Düsseldorf

Sex Now

Miyö van Stenis: Eroticissima, 2023-heute, Virtual Reality Installation, Courtesy of the artist, © Miyö van Stenis. Fotoquelle: NRW-Forum Düsseldorf
Liebesspiele von gestern: Das NRW-Forum will vorführen, wie geschlechtliche Freuden in der Gegenwarts-Kunst dargestellt werden. Doch possierliche Bastelkunst, Fixierung auf Minderheiten-Praktiken und Ignoranz der heutigen Neo-Prüderie lassen den propagierten Hedonismus recht angestaubt wirken.

„Über Sex kann man nur auf Englisch singen“. Diesen Song veröffentlichte die Grungerock-Band „Tocotronic“ schon 1995, aber seine zweite Zeile ist von zeitloser Gültigkeit: „Allzu leicht kann’s im Deutschen peinlich klingen.“ 31 Jahre später gibt sich das NRW Forum jede Mühe, diese Einsicht aufs Neue zu bewahrheiten.

 

Info

 

Sex Now

 

05.09.2025 - 03.05.2026

 

täglich außer montags 11 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im NRW-Forum, Ehrenhof 2, Düsseldorf

 

"Playboy"-Sonderausgabe als
Begleitheft zur Ausstellung 10 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Adults only: Nur volljährige Besucher haben Zugang zur Ausstellung. Nach dem Drehkreuz steht man in einem Rotlicht-Raum mit sacht pochender Lounge-Musik. Ringsum wird mit Leihgaben aus dem Bonner „Haus der Geschichte“ die Sittengeschichte der Bundesrepublik im Schnelldurchgang abgehandelt: von der ersten Anti-Baby-Pille 1961 über billige Softpornos wie den „Schulmädchen-Reports“ der 1970er Jahre und der Berichterstattung über AIDS ab 1983 bis zum Wahlplakat „Fickt euch doch alle“ (2024) der Spaßpartei „Die Partei“. Dessen Regenbogenfarben seien „eine klare Absage an Diskriminierung und Anpassungsdruck“, heißt es.

 

Springbrunnen aus sex toys

 

Die Wände werden von zwei Foto-Tapeten bedeckt. Melody Melamed aus den USA kontrastiert Akt-Aufnahmen non-binärer Personen mit Natur-Bildern von Holz oder Sand, was „queeres Sein als natürlichen Teil unserer Umwelt zeigen“ soll. Und Martin de Cringis lichtet dutzendfach nackte Männer aller Altersklassen und Körperformen ab – gegen normierende Schönheitsideale. Beide Nackedei-Fotostrecken umrahmen eine bizarre Skulptur in der Mitte: Röhrenförmige sex toys mit Mündern und Zungen stehen in einem Bassin. Alle paar Minuten spritzt aus ihnen Wasser wie bei einem Springbrunnen.

Impressionen der Ausstellung


 

Anspruch auf Anderssein-Anerkennung

 

Der „Fleshie Fountain“ bestehe aus „autonomen Wesen, die sich gegenseitig befriedigen und so patriarchale Machtverhältnisse unterlaufen“, so ihre Erfinderin, die kanadische Electroclash-Performerin „Peaches“. Neu ist ihr Einfall nicht: Die Kanadierin, die zu brachialen Klängen sexpositive Botschaften verbreitet, zeigte diese Installation bereits 2019 im Hamburger Kunstverein unter dem Titel „Whose Jizz is this?“ („Wessen Wichse ist das?“). Aber die Platzierung am Eingang ist programmatisch zu verstehen.

 

„Sex Now“ lade dazu ein, „Lust, Körper und Begehren in all ihrer Komplexität zu entdecken“, behaupten zwar NRW-Forumsleiter Alain Bieber und Ko-Kuratorin Judith Winterhager. Doch tatsächlich geht es vor allem um queeren und Trans-Sex, der emanzipatorisch und antisexistisch sein soll, dazu um Fetische, polymorphe Perversionen und abweichendes Verhalten aller Art. Also um den Anspruch der LGBTQIA+-Minderheiten auf Anerkennung ihres Andersseins durch die heteronormative Mehrheit. Diese Bewegung prägte die 2010er Jahre; die Gegenwart sieht anders aus.

 

Vulva-cupcakes mit Zuckerguss

 

Was „Sex Now“ geflissentlich ignoriert. Den Retro-Charakter der Ausstellung belegt auch die Auswahl der Exponate: Da finden sich etliche Objekte, die regressiv-infantil wirken – als wollten ihre Schöpfer es sich im safe space einer Kinderladen-Kuschelecke gemütlich machen. Etwa die „Fluffy Library“: Diese „queere Bibliothek der nicht-binären Künstler*in Antigoni Tsagkaropoulou“ füllt einen ganzen Raum mit Sitzsäcken, Plüschkissen, Comics und Glitzer-Tinnef. Dazu passt der Workshop „Eat a vulva“, in dem man cupcakes in Vulva-Form mit Zuckerguss verzieren darf, oder „Porno Ping Pong“, das „Kneipenquiz zur Ausstellung“.

 

Einem Aufklärungsbedürfnis, das man gleichfalls eher bei Kindern vermuten würde, kommt die Abteilung „untenrum“ entgegen: mit Dutzenden von Abbildungen weiblicher und männlicher Geschlechtsorgane, teils gezeichnet („Die Vulva Galerie“ von Sam Hil Atalanta), teils fotografiert („Welt der Genitalien“ von Caroline Barrueco). Offenbar haben die Bilder-Sammler nicht viel zu sagen, denn sie überlassen das den Porträtierten: „All diese verschiedenen Vulvas sind ein bewegendes Zeugnis dafür, wie wunderschön, komplex und inspirierend unsere Körper sein können“, bekennt die 33-jährige T. aus „Frankreich/ Palästina“.

 

Penisring aus Ziegenbock-Augenlidern

 

Auf derart schwärmerische Phrasen verzichten die Beiträge im nächsten Abschnitt: Sie lassen nackte Tatsachen sprechen. Sandra Vater gießt Negativ-Abdrucke von Genitalien, die ihr Männer zugeschickt haben, mit Wachs aus. Silke Remmert modelliert Schamlippen aus Kunstschwamm. Das „sexualpädagogische Kunstkollektiv Glitterclit“ formt Klitoris-Modelle aus buntem Stoff, um „niedrigschwellig Körperwissen zu vermitteln“. Und Viktoria Krug bestückt ihr „Vulvarium“ mit naturgetreuen, aber vergoldeten Skulpturen.

 

Mösen und Schwänze aus Gips, Glas, Keramik oder Pelz werden ergänzt durch Sex-Spielzeuge, die ebenso variantenreich ausfallen: von „Clito-Ohrringen“ bis zum Penisring aus Indonesien, der „aus den Augenlidern eines Ziegenbocks gefertigt“ wurde (kein Scherz!). Solch ein breit gefächertes Sortiment bietet kein Sex-Shop. Was dieses Kuriositäten-Kabinett allerdings über heutiges Liebesleben aussagen soll, bleibt unklar.

 

Im Musée d’Orsay blank ziehen

 

Eindeutig an zeitgenössische Debatten knüpft jedoch der Themenraum zu „#MeToo“ an; allerdings mit Arbeiten, die wenig Erhellendes dazu beisteuern. Vor Gustave Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ (1866), das eine weibliche Scham zeigt, hockte sich Deborah de Robertis 2014 im Musée d’Orsay auf den Boden und entblößte ihr Geschlecht. Zehn Jahre darauf sprühte sie den Schriftzug „Me Too“ auf die Schutzscheibe vor dem Gemälde – mit dieser Vandalismus-Aktion wollte sie „die Objektifizierung weiblicher Körper in der Kunst kritisieren“.

 

Das Missverhältnis zwischen dem Stand der Dinge und seiner Aufbereitung in der Ausstellung wird in der Abteilung „PorYes“ am ärgsten. Pornographie im Sinne von Lust erregenden Darstellungen gab es seit der Antike. Doch in den letzten 15 Jahren ist das Angebot explodiert: Jeder Internet-Nutzer kann mit ein paar Mausklicks gratis oder für wenig Geld Terrabytes von Pornos in allen erdenklichen Spielarten ansehen. Die Folgen dieser Inflationierung werden bislang kaum reflektiert.

 

Cunnilingus-Clownerie zu Kirmes-Musik

 

Alles, was „Sex Now“ dazu einfällt, ist der Verweis auf „einvernehmliche, feministische und gendergerechte Pornografie“. Solche politisch korrekten Pornos von Produzentinnen wie Paulita Pappel oder Erika Lust bedienen nur eine winzige Marktnische für alternative Milieus. Hier kann man sie in einem Kino-Raum ansehen: etwa zwei Frauen, die zu Kirmes-Musik eine Cunnilingus-Clownerie veranstalten – so aufregend wie ein Herrenwitz.

 

Ähnlich abwegig gerät die Berücksichtigung von KI: mit „Eroticissima“ von Miyö van Stenis, dem „ersten Sex- und Liebessimulator im Metaverse“. Darin sollen „genderfluide Avatare neue Formen von Nähe, Begehren und digitaler Sinnlichkeit erkunden“, wobei „das gegenseitige Einverständnis vorausgesetzt“ wird. Die Wirklichkeit sieht anders aus: An jeder Internet-Rotlichtecke bietet KI zahlenden Nutzern an, ihren Wunsch-Geschlechtsakt mit Deepfakes nach dem Baukastenprinzip täuschend echt zu simulieren – virtuelle Sexpuppen als personalisierte Masturbationsvorlage.

 

Überholtes Kulturrevolutions-Projekt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Sex – Jüdische Positionen" – umfassende Themenschau im Jüdischen Museum, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Verdammte Lust! – Kirche. Körper. Kunst" über das zwiespältige Verhältnis der katholischen Kirche zu Liebe und Sex in den Künsten im Diözesanmuseum Freising

 

und hier einen Bericht über den Film "Teaches of Peaches" – Doku über die Jubiläumstournee der sexpositiven Electroclash-Provokateurin von Judy Landkammer + Philipp Fussenegger

 

und hier einen Artikel über den Film "She said" – spannendes Dokudrama über den Weinstein-Skandal als Auslöser der #MeToo-Bewegung von Maria Schrader

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Homosexualität_en" über sexuelle Minderheiten im Deutschen Historischen Museum + Schwulen Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film "In guten Händen – Hysteria" von Tanya Wexler über die Erfindung des Vibrators im England der 1880er Jahre

 

und hier eine Reportage über den Auftritt der "Ökosex"-Propagandistin Annie Sprinkle auf der documenta 14 im Park der Karlsaue in Kassel.

 

Damit erreicht egozentrischer Konsumismus im Cybersex eine neue Qualität; die schnöde Realität natürlicher Körper kann dagegen nur zweitklassig wirken. Doch zur Zukunft des Liebeslebens bietet die Ausstellung nur Abseitiges wie „Pteridophilia“ von Zheng Bo aus Hongkong: In seinem Ökosex-Videofilm vergnügen sich unbekleidete Jünglinge im Wald mit Farnwedeln.

 

Diese verspielt-idyllische Sicht auf alles Sexuelle war typisch für den Zeitgeist vor rund zehn Jahren: Als nachholende Gleichberechtigung sollten alle erotischen Minderheiten rehabilitiert und die Geschlechter-Differenz möglichst eingeebnet werden – sie sei ohnehin ein soziales Konstrukt. Das Kulturrevolutions-Projekt für den Unterleib ist jedoch mittlerweile von den Zeitläuften überholt worden.

 

Faktoren der Lustlosigkeit

 

Laut Umfragen nehmen interpersonale sexuelle Aktivitäten ab, insbesondere bei jungen Leuten; Beischlaf wird seltener. Das könnte eventuell an jederzeit verfügbaren Ersatzbefriedigungen im Netz liegen. Oder an geringerer Sozialkompetenz durch übermäßige Beschäftigung mit isolierenden Digital-Medien; wer sich paaren will, muss wissen, wie man flirtet und anbandelt. Oder an allgemeinen Krisengefühlen angesichts der Weltlage, welche die Lust auf Ekstasen dämpfen. Ähnliches war 2001 zu beobachten, als die Terroranschläge vom 9. September die Spaßgesellschaft der 1990er Jahre abrupt ausbremsten.

 

Oder an der öffentlichen Sphäre: Während hypersexualisierte Selbstdarstellung vorwiegend im Show-Kontext stattfindet, tritt man im Alltag deutlich züchtiger auf als noch vor zehn oder 20 Jahren: Badeanzug statt FKK. Dabei könnte die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen eine Rolle spielen, in denen modest fashion und hochgeschlossene Kleidung de rigueur sind. Wer mag sich noch oben ohne am Strand sonnen, wenn die Sitznachbarinnen Kopftücher tragen?

 

„Beate Uhse Erotik-Museum“ war besser

 

All diese aktuellen Phänomene nimmt die Ausstellung nicht zur Kenntnis. Sie gefällt sich darin, Symptome von Neo-Prüderie schlicht zu leugnen und stattdessen unermüdlich eine sexuelle Befreiung zu predigen, der längst die Mitspieler fehlen – oder genauer: Sie haben sich in urbane linksliberale Biotope zurückgezogen. Indem die Schau gegenwärtige Trends völlig ausklammert, frönt sie einem gestrigen Hedonismus, der ihrem Titel „Sex Now“ Hohn spricht. Da war das „Beate Uhse Erotik-Museum“ in Berlin, das 2014 seine Tore schloss, wesentlich informativer.