Kristen Stewart

The Chronology of Water

Lidia (Imogen Poots). Foto: © 2026 eksystent Filmverleih
(Kinostart: 5.3.) Nicht die Zeit zählt, sondern der Schmerz: Bei ihrem Regie-Debüt folgt Star-Schauspielerin Kristen Stewart einer emotionalen Logik anstelle von Chronologie. In ihrer Verfilmung der Memoiren einer missbrauchten Autorin brilliert Hauptdarstellerin Imogen Poots mit sehr physischem Spiel.

In diesem Film ist Zeit kein Fluss, sondern eine psychologische Wunde. Sie vernarbt irgendwann, aber sie reißt immer wieder auf und bleibt stets spürbar, wenn auch unter der Oberfläche. Es scheint, als ordne sich alles, was passiert, nicht nach Jahren an, sondern gemäß des Schmerzes.

 

Info

 

The Chronology of Water

 

Regie: Kristen Stewart,

128 Min., USA 2025;

mit: Imogen Poot, Thora Birch, Tom Sturridge, Jim Belushi

 

Weitere Informationen zum Film

 

In ihrem Regie-Debüt interessiert sich Star-Schauspielerin Kristen Stewart weniger dafür, wann ihrer Protagonistin Lidia (Imogen Poots) etwas geschieht, sondern welche Spuren es auf ihrem Körper hinterlässt. „The Chronology of Water“ basiert auf den gleichnamigen Memoiren der US-Schriftstellerin Lidia Yuknavitch, die ab 1963 in einem von Missbrauch und Alkohol geprägten Elternhaus aufwuchs.

 

Flucht ins Schwimmbecken

 

Ihr Vater demütigt und missbraucht sie, auch sexuell. Während Lidias Schwester Claudia (Thora Birch) sich opfert, um die Aufmerksamkeit des Vaters von Lidia abzulenken, versinkt die Mutter in einem Nebel aus Tabletten und Whiskey, um zu vergessen. Lidia flüchtet dagegen ins Wasser: Beim Schwimmen kann sich ihr Körper frei bewegen – bis auch hier der Druck des Vaters jede Freude erstickt.

Offizieller Filmtrailer


 

Eigener Raum + Suff + Sex

 

Als Lidia nach der High School Zusagen für Stipendien an renommierten Universitäten erhält, liest ihr Vater diese erst hämisch vor und zerreißt sie dann, um ihre Zukunft im Keim zu ersticken. Dabei spart Regisseurin Stewart nicht mit Symbolik: Die Papierfetzen scheinen die Risse in Lidias Zukunftsaussichten zu spiegeln.

 

Lidia macht dennoch zunächst das Beste daraus, zieht in eine Studentenbude um und besucht das lokale College. „Endlich ein eigener Raum, eigener Suff und eigener Sex“, sagt sie – ein verzweifelter Versuch, autonom zu werden. Doch schon bald gerät sie in destruktive Beziehungen, trinkt exzessiv und hat eine Fehlgeburt. Ihren liebenswürdigen Freund und ersten Ehemann (Earl Cave) verachtet sie, weil seine Sanftheit nicht zu ihrem deformierten Inneren passt.

 

Erinnerungen tauchen auf wie Impulse

 

Dann lädt eine Freundin sie zu einem Seminar für Kreatives Schreiben ein. Geleitet wird es vom Schriftsteller und Aktionskünstlers Ken Kesey (Jim Belushi), der mit dem Bestseller “Einer flog über das Kuckucksnest” von 1962 berühmt wurde. Dass Lidia dem Exzentriker Kesey vertraut, liegt vielleicht an ähnlichen Erfahrungen, die beide gemacht haben. Unter seinem Einfluss findet Lidia eine Sprache für das, was sie erlebt hat – und was sich zuvor chronologisch nicht ordnen ließ. Schreiben wird nun für sie zur Möglichkeit, die eigene Zeit selbst zu strukturieren.

 

Stewart übersetzt die Memoiren von Yuknavitch nicht in eine klassische Entwicklungsdramaturgie, sondern arbeitet mit Brüchen und Überlagerungen. Oft bleiben Bilder stehen oder wiederholen sich. Manchmal ruft eine Stimme aus dem Off ein Jahr aus: Jahr sieben, Jahr acht. Vergangenheit und Gegenwart koexistieren simultan im selben Bildraum. Erinnerungen tauchen auf wie Impulse – abrupt, unvorbereitet, körperlich.

 

Trotz + Entschlossenheit

 

Auf der Tonebene ersetzt Stewart den erzählerischen Fluss durch ein hartes Stakkato: Monologe gehen in kurze, fast abgehackte Dialoge über. Geräusche – Atem, Wasser, Schläge auf den Beckenrand oder eine Matratze – wirken verstärkt, manchmal überbetont. Selbst in Momenten der Stille vibriert eine unterschwellige Gewalt.

 

Hintergrund

 

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Wie es Yuknavitchs Buch vorgibt, spielt die perfekt besetzte Imogen Poots ihre Figur keineswegs als Opfer. Ihr Spiel changiert brillant zwischen rohem Trotz und einer fast manischen Entschlossenheit, sich selbst nicht preiszugeben.

 

Wasser als Leitmotiv

 

Insbesondere in den Szenen mit Ken Kesey entsteht eine leise, fragile Spannung: Bewunderung mischt sich mit Misstrauen, Offenheit mit Abwehr. Dabei ist Poots‘ performance sehr physisch, fast roh. Wenn Blut oder Speichel aus ihrem Mund läuft, fängt die Kamera das aus nächster Nähe ein. So verweigert Stewart jede ästhetische Glättung; Schmerz wird nicht angedeutet, sondern drastisch gezeigt.

 

Immer wieder kehrt Wasser als Leitmotiv zurück. Da treiben Tücher kurz über die Oberfläche, oft blutgetränkt, bevor sie absinken. Solche Bilder sind knapp, fast beiläufig montiert. Sie illustrieren und kommentieren nichts, sondern existieren einfach – wie die Erinnerungen selbst. Die Kamera folgt mehr dem Strömen des fließenden Wassers als gewöhnlichen Perspektiven. Sie beobachtet, anstatt zu dramatisieren. Selbst eine Fehlgeburt wird nicht als melodramatischer Höhepunkt inszeniert, sondern als brutaler, stiller Einschnitt.

 

Aufmerksamkeit + Konzentration

 

Die ständigen Sprünge in Zeit und Raum verlangen jedoch dem Zuschauer viel Aufmerksamkeit und Konzentration ab. Andererseits erzeugt die visuelle Fragmentierung des Films eine eigene Kohärenz: Seine Bilderfolge entspricht keiner Chronologie, sondern einer emotionalen Logik – der des Schmerzes anstelle der Zeit. So wird „The Chronology of Water“ zum Beispiel für eine radikale Aneignung der eigenen Biografie: die Entscheidung, die eigene Wunde nicht zu verbergen, sondern sie sprechen zu lassen.