Riehen/ Basel

Cezanne

Paul Cezanne: Gruppe von Badenden, um 1895, Öl auf Leinwand, 47 x 77 cm, Ordrupgaard, Kopenhagen. Foto: Anders Sune Berg
Jetzt ohne Accent aigu über dem „e“: Das ist die augenfälligste Neuerung der großen Retrospektive in der Fondation Beyeler. Sie zeigt rund 80 Ölgemälde und Aquarelle aus dem Spätwerk des Wegbereiters der Moderne – eine üppig bestückte Schau, die zu Vergleichen einlädt, aber Entdeckungen vermissen lässt.

Das sieht wohl jedes Kind: Mit dem „Knaben mit der roten Weste“ stimmt etwas nicht. Der rechte Arm ist im Vergleich zum restlichen Körper viel zu lang und voluminös. Der linke Arm findet wiederum auf dem Untergrund keinen wirklichen Halt. Die rote Weste schlingt sich als rotes Band um die übrigen Farbflächen herum, und der vermeintliche Tisch ist ein merkwürdiges, wellenförmiges Gebilde mit verzerrter Perspektive.

 

Info

 

Cezanne

 

25.01.2026 - 25.05.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Fondation Beyeler,
Baselstrasse 101, Riehen/Basel

 

Katalog 58 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Dabei hat Paul Cezanne (1839-1906) rund zwei Jahre lang von 1888 bis 1890 an diesem Bild gearbeitet. Konnte er es nicht besser? Gelang es ihm einfach nicht, alles in den richtigen Proportionen und der richtigen Perspektive wiederzugeben? Weit gefehlt. Das Ölgemälde ist ein Paradebeispiel für die Porträts, die der Künstler in seinem Spätwerk malte: Ihm ging es nicht um die dargestellten Personen, ihren Charakter oder ihre Gemütszustände.

 

Primitiver mit trägem Auge

 

Ob beim „Knaben mit der roten Weste“, dem „Bildnis des Gärtners Vallier“ (1906), den „Kartenspielern“ (1893/6) oder seiner eigenen Frau „Madame Cézanne im gelben Lehnstuhl“ (1888/90): Cezanne interessierte allein Kompositionen als seine eigenen, freien Schöpfungen, mit denen er sich in einem zähen Ringen von allen bisherigen Regeln der Kunst lossagte. „Ich bin ein Primitiver, ich habe ein träges Auge“, sagte er zu Freunden: „Ich mache kein Ganzes; wenn mich ein Kopf interessiert, mache ich ihn zu groß.“

Feature zur Ausstellung. © Fondation Beyeler


 

Unser aller Vater, sagte Picasso

 

Dass er mit dieser mühsam gewonnenen Freiheit zum Wegbereiter der modernen Kunst wurde, ist die – nicht gerade neue – These der umfassenden Retrospektive in der Fondation Beyeler. Unter dem Picasso-Zitat „Er ist unser aller Vater“ präsentiert sie 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle des französischen Malers, der in Aix-en-Provence geboren wurde und am Ende seines Lebens dorthin zurückkehrte. Sieben dieser Werke gehören zum hauseigenen Bestand der Stiftung; es schien wohl an der Zeit, diese im Rahmen einer großen Werkschau gebührend zur Geltung zu bringen.

 

Sie buchstabiert nun Cezannes Werdegang anhand ikonischer Leitmotive seiner Kunst in allen Facetten durch: von Porträts und der „Gruppe von Badenden“ (1895) über Stillleben bis zu Landschaftsbildern wird der Zeitraum von Mitte der 1880er Jahre bis zu Cezannes Tod im Jahr 1906 abgedeckt. Während andere Maler zur Inspiration in exotische Länder reisten, hielt sich der eigenwillige Provenzale fast ausschließlich in der Umgebung von Aix auf.

 

Kegelförmiger Berg stand Modell

 

So suchte er immer wieder den Steinbruch von Bibémus auf, wo noch heute ein kleines Steinhaus an ihn erinnert. Oder er begab sich zum Hügel Les Lauves, wo sein Atelier steht, und zu anderen Orten, von denen aus die Montagne Sainte-Victoire zu sehen ist. Dieser kegelförmige, etwa tausend Meter hohe Berg stand ihm als eines der wichtigsten Motive seines Spätwerks geduldig Modell. An der Werkauswahl in der Ausstellung lässt sich ablesen, wie ausdauernd Cezanne sich an ihm abarbeitete.

 

Den Impressionismus hatte er seit den 1880er Jahren hinter sich gelassen und sich von seinen Vertretern, mit denen er zuvor gemeinsam ausgestellt hatte, persönlich distanziert. Er strebte nicht danach, Morgen- oder Abendstimmungen, das flirrende Licht des Südens oder die flüchtige Bewegungen der Halme auf einem Kornfeld im Wind einzufangen. Selbst wenn seine „Straßenbiegung“ (1900/6) den Untertitel „Frühlingsmorgen in Saint-Antonin“ trägt, spielt die Tageszeit nur eine Nebenrolle.

 

Diese Kunst will konstruieren

 

Stattdessen erscheint dieses Werk wie ein Programmbild: Es reduziert die Straße und ihre Umgebung auf geometrische Formen in den Farben Ocker, Grün und Blau, die für Cezannes Landschaftsbilder typisch sind. Tiere oder Blumen am Wegesrand? Solch störendes Beiwerk wird ausgespart. Denn es zählt nicht nur, was er malt, sondern auch, was er weglässt. Das geht so weit, dass er auf einigen seiner Bilder weiße Stellen belässt, die den Malprozess selbst offenlegen. Wie ein Manifest: Diese Kunst will nichts über die Welt erzählen. Sie will konstruieren, eine zweite Natur erschaffen. Und dabei eine andere Wahrheit zu Tage fördern als alle Kunst zuvor.

 

Das gleiche Vorgehen lässt sich bei Cezannes „Badenden“ beobachten; mehrere Versionen sind in der Ausstellung zu sehen. Wie andere populäre Sujets in der Kunstgeschichte greift der Künstler auch das Thema des paradiesischen Naturzustands auf. Doch anders als seine Vorläufer platziert er männliche oder weibliche Körper jenseits aller Erotik und Allegorik nur als rhythmisch angeordnete Farbflecken in blau und grün eingefärbte Landschaften.

 

Terrain mit Weg zur Abstraktion

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung  "Cézanne – Metamorphosen" – ambitionierte Thesen-Schau in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Magie des Augenblicks: Van Gogh, Cézanne, Bonnard, Vallotton, Matisse" – eindrucksvolle Werkschau der Nabis-Künstler mit Gemälden von Cézanne in Halle/ Saale + Stuttgart

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "1912 – Mission Moderne" – gelungene Rekonstruktion der Jahrhundertschau des Sonderbundes mit Werken von Cézanne im Wallraf-Richartz-Museum, Köln.


und hier einen Bericht über den Film "Meine Zeit mit Cézanne" über die Freundschaft des Literaten Émile Zola mit Paul Cézanne von Danièle Thompson.

 

Obwohl er manchmal berühmte Vorbilder zitiert und den Betrachter mit Verweisen auf scheinbare Kontinuität in die Irre führt, schafft er Werke, die einzig auf die Dynamik von Farben und Formen abzielen. Heutzutage verstören sie wohl niemanden mehr. Doch damals war, was Cezanne tat, eine kleine Revolution, deren Bedeutung zunächst nur wenige erkannten; vor allem Künstlerkollegen, die auch seine Gemälde kauften. Sie verstanden, dass hier völlig neues Terrain betreten wurde; von hier aus bedurfte es tatsächlich nur noch weniger Schritte bis zur abstrakten Malerei.

 

Ähnlich verhält es sich mit Cezannes Stillleben. Mehr als ein Dutzend Bilder mit Äpfeln, Birnen, Melonen, Steinkrügen und Karaffen in allen Variationen sind in der Schau versammelt, so dass man sie fast schon mit Obst übersättigt verlässt. Auch bei diesen Kompositionen handelt es sich jedoch nicht etwa um Sinnbilder für die Vergänglichkeit oder die Fülle der Natur. Selbst wenn die Früchte äußerst dekorativ arrangiert sind – auf Tischdecken, die gleichsam zu Landschaften aufgefaltet sind, finden sie ebensowenig Halt wie auf verzerrten Obstschalen.

 

Kein accent aigu in Signatur

 

Diese Bilder, bei denen die Früchte gelegentlich durch Totenköpfe ersetzt wurden, sind Lehrstücke für eine Malerei, die sich von der Gegenstands-Darstellung emanzipiert hat und damit der modernen Kunst den Weg ebnete. Dafür sähe man gern ein paar Beispiele, die vor Augen führen, wie Cezannes Nachfolger seine Anregungen aufgriffen und weiter verfolgten. Doch diesmal belässt es die Fondation Beyeler dabei, Cezannes Genie zu feiern. Ohne accent aigu über dem „e“ – weil der Maler selbst seine Werke immer ohne accent signierte.