
Baumwollpflanzen brauchen viel Wasser. Daher würde man ihren Anbau nicht in einem trockenen, größtenteils wüstenhaften Land wie dem Sudan vermuten. Aber es gibt ihn; vor allem dank der Bewässerungs-Kanäle in der Dschazira-Ebene zwischen dem Weißen und dem Blauen Nil südlich der Hauptstadt Khartum. Dortige Baumwoll-Kulturen, Anfang des 20. Jahrhunderts von den damaligen britischen Kolonialherren angelegt, sind eine wichtige Devisen-Quelle.
Info
Cotton Queen
Regie: Suzannah Mirghani,
93 Min., Sudan/ Deutschland/ Frankreich/ Palästina 2025;
mit: Mihad Murtada, Mohamed Mahmoud, Talaat Fareed
Weitere Informationen zum Film
Rückkehrer mit ertragreichen Samen
Das findet Nafisa heraus, als ihr ein alter, vergilbter Zeitungsartikel im so genannten „Englischen Haus“ in die Hände fällt. Kurz bevor die leer stehende Villa aus der Kolonialzeit inmitten der Baumwollfelder renoviert und luxuriös ausgestattet wird, damit dort Nadir (Hassan Kassala) einziehen kann. Der Sohn eines reichen Sudanesen hat in London BWL studiert. Nun ist er zurückgekehrt, um mit ertragreichen, weil genetisch manipulierten Baumwoll-Samen viel Geld zu verdienen.
Offizieller Filmtrailer OmU
Human interest + Geld + Macht
Da wittert Nafisas Mutter Aisha (Haram Bisheer) die Chance, ihre Tochter mit Nadir zu verkuppeln, um die ganze Familie ein für allemal zu sanieren. Doch Nafisa sträubt sich – sie ist in den gut aussehenden, aber schlicht gestrickten Jungbauern Babiker verliebt. Auch Oma Al-Sit ist gegen Aishas Heiratspläne. Aus machtpolitischen Gründen: Würde Nadir sein Modernisierungs-Vorhaben durchsetzen, hätte sie, die traditionelle Bio-Baumwolle anbaut, im Dorf nicht mehr viel zu sagen.
Ein überschaubarer Kreis von Personen, zu denen noch Nafisas Vater und ihre Freundinnen zählen; ein eng umgrenzter Schauplatz und die Verquickung von human interest mit Geld und Macht: Damit sind alle Zutaten beisammen, aus denen unzählige afrikanische soap operas zubereitet werden, etwa von der Nollywood-Filmindustrie in Nigeria oder ihrem Pendant in Äthiopien. Doch über solche Konfektionsware geht „Cotton Queen“ deutlich hinaus.
Traditions-Liebeszauber trotz Smartphones
In ihrem Debüt-Spielfilm erzeugt die sudanesisch-russische Regisseurin Suzannah Mirghani mit intelligenter Kombination und Dosierung solcher geläufigen Elemente filmischen Mehrwert. Die Szenen wechseln schnell, Dialoge sind pointiert und pfiffig, die Charaktere ambivalent, ihre Darsteller allesamt passable Schauspieler, und dezent eingestreuter Humor lockert das Ganze auf.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Goodbye Julia" – brillantes Familiendrama über die Ursachen der Spaltung des Sudan von Mohamed Kordofani
und hier eine Besprechung des Films "Nawi – Dear Future Me" – Drama über Zwangsheirat + Kinderehe im Norden Kenias von einem deutsch-kenianischen Regie-Quartett
und hier einen Beitrag über den Film "Mami Wata" – faszinierend stilisierte Schwarzweiß-Parabel über Konflikte zwischen Tradition und Moderne in Nigeria von C. J. "Fiery" Obasi
und hier einen Bericht über den Film "Global Family" – Doku-Drama über eine weltweit verstreute somalische Familie von Melanie Andernach + Andreas Köhler.
Konflikt zwischen Tradition + Moderne
Dabei stellt Mirghani dezent, aber deutlich den Grundkonflikt zwischen Tradition und Moderne heraus. Großmutter Al-Sit versteht die Welt nicht mehr und wird auch ihre teure Bio-Baumwolle nicht mehr los, beansprucht aber haustyrannisch das letzte Wort. Investor Nadir hat nur seinen Profit im Sinn; er will dafür skrupellos alle Bauern von seinen Baumwoll-Samen abhängig machen.
Dazwischen steht Nafisa mit ihren zarten Empfindungen für Babiker, die von ihm nur bedingt geteilt werden. Eine gemeinsame Bootsfahrt auf dem Nil ist das höchste der Gefühle – schon das missbilligt die sittenstrenge Al-Sit sehr. Dieses dichte und differenzierte Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten wird leider von der Regisseurin in den letzten Filmminuten drastisch zerschlagen: mit effekthascherischer Zerstörung und einem plakativen empowerment-Fazit. Als wolle Marghani holzschnittartige Publikums-Erwartungen bedienen.
Stets von Herzen pusten
Da leuchtet doch der Liebeszauber von Mutter Aisha viel mehr ein: Frau muss für ihr love interest eine leckere Suppe kochen und über einen Löffel davon pusten, bevor sie diese serviert. Aber sie „muss von Herzen pusten“, betont Oma Al-Sit: „Sonst funktioniert es nicht.“
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