François-Xavier Drouet

The Gospel of Revolution

Gottesdienst einer Basisgemeinde von Indigenen im mexikanischen Chiapas. Foto: © Drop-Out Cinema eG/Andana Films
(Kinostart: 2.4.) Das Prinzip Hoffnung: Die katholische Befreiungstheologie, im Lateinamerika der 1970/80er Jahre sehr präsent, scheint quasi verschwunden. Filmemacher François-Xavier Drouet geht auf Spurensuche – mit einer klug komponierten Mischung aus Archivmaterial und Zeitzeugen-Interviews.

Der Begriff fällt kaum noch, ihr Gedankengebäude wirkt verblasst, ihre viele Millionen Anhänger zählende Bewegung scheint zerstreut: Was ist eigentlich aus der katholischen Befreiungstheologie geworden? Zu ihrer Hochzeit in den 1970/80er Jahren war sie eine der wichtigsten religiösen Strömungen zumindest der christlichen Welt; manche trauten ihren Wortführern zu, dereinst den Vatikan zu übernehmen. Es kam anders.

 

Info

 

The Gospel of Revolution

 

Regie: François-Xavier Drouet,

115 Min., Frankreich/ Belgien 2024;

 

Weitere Informationen zum Film

 

Warum, fragt sich der französische Filmemacher François-Xavier Drouet. Er spürt der Vergangenheit der Befreiungstheologie und ihrem Erbe in vier lateinamerikanischen Staaten nach: El Salvador, Brasilien, Nicaragua und Mexiko. Sorgsam ausgesuchte Archiv-Aufnahmen wechseln ab mit Interviews mit damaligen Akteuren, meist kirchlichen Würdenträgern. Geschickt baut Drouet eine Dramaturgie auf, die den Aufschwung und Niedergang der Befreiungstheologie sehr anschaulich macht.

 

Erlösung auf Erden, nicht im Jenseits

 

Sie entstand Anfang der 1960er Jahre simultan in verschiedenen Regionen Südamerikas; der Begriff selbst wurde 1971 geprägt. Wegen der Aufbruchsstimmung durch die Entkolonialisierung weltweit und die kubanische Revolution von 1959 entstanden vielerorts so genannte Basisgemeinden, in denen arme und landlose Bauern die biblische Botschaft auf sich selbst bezogen: Sie verstanden Erlösung nicht als abstrakte Verheißung eines jenseitigen Heils, sondern als konkretes Versprechen der Besserung ihres Lebens auf Erden.

Offizieller Filmtrailer


 

Bischof 1980 während Messe ermordet

 

Eine solche Lesart der heiligen Schrift lag nahe: Schließlich war Jesus selbst mittellos und ausgestoßen gewesen; er hatte Marginalisierte um sich geschart und war verfolgt worden. „Wir Christen sind Jünger eines politischen Gefangenen“, fasst der brasilianische Dominikanermönch Frei Betto, der 1969 selbst eingesperrt und gefoltert worden war, dieses Christus-Verständnis zusammen. Unterstützt wurden die indigenen Gemeinden von progressiven Priestern und Bischöfen, die sie vor Repressionen zu schützen versuchten.

 

Bei ihrem Idealismus spielte auch die innerkirchliche Reformbewegung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) eine Rolle; es ist wohl nicht zu weit hergeholt, sie als religiösen Flügel der seinerzeitigen Bürgerrechts- und Emanzipations-Bewegungen in der westlichen Welt zu betrachten. Berührungsängste mit sozialistischen Ideen hatten sie jedenfalls nicht; dadurch wurden sie zu Zielscheiben für reaktionäre Regime und Militärdiktaturen. Das prominenteste Opfer war der Erzbischof von El Salvador: Óscar Romero wurde 1980 von einem Soldaten erschossen, während er eine Messe zelebrierte – es war der Auftakt zu einem Bürgerkrieg mit 70.000 Toten.

 

Frei dank Gott + der Revolution

 

In den blutigen Konflikten dieser Epoche zwischen Juntas und Guerillas blieben linkskatholische Kleriker mit ihrer Gefolgschaft meist in der Defensive. Ausnahme Nicaragua: Dort stürzten die Sandinisten 1979 die Somoza-Diktatur, getragen von einer tief gläubigen Bevölkerung. Hier erschien die flächendeckende Umsetzung der Befreiungstheologie-Ideale erstmals möglich, wie sie der Priester-Dichter und Kulturminister Ernesto Cardenal wortgewaltig beschwor.

 

Das Kapitel über Nicaragua ist das fesselndste des Films. Höhepunkt sind Archivbilder vom Besuch des Papstes Johannes Paul II. 1983 in der Hauptstadt Managua. Hunderttausende jubeln ihm begeistert zu – doch sie schwenken auch Banner mit Losungen wie: „Willkommen im freien Nicaragua, dank Gott und der Revolution“. Derlei irritiert das polnische, strikt antikommunistische Oberhaupt der Amtskirche: Als er in seiner Rede vor den Gläubigen ausnahmslos Unterordnung unter deren Lehren fordert, wird der Bruch offensichtlich. Seine Abreise gleicht einer Flucht.

 

Unvermeidlicher Bruch

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Tanja – Tagebuch einer Guerillera" – eindrucksvolles Porträt einer FARC-Kämpferin in Kolumbien von Marcel Mettelsiefen

 

und hier eine Besprechung des Films "Monos – Zwischen Himmel und Hölle" – bildgewaltiges Guerilla-Epos im kolumbianischen Dschungel von Alejandro Landes

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Testament of Ann Lee" – mitreißender Historienfilm mit Musical-Elementen über die Gründerin der Shaker-Sekte von Mona Fastvold

 

und hier einen Bericht über den Film "Ixcanul – Träume am Fuß des Vulkans" – subtiles Sozialdrama unter Maya-Indios in Guatemala von Jayro Bustamante, prämiert mit Silbernem Bären 2015.

 

Dieser Bruch ist, was Regisseur Drouet deutlich herausarbeitet, bis heute nicht gekittet – und er wurde zum Anfang vom Ende der Befreiungstheologie. Was unvermeidlich war, wie einer ihrer wichtigsten Vertreter klarstellt: Der Brasilianer Leonardo Boff hat in seinem Hauptwerk „Kirche: Charisma und Macht“ (1981) ihr widersprüchliches Wesen schonungslos analysiert.

 

Ihre Botschaft von Frieden, Altruismus und Gleichheit der Menschen vor Gott diene dazu, „die Armen zu besänftigen und die Reichen zu rechtfertigen“, so Boff. Dagegen sei der klerikale Apparat streng hierarchisch organisiert, zentralisiere die Macht für Wenige und marginalisiere alle anderen.

 

Geld + Pass in Deiner Hand

 

Keine sonderlich neue Kritik; nicht von ungefähr begreifen viele die Befreiungstheologie als „radikalste Kritik seit der Reformation an der Kirche“. Letztere erweist sich bis in jüngste Zeit, allen Missbrauchs- und sonstigen Skandalen zum Trotz, als weitgehend reformresistent. Der Niedergang und Ansehensverlust der Befreiungstheologie ist aber eher auf andere Faktoren zurückzuführen. Auf der materiellen Seite hat das früher schreiende Elend in Lateinamerika durch Sozialreformen und allgemeinen Wohlstandszuwachs etwas abgenommen. Schießwütige Soldateskas sind Vergangenheit; die Kirche dient seltener als Refugium für zu Unrecht Verfolgte.

 

Auf der spirituellen Seite gewinnen andere Strömungen an Boden: die evangelikalen Christen. Sie versprechen Gottes Gunst nicht kollektiven Gemeinden, sondern jedem Einzelnen: „Ich werde das Geld in Deine Hand legen, ich werde den Pass in Deine Hand legen“, kreischt ekstatisch ein brasilianischer Prediger beim Gottesdienst. Angesichts dieses Get-rich-quick scheme sehen ehrwürdige katholische Priester in ihren blütenweißen, oft reich bestickten Messgewändern recht blass aus.