
„Klopf, klopf!“: Der Geist Mary Shelleys sucht einen Körper. Die frühromantische Autorin von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) möchte die Mär ihres von Menschenhand erschaffenen Monsters weitererzählen. Es fand einst in den Flammen ein allzu abruptes Ende – und über die Rolle der Frauen ist im Buch, so Shelley, noch gar nichts gesagt worden. Ihre Wahl fällt auf Ida (Jessie Buckley); ein leichtes Mädchen mit losem Mundwerk, das sich im Chicago der 1930er Jahre in gefährlicher Mission im Umfeld eines Mafia-Bosses herumtreibt.
Info
The Bride! – Es lebe die Braut
Regie: Maggie Gyllenhaal,
126 Min., USA 2026;
mit: Jessie Buckley, Christian Bale, Annette Bening, Peter Sarsgaard, Penélope Cruz
Weitere Informationen zum Film
Gewohnt obszöne Schimpfkanonaden
Euphronius ist fasziniert von dieser Kreatur, die so sensibel über ihr Befinden spricht. Gemeinsam buddeln sie nachts Ida aus ihrem Armengrab und reanimieren sie – samt einer Art Muttermal auf der Wange, das wie ein Tintenfleck aussieht. Bis sich jedoch die Braut, die sich kaum an ihr Leben vor dem Unfall erinnert, in ihre neue Rolle einfindet, sind viel gutes Zureden und gemeinsam erlebte Abenteuer mit „Frank“ nötig, wie sie ihren Begleiter nennt. Zumindest Idas gewohntes Vokabular lässt die Braut aber regelmäßig in herrlich obszönen Schimpfkanonaden auf die Umwelt los.
Offizieller Filmtrailer
Opulente Kulissen von Ballsaal bis Autokino
Angelehnt an den klassischen Horrorfilm „Frankensteins Braut“ (1935) von James Whale, der vor Witz und Einfallsreichtum nur so sprühte, zieht Regisseurin Maggie Gyllenhaal bei der Inszenierung ihres zweiten Spielfilms alle Register. Opulent ausgestattete Ballsäle, dekadente Lokale, dunkle Straßenzüge und Labore im steam punk look dienen als Kulissen für Wortgefechte, Schießereien, schwungvoll durchchoreografierte Massen-Tanzszenen und bodyhorror-Momente.
Aber auch Filmtheater – ob in Chicago, New York oder als Autokino in der Provinz – bieten die passenden Kulisse für die Suche der Monster nach Schönheit und dem Guten: Wie die Regisseurin sind sie cinephil. Leider erleben sie in der Gesellschaft realer Menschen vor allem lüsterne Übergriffe und Gewalt: Solche Erfahrungen wecken die Unholde in ihnen und verbinden sie mit anderen Außenseitern.
Penélope Cruz triumphiert als Polizistin
Bald haben sie, während sie sich ihrer vernarbten beziehungsweise verfärbten Haut erwehren, die ersten Toten auf dem Gewissen. Schnell heftet sich nicht nur der eine oder andere Lynchmob an ihre Fersen, sondern auch das FBI in Gestalt der Detektive Jake Wiles (Peter Sarsgaard) und Myrna Mallow (Penélope Cruz).
Während der vom Leben enttäuschte Wiles sich als alter Bekannter der Braut erweist, ist Mallow eine der ersten Polizistinnen, die sich daran machen, die Karriereleiter zu erklimmen. Da Emanzipation im damaligen Polizeidienst nicht vorgesehen ist, kann sie die Ermittlungen zunächst nur im Namen ihres Kollegen führen. Doch irgendwann gibt der auf und gibt ihr freie Hand, was ihr zum eigenen Triumph verhilft.
Fanclub aus tätowierten Frauen
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Poor Things" – Frankenstein goes Feminismus: Sex-Horror-Märchen von Giorgos Lanthimos
und hier eine Besprechung des Films "Mary Shelley" – gelungenes Biopic über die Schriftstellerin + Erfinderin von "Frankenstein" von Haifaa Al Mansour
und hier einen Beitrag über den Film "A Cure for Wellness" – Dr. Frankenstein praktiziert im Zauberberg-Spa: Mystery-Thriller in abgelegenem Sanatorium von Gore Verbinski
und hier einen Bericht über den Film "Joker: Folie à deux" – Fortsetzung des "Joker"-Welterfolgs über einen Serienmörder und sein Groupie als Musical von Todd Phillips.
Es gibt also viele Motive und Ideen, die sich einerseits an Kino-Traditionen anlehnen, andererseits aber auch Zeitgeist-Themen wie Selbstfindung und -ermächtigung ins Geschehen integrieren wollen. Hierfür nutzt Regisseurin Gyllenhaal immer wieder aktuelle buzzwords, die sich in die erregten Wortkaskaden der Braut einfügen oder, wenn es emotionaler wird, auch singen lassen. So schmettert Jessie Buckley in einer finalen Tanzszene voller Inbrunst ihr persönliches „Me too!“
Ermüdende Dauer-Unruhe
Mit entfesselter Kamera, ebensolchen Darstellern und viel Musik gelingt es mehrmals, Lacher, eine gewisse Anmut und bedeutungsschwangere Augenblicke zu erzeugen. Aber nicht durchgängig: Streckenweise wirken die Passagen zwischen den Höhepunkten etwas lieblos aneinandergereiht.
Zwar soll ein Horror-Musical vor allem unterhaltsam sein und muss sich nicht unbedingt um Plausibilität kümmern. Doch die unablässigen Kamerabewegungen sollen scheinbar vor allem vorführen, dass keine der auftretenden Figuren unterwegs vergessen wurde. Diese Unruhe wirkt auf Dauer ermüdend, und die teils interessanten Ansätze, teils monströsen Zumutungen für sensiblere Zuschauer bilden kein überzeugendes Ganzes. Es bleibt beim krawalligen Pastiche.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.