Suzannah Mirghani

Cotton Queen

Nafisa (Mihad Murtada, li.) mit ihren Freundinnen; nach der Schule helfen sie ihren Eltern bei der Baumwollernte. Foto: jip film / Frida Marzouk
(Kinostart: 23.4.) Reich werden mit weißem Gold: Davon träumen Baumwoll-Bauern im Sudan. Nur eine 15-Jährige möchte mit ihrer ersten Liebe durchbrennen, anstatt sich verheiraten zu lassen. Soap-Opera-Elemente kombiniert Regisseurin Suzannah Mirghani zur präzisen Milieustudie – bis auf die letzten Minuten.

Baumwollpflanzen brauchen viel Wasser. Daher würde man ihren Anbau nicht in einem trockenen, größtenteils wüstenhaften Land wie dem Sudan vermuten. Aber es gibt ihn; vor allem dank der Bewässerungs-Kanäle in der Dschazira-Ebene zwischen dem Weißen und dem Blauen Nil südlich der Hauptstadt Khartum. Dortige Baumwoll-Kulturen, Anfang des 20. Jahrhunderts von den damaligen britischen Kolonialherren angelegt, sind eine wichtige Devisen-Quelle.

 

Info

 

Cotton Queen

 

Regie: Suzannah Mirghani,

93 Min., Sudan/ Deutschland/ Frankreich/ Palästina 2025;

mit: Mihad Murtada, Mohamed Mahmoud, Talaat Fareed

 

Weitere Informationen zum Film

 

In einem kleinen Baumwoll-Dorf am Nil-Ufer lebt die 15-jährige Nafisa (Mihad Murtada) mit ihrer Familie. Deren wichtigstes Mitglied ist Großmutter Al-Sit (Rabha Mohamed Mahmoud): Schlecht sehend und fast zahnlos, aber unerbittlich herrscht die Matriarchin über die Geschicke der dörflichen Gemeinschaft. Ihre Autorität geht auf die Kolonialzeit zurück, die 1956 endete. Erst wurde sie von den Briten zur „Cotton Queen“ gekürt, also zur Schönheitskönigin der Baumwollregion – dann wehrte sie sich gewaltsam gegen die Besatzer.

 

Rückkehrer mit ertragreichen Samen

 

Das findet Nafisa heraus, als ihr ein alter, vergilbter Zeitungsartikel im so genannten „Englischen Haus“ in die Hände fällt. Kurz bevor die leer stehende Villa aus der Kolonialzeit inmitten der Baumwollfelder renoviert und luxuriös ausgestattet wird, damit dort Nadir (Hassan Kassala) einziehen kann. Der Sohn eines reichen Sudanesen hat in London BWL studiert. Nun ist er zurückgekehrt, um mit ertragreichen, weil genetisch manipulierten Baumwoll-Samen viel Geld zu verdienen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Human interest + Geld + Macht

 

Da wittert Nafisas Mutter Aisha (Haram Bisheer) die Chance, ihre Tochter mit Nadir zu verkuppeln, um die ganze Familie ein für allemal zu sanieren. Doch Nafisa sträubt sich – sie ist in den gut aussehenden, aber schlicht gestrickten Jungbauern Babiker verliebt. Auch Oma Al-Sit ist gegen Aishas Heiratspläne. Aus machtpolitischen Gründen: Würde Nadir sein Modernisierungs-Vorhaben durchsetzen, hätte sie, die traditionelle Bio-Baumwolle anbaut, im Dorf nicht mehr viel zu sagen.

 

Ein überschaubarer Kreis von Personen, zu denen noch Nafisas Vater und ihre Freundinnen zählen; ein eng umgrenzter Schauplatz und die Verquickung von human interest mit Geld und Macht: Damit sind alle Zutaten beisammen, aus denen unzählige afrikanische soap operas zubereitet werden, etwa von der Nollywood-Filmindustrie in Nigeria oder ihrem Pendant in Äthiopien. Doch über solche Konfektionsware geht „Cotton Queen“ deutlich hinaus.

 

Traditions-Liebeszauber trotz Smartphones

 

In ihrem Debüt-Spielfilm erzeugt die sudanesisch-russische Regisseurin Suzannah Mirghani mit intelligenter Kombination und Dosierung solcher geläufigen Elemente filmischen Mehrwert. Die Szenen wechseln schnell, Dialoge sind pointiert und pfiffig, die Charaktere ambivalent, ihre Darsteller allesamt passable Schauspieler, und dezent eingestreuter Humor lockert das Ganze auf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Goodbye Julia" – brillantes Familiendrama über die Ursachen der Spaltung des Sudan von Mohamed Kordofani

 

und hier eine Besprechung des Films "Nawi – Dear Future Me" – Drama über Zwangsheirat + Kinderehe im Norden Kenias von einem deutsch-kenianischen Regie-Quartett

 

und hier einen Beitrag über den Film "Mami Wata" – faszinierend stilisierte Schwarzweiß-Parabel über Konflikte zwischen Tradition und Moderne in Nigeria von C. J. "Fiery" Obasi

 

und hier einen Bericht über den Film "Global Family" – Doku-Drama über eine weltweit verstreute somalische Familie von Melanie Andernach + Andreas Köhler.

 

So entsteht ein farbiges und lebendiges Panorama vom Dorfleben im heutigen Afrika mit seinen Widersprüchen – ganz unabhängig vom Bürgerkrieg, der derzeit im Sudan wütet: Alle haben Smartphones und Internet-Zugang, aber in Liebesdingen verlässt man sich doch eher auf herkömmlichen Zauber.

 

Konflikt zwischen Tradition + Moderne

 

Dabei stellt Mirghani dezent, aber deutlich den Grundkonflikt zwischen Tradition und Moderne heraus. Großmutter Al-Sit versteht die Welt nicht mehr und wird auch ihre teure Bio-Baumwolle nicht mehr los, beansprucht aber haustyrannisch das letzte Wort. Investor Nadir hat nur seinen Profit im Sinn; er will dafür skrupellos alle Bauern von seinen Baumwoll-Samen abhängig machen.

 

Dazwischen steht Nafisa mit ihren zarten Empfindungen für Babiker, die von ihm nur bedingt geteilt werden. Eine gemeinsame Bootsfahrt auf dem Nil ist das höchste der Gefühle – schon das missbilligt die sittenstrenge Al-Sit sehr. Dieses dichte und differenzierte Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten wird leider von der Regisseurin in den letzten Filmminuten drastisch zerschlagen: mit effekthascherischer Zerstörung und einem plakativen empowerment-Fazit. Als wolle Marghani holzschnittartige Publikums-Erwartungen bedienen.

 

Stets von Herzen pusten

 

Da leuchtet doch der Liebeszauber von Mutter Aisha viel mehr ein: Frau muss für ihr love interest eine leckere Suppe kochen und über einen Löffel davon pusten, bevor sie diese serviert. Aber sie „muss von Herzen pusten“, betont Oma Al-Sit: „Sonst funktioniert es nicht.“