
Das sieht wohl jedes Kind: Mit dem „Knaben mit der roten Weste“ stimmt etwas nicht. Der rechte Arm ist im Vergleich zum restlichen Körper viel zu lang und voluminös. Der linke Arm findet wiederum auf dem Untergrund keinen wirklichen Halt. Die rote Weste schlingt sich als rotes Band um die übrigen Farbflächen herum, und der vermeintliche Tisch ist ein merkwürdiges, wellenförmiges Gebilde mit verzerrter Perspektive.
Info
Cezanne
25.01.2026 - 25.05.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr
in der Fondation Beyeler,
Baselstrasse 101, Riehen/Basel
Katalog 58 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
Primitiver mit trägem Auge
Ob beim „Knaben mit der roten Weste“, dem „Bildnis des Gärtners Vallier“ (1906), den „Kartenspielern“ (1893/6) oder seiner eigenen Frau „Madame Cézanne im gelben Lehnstuhl“ (1888/90): Cezanne interessierte allein Kompositionen als seine eigenen, freien Schöpfungen, mit denen er sich in einem zähen Ringen von allen bisherigen Regeln der Kunst lossagte. „Ich bin ein Primitiver, ich habe ein träges Auge“, sagte er zu Freunden: „Ich mache kein Ganzes; wenn mich ein Kopf interessiert, mache ich ihn zu groß.“
Feature zur Ausstellung. © Fondation Beyeler
Unser aller Vater, sagte Picasso
Dass er mit dieser mühsam gewonnenen Freiheit zum Wegbereiter der modernen Kunst wurde, ist die – nicht gerade neue – These der umfassenden Retrospektive in der Fondation Beyeler. Unter dem Picasso-Zitat „Er ist unser aller Vater“ präsentiert sie 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle des französischen Malers, der in Aix-en-Provence geboren wurde und am Ende seines Lebens dorthin zurückkehrte. Sieben dieser Werke gehören zum hauseigenen Bestand der Stiftung; es schien wohl an der Zeit, diese im Rahmen einer großen Werkschau gebührend zur Geltung zu bringen.
Sie buchstabiert nun Cezannes Werdegang anhand ikonischer Leitmotive seiner Kunst in allen Facetten durch: von Porträts und der „Gruppe von Badenden“ (1895) über Stillleben bis zu Landschaftsbildern wird der Zeitraum von Mitte der 1880er Jahre bis zu Cezannes Tod im Jahr 1906 abgedeckt. Während andere Maler zur Inspiration in exotische Länder reisten, hielt sich der eigenwillige Provenzale fast ausschließlich in der Umgebung von Aix auf.
Kegelförmiger Berg stand Modell
So suchte er immer wieder den Steinbruch von Bibémus auf, wo noch heute ein kleines Steinhaus an ihn erinnert. Oder er begab sich zum Hügel Les Lauves, wo sein Atelier steht, und zu anderen Orten, von denen aus die Montagne Sainte-Victoire zu sehen ist. Dieser kegelförmige, etwa tausend Meter hohe Berg stand ihm als eines der wichtigsten Motive seines Spätwerks geduldig Modell. An der Werkauswahl in der Ausstellung lässt sich ablesen, wie ausdauernd Cezanne sich an ihm abarbeitete.
Den Impressionismus hatte er seit den 1880er Jahren hinter sich gelassen und sich von seinen Vertretern, mit denen er zuvor gemeinsam ausgestellt hatte, persönlich distanziert. Er strebte nicht danach, Morgen- oder Abendstimmungen, das flirrende Licht des Südens oder die flüchtige Bewegungen der Halme auf einem Kornfeld im Wind einzufangen. Selbst wenn seine „Straßenbiegung“ (1900/6) den Untertitel „Frühlingsmorgen in Saint-Antonin“ trägt, spielt die Tageszeit nur eine Nebenrolle.
Diese Kunst will konstruieren
Stattdessen erscheint dieses Werk wie ein Programmbild: Es reduziert die Straße und ihre Umgebung auf geometrische Formen in den Farben Ocker, Grün und Blau, die für Cezannes Landschaftsbilder typisch sind. Tiere oder Blumen am Wegesrand? Solch störendes Beiwerk wird ausgespart. Denn es zählt nicht nur, was er malt, sondern auch, was er weglässt. Das geht so weit, dass er auf einigen seiner Bilder weiße Stellen belässt, die den Malprozess selbst offenlegen. Wie ein Manifest: Diese Kunst will nichts über die Welt erzählen. Sie will konstruieren, eine zweite Natur erschaffen. Und dabei eine andere Wahrheit zu Tage fördern als alle Kunst zuvor.
Das gleiche Vorgehen lässt sich bei Cezannes „Badenden“ beobachten; mehrere Versionen sind in der Ausstellung zu sehen. Wie andere populäre Sujets in der Kunstgeschichte greift der Künstler auch das Thema des paradiesischen Naturzustands auf. Doch anders als seine Vorläufer platziert er männliche oder weibliche Körper jenseits aller Erotik und Allegorik nur als rhythmisch angeordnete Farbflecken in blau und grün eingefärbte Landschaften.
Terrain mit Weg zur Abstraktion
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Cézanne – Metamorphosen" – ambitionierte Thesen-Schau in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Magie des Augenblicks: Van Gogh, Cézanne, Bonnard, Vallotton, Matisse" – eindrucksvolle Werkschau der Nabis-Künstler mit Gemälden von Cézanne in Halle/ Saale + Stuttgart
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "1912 – Mission Moderne" – gelungene Rekonstruktion der Jahrhundertschau des Sonderbundes mit Werken von Cézanne im Wallraf-Richartz-Museum, Köln.
und hier einen Bericht über den Film "Meine Zeit mit Cézanne" über die Freundschaft des Literaten Émile Zola mit Paul Cézanne von Danièle Thompson.
Ähnlich verhält es sich mit Cezannes Stillleben. Mehr als ein Dutzend Bilder mit Äpfeln, Birnen, Melonen, Steinkrügen und Karaffen in allen Variationen sind in der Schau versammelt, so dass man sie fast schon mit Obst übersättigt verlässt. Auch bei diesen Kompositionen handelt es sich jedoch nicht etwa um Sinnbilder für die Vergänglichkeit oder die Fülle der Natur. Selbst wenn die Früchte äußerst dekorativ arrangiert sind – auf Tischdecken, die gleichsam zu Landschaften aufgefaltet sind, finden sie ebensowenig Halt wie auf verzerrten Obstschalen.
Kein accent aigu in Signatur
Diese Bilder, bei denen die Früchte gelegentlich durch Totenköpfe ersetzt wurden, sind Lehrstücke für eine Malerei, die sich von der Gegenstands-Darstellung emanzipiert hat und damit der modernen Kunst den Weg ebnete. Dafür sähe man gern ein paar Beispiele, die vor Augen führen, wie Cezannes Nachfolger seine Anregungen aufgriffen und weiter verfolgten. Doch diesmal belässt es die Fondation Beyeler dabei, Cezannes Genie zu feiern. Ohne accent aigu über dem „e“ – weil der Maler selbst seine Werke immer ohne accent signierte.
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