wechselte, hatte er als Filmkritiker der Zeitschrift „Cahiers du cinéma“ gearbeitet.

Offizieller Filmtrailer


 

Mit Handkamera durch die Straßen von Paris

 

Dass einige seiner Redaktionskollegen bereits eigene Filme gedreht haben, wurmt den vor Selbstbewusstsein strotzenden 29-Jährigen – zumindest so, wie er in Linklaters Film auftritt. Als Godard dann auch noch beim Filmfestival in Cannes mit ansehen muss, wie sein Kollege François Truffaut für seinen Debütfilm „Les Quatre Cents Coups“ („Sie küssten und sie schlugen ihn“, 1959) den Preis für die beste Regie erhält, steht für ihn fest: Jetzt muss es losgehen mit der eigenen Karriere als Filmemacher. 

 

Wenige Wochen später entsteht dann tatsächlich „Außer Atem“ – gedreht in nur 20 Tagen, nicht in einem teuren Studio, sondern mitten im Pariser Stadtgewimmel. Zu den Innovationen des Films gehört auch der Einsatz einer Handkamera; Kameramann Raoul Coutard hat sein Handwerk als Kriegsfotograf gelernt. 

 

Vom Chaos zum Kassenerfolg

 

Nun filmt er eine Liebesgeschichte zwischen dem Kriminellen Michel Poiccard, damals verkörpert von Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin), und der US-Studentin Patricia Franchini, gespielt von der Amerikanerin Jean Seberg (Zoey Deutch). Seinen Darstellern gibt Godard vor laufender Kamera fortlaufend Anweisungen und spricht ihnen spontan improvisierte Dialoge vor – die Tonspur lässt er später nachsynchronisieren. Ähnlich gewöhnungsbedürftig für die damaligen Sehgewohnheiten ist sein inflationärer Einsatz von Jump Cuts; also Filmschnitten, die vom Zuschauer als ‚Sprünge‘ wahrgenommen werden. 

 

Produzent Beauregard ist ebenso wie der Rest von Godards Teams durch dessen unorthodoxe Arbeitsweise überfordert. Die Konflikte, welche die chaotischen Drehtage begleiteten, interessieren Linklater jedoch weniger als viele Details am Rande, die in seine Hommage einfließen. Schließlich ist heute bekannt, wie die Sache ausging: „Außer Atem“ wurde ein Kassenerfolg und gilt heute als bedeutendes Werk der Filmgeschichte. Da muss man nicht mehr jeden Stein umdrehen, der seinerzeit im Weg lag.

 

Weit entfernt vom eigenen Vorbild

 

So plätschert „Nouvelle Vague“ bisweilen einfach vor sich hin. Gemessen am einleitenden Zitat, wirft Linklater einen eher amüsierten als kritischen Blick auf diesen kulturellen Umbruch. Ironischerweise war er selbst selten so weit von der Arbeitsweise seines erklärten Vorbilds Godard entfernt wie bei dieser in Schwarz-Weiß gedrehten Würdigung. In früheren Filmen zeigte der Amerikaner durchaus Interesse am ergebnisoffenen Experiment.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Bildbuch" – hermetisch-experimenteller Essayfilm von Jean-Luc Godard

 

und hier eine Besprechung des Films "Boyhood" – brillantes Dokudrama über das Aufwachsen eines Jungen in Echtzeit von Richard Linklater

 

und hier einen Bericht über den Film "Before Midnight" – dritter Teil der unendlichen Liebesgeschichte zwischen Ethan Hawke + Julie Delpy von Richard Linklater

 

und hier einen Beitrag über den Film "Jean Seberg – Against all Enemies" – Biopic über die Schauspielerin und Bürgerrechts-Aktivistin von Benedict Andrews mit Kristen Stewart.

 

So warf sein in den Straßen von Austin, Texas gedrehtes Spielfilmdebüt „Slacker“ (1990, dt. „Rumtreiber“) mosaikartig Schlaglichter auf stets wechselnde Figuren – ein Gesellschaftspanorama, das mit wenig Geld und ganz ohne Handlung auskam. Bei seiner fiktiven Coming-Of-Age-Langzeitstudie „Boyhood“ (2014), deren Dreharbeiten zwölf Jahre lang dauerten, waren die Darsteller angehalten, eigene Erfahrungen mit einfließen zu lassen.

 

Unterhaltsam auf allen Ebenen

 

Amüsant ist „Nouvelle Vague“ trotz seiner Schwächen; dabei überzeugt der Film auf zwei Ebenen. Während sich Filmfreaks an den Anspielungen und Referenzen erfreuen dürften, die in dieser Hommage stecken, unterhält Linklaters leichtfüßige Inszenierung auch ohne entsprechendes Vorwissen.

 

Dafür sorgt nicht zuletzt die Hauptfigur: Mit spitzbübischer Nonchalance wischt Godard immer wieder Zweifel an seiner Arbeitsweise beiseite. Dabei feuert er fortlaufend Sentenzen ab, mal prätentiös, dann wieder doppelbödig. Bemerkenswert sind zudem die Schauwerte des Films. Eine Zeitreise ins Paris der späten 1950er Jahre bietet einfach eine Steilvorlage für eine absolut geschmackssichere und stilvolle Ausstattung; alles sieht wahnsinnig gut und cool aus!