Mona Fastvold

The Testament of Ann Lee

Ann Lee (Amanda Seyfried) predigt Gleichberechtigung. Foto: © 2025 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.
(Kinostart: 12.3.) Geburt einer Religion aus dem Geist sexueller Abstinenz: Um 1770 gründete Ann Lee die Glaubensgemeinschaft der Shaker; nach ihrer Emigration in die USA blühte sie auf. Das zeichnet Regisseurin Mona Fastvold mit opulenten Musical-Einlagen nach – nur das Charisma von Amanda Seyfried ist begrenzt.

Auch Weltreligionen haben klein angefangen. Umgekehrt beanspruchen viele Sekten, die gesamte Menschheit zu ihrer Wahrheit bekehren zu wollen. Ihre Anführer nennt man auf Deutsch „Religionsstifter“ – als könne man eine Glaubensgemeinschaft einfach per Willensakt aus der Taufe heben. Dabei handelt es sich um einen höchst geheimnisvollen Vorgang. Viele Leute verkünden krause Ideen; aber nur wenige finden Anhänger, die ihnen Glauben schenken und sogar bereit sind, danach ihr Leben auszurichten.

 

Info

 

The Testament of Ann Lee

 

Regie: Mona Fastvold,

137 Min., Großbritannien/ USA 2025;

mit: Amanda Seyfried, Thomasin Mckenzie, Lewis Pullman

 

Weitere Informationen zum Film

 

Diese unbestimmbare Autorität heißt Charisma; das altgriechische Wort bezeichnet in der jüdisch-christlichen Tradition eine „von Gott geschenkte Gnadengabe“. Ann Lee (1736-1784) hatte zweifellos Charisma. Andernfalls wäre es der analphabetischen Arbeiterin im britischen Manchester kaum gelungen, die Glaubensgemeinschaft der Shaker zu begründen – als Abspaltung von den Quäkern, die neben der Bibellektüre großen Wert auf innere religiöse Erfahrungen legten.

 

Vision Christi im Gefängnis

 

Anfangs fand Ann Lee für ihre Predigten über die Sünde und die „zweite Ankunft Christi“, die in den Herzen der Gläubigen stattfinden sollte, nur eine Handvoll Gefolgsleute. Weil sie Irrlehren verbreite, wurde sie 1770 ins Gefängnis geworfen. Dort hatte sie nach eigenen Worten eine Vision Christi, schlug sich noch eine Weile mit der britischen Obrigkeit herum und wanderte dann 1774 mit acht Getreuen nach New York aus; die nordamerikanischen Kolonien sollten sich kurz darauf ihre Unabhängigkeit als Vereinigte Staaten erkämpfen.

Offizieller Filmtrailer


 

Traumatisierte gebietet Keuschheit

 

Was Lees kleine Gemeinschaft kaum kümmerte: Sie war damit beschäftigt, in der Wildnis ihre erste Siedlung in klösterlicher Abgeschiedenheit aufzubauen. Durch eifrige Missionstätigkeit nach Lees frühem Tod wuchs die Zahl der Mitglieder steil an. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es rund 20 Siedlungen mit insgesamt 6000 Gläubigen. Im 20. Jahrhundert fiel sie rasch; heute ist die Bewegung mangels Nachwuchs praktisch verschwunden.

 

Aus einem einfachen Grund: Alle Shaker waren kinderlos, weil Ann Lee sie zur absoluten Keuschheit verpflichtet hatte. Die Ursache führt Regisseurin Mona Fastvold zu Beginn ihres Biopics drastisch vor. Die Vorliebe ihres Ehemanns Abraham Stanley, von Beruf Schmied, für SM-Praktiken sowie vier Schwangerschaften, bei denen die Neugeborenen nicht oder nur kurz überlebten, hatten Lee traumatisiert. Mit ihrem Gebot sexueller Abstinenz knüpfte sie an eine ehrwürdige Tradition an: Vor der Reformation lebte der gesamte Klerus Westeuropas im Zölibat, um nicht von Gott abgelenkt zu werden – zumindest sollte er es.

 

Schütteltanz als Musical-Einlagen

 

Das zweite wichtige Wesensmerkmal der Shaker, das Pate für ihren Rufnamen stand, malt die Regisseurin ebenso üppig aus. Shaker beteten nicht leise und gefasst, sondern lauthals und bewegt – in einem rituellen Reigen, der als „Schütteltanz“ beschrieben wurde. Ähnliche Formen der Gottesverehrung, die gemeinschaftliche Bande festigen, kennen etliche Religionen.

 

Fastvold verwandelt sie in opulente Musical-Einlagen mit aufwändigen Choreographien. Die Liedtexte sollen historisch verbürgt sein, die Musik klingt zeitgenössisch wuchtig. Das dürfte kaum damaliger Praxis entsprechen, doch es wirkt mitreißend, macht spirituelle Ekstasen glaubhaft – und passt zu den exaltierten Tanz-Stilen in der heutigen Show- und Pop-Kultur.

 

Allein persönliche Erlösung zählt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Erlösung der Fanny Lye" – Historien-Drama über Emanzipation einer Bauersfrau des 17. Jahrhunderts von Thomas Clay

 

und hier eine Besprechung des Films "Licht" – Historien-Drama über weibliche Emanzipation im 18. Jahrhundert von Barbara Albert

 

und hier einen Beitrag über den Film "Les Misérables" – überwältigend opulente Verfilmung des Musicals nach dem Roman von Victor Hugo von Tom Hooper mit Amanda Seyfried

 

und hier eine Kritik des Films "Der Brutalist" – fiktives Biopic eines Architekten, der in den Nachkriegs-USA Opfer von Antisemitismus wird, von Brady Corbet mit Mona Fastvold als Ko-Skript-Autorin.

 

Ohnehin bekommt die Regisseurin den Spagat zwischen der Glaubens- und Lebenswelt im 18. Jahrhundert und der säkularisierten Skepsis in der Gegenwart gut hin. Obwohl Amanda Seyfried in der Hauptrolle etwas zu frisch gebügelt und gefönt aussieht, um glaubhaft markerschütternde Erleuchtungen zu verkünden – ihren Anhängern nimmt man ihre Hingabe jederzeit ab.

 

Sie zahlten einen enorm hohen Preis. In einer Welt fast ohne soziale Sicherung waren sie bereit, ihre bisherige Existenz aufzugeben, Familie und Freunde zu verlassen und ihren ganzen Besitz einzusetzen – nur wegen der Aussicht auf persönliche Erlösung, wenn sie ihrer Prophetin folgten. Der gelang es allein mit der Kraft ihrer Worte, solche Gewissheit zu verbreiten: Fastvolds Film macht anschaulich, wie eine neue Religion entsteht. Diese Gruppendynamik ist im Kino selten zu sehen.

 

Zu schön, um wahr zu sein

 

Dass die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin in Interviews nicht müde werden, zu betonen, wie eindringlich Ann Lee Gleichberechtigung und Gewaltlosigkeit gepredigt habe – geschenkt. Solche feministisch inspirierte Posthum-Nobilitierung straft der Film selbst Lügen. Im 18. Jahrhundert waren Geschlechterrollen festgelegt: Auch bei den Shakern zimmerten die Männer, und die Frauen machten die Betten. Und Verzicht auf Gegenwehr wurde selbstmörderisch, wenn Nachbar-Siedler über sie herfielen. Insofern bleibt nach knapp zweieinhalb Stunden der Eindruck, den jede egalitäre Utopie hinterlässt: Zu schön, um wahr zu sein.