
Was passiert, wenn selbst der Ausnahmezustand zur Routine wird? Dann bleibt nur noch, seine Intensität zu verwalten und in kleine Dosen einzuteilen. So halten es die Menschen in “Allegro Pastell”, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Leif Randt durch die Regisseurin Anna Roller. Sie leben in einer Welt, in der alles möglich scheint – und das einst Unmögliche deswegen seinen Reiz verloren hat.
Info
Allegro Pastell
Regie: Anna Roller,
99 Min., Deutschland 2025;
mit: Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant, Martina Gedeck
Weitere Informationen zum Film
Der Plot ist nicht das Ziel
Zwei driftende Großstadtmenschen mit kreativen Berufen: Tanja arbeitet an ihrem nächsten Roman, Jerome an einer neuen Website. Auf der Plot-Ebene passiert nicht viel in diesem Film – aber das ist auch nicht sein Anliegen. Die Beziehung von Tanja und Jerome entfaltet sich weniger in Handlungen als in Sprache. Vorgetragen wird sie meistens in einem sanften, leicht nervösen Ton, als würden die Figuren sich selbst beim Sprechen zuhören.
Offizieller Filmtrailer
Sprechen + Schweigen
Dann stehen die beiden Mittdreißiger in Tanjas Berliner Apartment und schweigen, für genau 20 mit dem Handy gestoppte Minuten. Es ist ein Ritual, an dem Tanja jedoch gleich wieder zweifelt. „Ich frage mich, wann wir uns gar nichts mehr zu sagen haben.“ Immer wieder sind es solche Sätze, die hängen bleiben. Die Sprache ist zentral; schließlich hat der Autor der Vorlage, Leif Randt, selbst das Drehbuch geschrieben. Vieles klingt, als wären diese Sätze schon einmal gedacht worden, bevor sie ausgesprochen werden.
Jedes Gefühl scheint bereits benannt, jedes Geheimnis verhandelbar. Sex mit Mitte 30 beschreibt Jerome als „entspannend und schön und doch ein wenig austauschbar“, nachdem er in Lissabon mit einer alten Jugendliebe geschlafen hat. Jens Christian Rabe schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ über den Roman von 2020: „Es ist die Sprache unseres posttherapeutischen Zeitalters, alle sind einmal komplett durchtherapiert.“
Behauptete Intimität + organisierte Distanz
Das ist plausibel – gilt aber nicht für die Verfilmung. Sie interessiert sich weniger dafür, diese Sprache zu entlarven, als dafür, was sie ermöglicht: eine Nähe, die Intimität behauptet und zugleich Distanz organisiert. Auch die Konflikte folgen diesem Muster. Eifersucht äußert sich in einem Blick, bleibt aber unausgesprochen. Affären passieren, Beziehungen verschieben sich – aber nichts kippt. Konflikte gleichen eher der Diplomatie zwischen verfeindeten Staaten als echtem Streit.
Die Räume, durch die sich die Filmfiguren dabei bewegen, sind Übergangsräume: Clubs, Straßen, Garagen, Taxifahrten zwischen Berlin und Maintal. Im Club wird getanzt, ohne richtig zu tanzen. Der Rausch wirkt eingeübt. Tanja dippt derart routiniert vom MDMA-Pulver ihrer Schwester Sarah (Luna Wedler), dass es eher wie eine Pflicht wirkt anstelle einer Lust an der Überschreitung. Gerade im Fehlen der Ekstase entsteht Melancholie.
Einsamkeit in HD
Felix Pfliegers Kamera fängt diese Schauplätze in einer Art High-Definition-Einsamkeit ein: Das Pastell im Titel ist Programm, aber die Bilder wirken nie überladen. Etwa, als das legale Ecstasy, das Tanja und Jerome auf der Hochzeit eines Freundes nehmen, zu wirken beginnt. Langsam zoomt die Kamera auf die leeren Weingläser und dann auf ihre Gesichter.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Drei Stunden" – federleichte Sommerkomödie über fast verpasste Liebe von Boris Kunz
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und hier einen Bericht über den Film "Miroirs No.3" – elegantes Spätsommer-Märchen der späten Berliner Schule von Christian Petzold
und hier einen Beitrag über den Film "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" – Verfilmung des Belle-Époque-Schelmenromans von Thomas Mann durch Detlev Buck mit Jannis Niewöhner.
Psychogeografie der Bewegung
Der verträumte ambient score von Max Rieger wirkt besonders gut, wenn die Figuren in Bewegung sind, oft an ikonischen Orten wie der Berger Straße im hippen Frankfurter Nordend oder dem Park Hasenheide in Berlin-Neukölln. Am stärksten ist “Allegro Pastell”, wenn er sich treiben lässt: in Fahrten, Dämmerzuständen und Momenten, in denen nichts entschieden ist.
Dann entsteht etwas wie eine beiläufige Psychogeografie – ein Gefühl dafür, wie Orte und Stimmungen ineinandergreifen, wie Innen und Außen sich gegenseitig verschieben. Der Film zeigt eine Gegenwart, in der Intensität keine Höhepunkte mehr kennt. Nur in gedämpfter Form vibriert noch das Versprechen von Glück, das sich nie ganz einlöst.
Konsequent oberflächlich
Damit schlägt “Allegro Pastell” eine Brücke zwischen der kühlen Beobachtungsgabe der Berliner Schule, wie sie beispielsweise die Filme von Christian Petzold (“Miroirs No. 3”, 2025) oder Angela Schanelec („Ich war zuhause, aber…“, 2019) auszeichnen, und einem modernen Millennial-Kino. Mit einem wichtigen Unterschied: Roller bleibt – im Sinne der Vorlage – konsequent an der Oberfläche. Sie hat verstanden, dass die Oberfläche heute kein Versteck mehr ist, sondern der Ort, an dem sich alles entscheidet.
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