
Der erste Eindruck ist überwältigend. An Holzgestellen, die teils schräg in den Raum hineinragen, hängen meterhohe Bilder. Aufgespannt und von beiden Seiten einsehbar; es handelt sich um so genannte Tapisserien, vollständig aus Fäden „gewirkt“, wie der Fachbegriff lautet. Auf der Vorderseite ist das Motiv zu sehen, auf der Rückseite veranschaulichen unzählige Fadenenden, wie solche Bildteppiche entstehen: an Webstühlen mit Tausenden von senkrechten Kette- und waagrechten Schuss-Fäden.
Info
Welt aus Fäden –
Bildteppiche der Moderne
11.12.2025 - 11.04.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
mittwochs 12 bis 20 Uhr
im Museum der bildenden Künste (MdbK), Katharinenstr. 10, Leipzig
Digitale Begleitbroschüre kostenlos
Weitere Informationen zur Ausstellung
Das Meiste kommt aus zwei Werkstätten
In Frankreich gilt die Herstellung repräsentativer Wandteppiche als staatliche Aufgabe. Deshalb wurden mehr als drei Viertel der rund 50 Arbeiten, die im Museum der bildenden Künste auf vier Etagen gezeigt werden, in nur zwei Werkstätten angefertigt. Entweder in der Pariser „Manufacture nationale des Gobelins“; sie wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet und 1792 verstaatlicht – streng genommen sind nur ihre Erzeugnisse echte Gobelins, wobei der Name auf eine einstige Färber-Familie zurückgeht.
Impressionen der Ausstellung
Herstellung dauert bis zu sechs Jahre
Oder die Tapisserien wurden in der Teppichmanufaktur der nordfranzösischen Kleinstadt Beauvais hergestellt, ebenfalls im 17. Jahrhundert gegründet und in staatlichem Besitz. Heute produzieren beide Manufakturen ausschließlich Tapisserien nach modernen Entwürfen. Im Vergleich dazu spielen die Bildwirkereien im mittelfranzösischen Aubusson oder die maschinelle Herstellung mit Jacquard-Webstühlen in Belgien und den Niederlanden nur eine untergeordnete Rolle.
Die Konzentration der Ausstellung auf die Produktion von nur zwei französischen Manufakturen hat Vor- und Nachteile. Einerseits arbeiten beide nicht gewinnorientiert, sondern liefern exklusive Schau-Stücke, die Frankreichs Selbstverständnis als großer Kulturnation entsprechen. Was enorm aufwändig ist: Es dauert bis zu sechs Jahre, um komplexe Darstellungen in prachtvolle Wandteppiche zu verwandeln. Das können sich private Auftraggeber und Abnehmer kaum leisten.
Auswahl-Kriterien bleiben ungenannt
Andererseits tendiert diese Form von Staatskunst zur l’art pour l’art. In der Nachkriegszeit wurden vor allem Entwürfe von Klassikern der Moderne in Tapisserien umgesetzt: Pablo Picasso, Henri Matisse, Joan Miró, Alexander Calder oder Wassily Kandinsky. Bei zeitgenössischen Werken arbeitet man seltener mit Star-Künstlern wie Louise Bourgeois und öfter mit namhaften Kollegen aus der zweiten Reihe zusammen. Ausschlaggebend scheint dabei zu sein, wie anspruchsvoll die Übertragung bestimmter Vorlagen in Gewebe aus Kette und Schuss ist: Je mühevoller, desto besser.
Doch das muss Spekulation bleiben. Die Auswahlkriterien werden an keiner Stelle genannt – obwohl die Leipziger Ausstellung ansonsten in einer – leider nur digital verfügbaren – Begleitbroschüre jedes Exponat und dessen Schöpfer mustergültig dokumentiert. Zwar ergänzt sie die französische Auswahl um ein paar historische Exemplare aus dem 18./19. Jahrhundert, ein eindrucksvolles halbes Dutzend von Werken aus der früheren DDR und eine Handvoll Gegenwarts-Produkte. Aber ein wirklich vielfältiger Überblick über die Bandbreite dieser Kunstform entsteht dadurch nicht.
Plastische Graffiti als Wandbehang
Bleibt nur, die „Welt aus Fäden“ aus französischer Perspektive zu betrachten – und die bietet genug Schauwerte. Wobei man sich bei manchen Abstrakten fragt, etwa Kandinsky oder Calder, ob es die Mühe wert war: Die meterhohen Tapisserien erscheinen wie unnötige Blow ups von schlichten Kompositionen, für die Kleinformate völlig ausreichen. Auch Eduardo Chillidas simpel-kurvige schwarze Form auf weißem Grund von 1986 hätte kaum 15 Jahre später in Beauvais vier Meter hoch verewigt werden müssen.
Andere Motive gewinnen als Tapisserie ungeahnte visuelle Qualitäten. Der Fotograf Brassaï – berühmt als Porträtist von Picasso, Matisse und anderen Großkünstlern – lichtete jahrzehntelang nebenbei anonyme Zeichnungen auf Hausfassaden ab; quasi als Sammlung urbaner Volkskunst. Eine Collage dieser Graffiti wurde 1971 zu einem fast vier Meter breiten Wandbehang verarbeitet – und siehe da: Unterschiedliche Grautöne der Fäden lassen die Fratzen und Kritzeleien viel plastischer als auf der Vorlage erscheinen.
Weiße Fäden wie Lichtreflexe
Dieser Effekt macht sich auch bei Bildern bemerkbar, die man a priori kaum für tapisserie-geeignet halten würde: etwa gestische Malerei der 1950er Jahre, auch Informel genannt. Hans Hartungs kleine Lithographie „Panneau n° 1 / Tafel Nr. 1“ (1961) sieht flüchtig hingetuscht aus – als Wandteppich verströmen ihre schwarzen Schraffuren dagegen wuchtige Präsenz.
Noch stärker wirkt solche Aufwertung durch Vergrößerung bei „Marcel Sembat“ (1959), der Hommage von André Borderie an einen Reformpolitiker. Schwungvolle breite Pinselzüge in Schwarz und Weiß auf rotem Grund suggerieren eine anthropomorphe Silhouette – wobei einzelne weiße Fäden wie Lichtreflexe erscheinen, welche die Dynamik der Darstellung noch verstärken.
Figurative Motive fesseln mehr
Solche überzeugenden abstrakten Tapisserien bleiben die Ausnahme; die meisten derartigen Wandbehänge erscheinen eher als beliebig gemusterte Deko-Ware. Dagegen fesseln gegenständliche Wandteppiche das Auge mehr: Das mag an der Jahrhunderte alten Gobelin-Tradition liegen, aber auch am Überraschungseffekt, wenn geläufige Formen wandfüllend werden.
Etwa bei „Sainte Sébastienne“ (1992); Louise Bourgeois übermittelte ihren Entwurf per Fax (!) nach Beauvais. Aus dem sehnig-jugendlichen Leib des Heiligen Sebastian in der abendländischen Bildtradition sind die kurvigen Umrisse einer üppigen, kopflosen Frau geworden; die obligatorischen Pfeile durchbohren sie nicht, sondern weisen auf Körperzonen hin wie bei medizinischen Abbildungen.
Fliehende Stirn wie bei Mayas
Noch stärker wirkt der Verfremdungseffekt bei einer Arbeit von ORLAN; diese zeitgenössische Künstlerin nutzt ihren Körper radikal als Material, z.B. bei plastischen Operationen. „Entstellung – Neugestaltung, prä-kolumbianische Selbsthybridisierung Nr. 4“ (2016) zeigt einen bunt schillernden, gezielt deformierten Frauenkopf: Bei den Maya und anderen altamerikanischen Völkern wurden die Schädel von Neugeborenen so gequetscht, dass eine stark fliehende Stirn entstand – sie war ein Schönheitsideal.
Als bedeutendster Erneuerer der Tapisserie-Kunst im 20. Jahrhundert gilt Jean Lurçat – paradoxerweise, indem er an die alte Tradition vielfiguriger Erzählungs-Teppiche anknüpfte, aber mit abstrahierten Gestalten und gedeckter Farbpalette. Wie wirkungsvoll das aussehen kann, zeigt „Die kleine Angst“ (1966): Wuchernde Flora und eine Schar von Tieren tummelt sich vor einer Art Kulissenwand – delikat aufeinander abgestimmte Blau-, Grün- und Rottöne sorgen trotz des Gewimmels für Farbharmonie.
Mit Sozialistischem Realismus verknüpft
Dieses Prinzip wurde in der DDR mit der Motivwelt des Sozialistischen Realismus verknüpft. Pastellfarben harmonieselig auf einem „Tierteppich“ (1959/60) von Rosemarie und Werner Rataiczyk, die in Halle (Saale) eine Gobelin-Werkstatt betrieben: Da schnäbeln die Tauben und balgen sich die Füchse. Vorzeige-Künstler Willi Sitte ließ kurz zuvor an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein einen „Ikarus“-Teppich herstellen, auf dem der Abstürzende einem Ballonfahrer und einem Raketen-Konstrukteur zur Mahnung dient: immer schön didaktisch bleiben!
Eine Apotheose der marxistisch-leninistischen Weltanschauung gelang Ursula Mattheuer-Neustädt, Gattin des Malers Wolfgang Mattheuer, 1972/3 mit ihrer „Hommage à Johannes R. Becher“. Zu Ehren des Dichters und Kulturfunktionärs findet sich hier auf engstem Raum alles, was das kommunistische Herz begehrt – in einer verblüffend ausgewogenen Wimmelbild-Komposition.
Zehn Meter Sozialkritik im Comic-Stil
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Noa Eshkol – No Time to Dance + Soft Power" – zwei zeitgenössische Textilkunst-Schauen im Georg Kolbe Museum, Berlin, und in DAS MINSK, Potsdam
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Die Fäden der Moderne: Matisse, Picasso, Miró ... und die französischen Gobelins" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München
und hier eine Besprechung der Ausstellung "BATTLE: RELOADED – Margret Eicher: Medientapisserien" – große Werkschau im Kunstmuseum Moritzburg, Halle
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "El Anatsui – Triumphant Scale" – faszinierend schillernde Wandteppiche aus Recycling-Material im Haus der Kunst, München.
Es scheint, als könnten Gegenwartskünstler mit dem Medium Tapisserie nicht mehr viel anfangen – oder umgekehrt: Die Bildwirker nehmen Motive auf, deren Wiedergabe mit Garn wenig sinnvoll erscheint. Da werden ein kurzer Handschrift-Satz (Jochen Gerz), Piktogramme (Pierre Buraglio), Computer-Typographie in Blutrot (David Bueno) oder eine realistische Baustellen-Ansicht (François Boisrond) auf Wandteppiche übertragen, ohne dass ein ästhetischer Mehrwert erkennbar wäre.
Barock-Kompositionen mit Popstars
Nur manchmal springt er ins Auge: etwa bei der zarten Tuschezeichnung einer Menschenmenge des Koreaners Lee Ungno oder einem Wolken-Mosaik der Tschechin Jana Sterbak. Bei solchen Motiven verleihen die Wollfäden den flüchtigen Farbnuancen des Originals sichtlich mehr Präsenz. Und noch seltener gelingt die Kreuzung herkömmlicher Kompositions-Prinzipien wie Frontalität, Symmetrie und Bordüren mit zeitgenössischen Themen, wie bei Margret Eicher. Ihre von Jacquard-Webstühlen maschinell umgesetzten Entwürfe sind wie altehrwürdige Barock-Vorbilder gestaltet – aber bevölkert von Fantasy-Figuren, Videogame-Utensilien und Popstars wie Madonna oder Lady Gaga.
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