
Polit-Thriller über noch amtierende Machthaber sind eine heikle Sache. Nicht nur, weil jeder potentielle Zuschauer seine eigene Meinung über die Hauptfiguren hat. Sondern vor allem, weil die Akteure noch allerlei bewerkstelligen können, das dem von ihnen gezeichneten Bild widerspricht – dann sieht ein Film über sie ganz schön alt aus. Prognosen seien eine schwierige Sache, befand Mark Twain; vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Info
Der Magier im Kreml
Regie: Olivier Assayas,
152 Min., Frankreich/ USA 2025;
mit: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander
Weitere Informationen zum Film
Chimäre in der Kreml-Trutzburg
Um das System Putin zu verstehen, lohnt es daher wenig, Wladimir Wladimirowitsch selbst anzugehen, um sein Auftreten und Handeln zu analysieren. Das geschieht seit einem Vierteljahrhundert im Übermaß; Autokraten-Exegese ist ein beliebtes Hobby der Russen. Doch ihre unzähligen Beobachtungen, Anekdoten und Schlussfolgerungen fügen sich zu keinem kohärenten Bild; Putin bleibt eine undurchsichtige Chimäre, die ihre Kreml-Trutzburg nur für inszeniertes Staatstheater verlässt.
Offizieller Filmtrailer
Spin doctor mit kreativen Lösungen
Daher hat der italienisch-schweizerische Politikwissenschaftler und -berater Giuliano da Empoli klugerweise einen anderen Ansatz gewählt. In seinem Dokufiktion-Roman „Der Magier im Kreml“ von 2022 beschreibt er das System Putin aus der Sicht eines seiner wichtigsten Berater. Der fiktive Wadim Baranow lässt sich unschwer als alter ego für Wladislaw Surkow identifizieren. Er war seit 1999 in der Präsidialverwaltung tätig und ab 2013 persönlicher Berater des Präsidenten, bis er 2020 überraschend entlassen wurde – warum, blieb Gegenstand von Spekulationen.
Doch Surkow war nicht irgendein Berater, sondern Putins wichtigster spin doctor. Er dachte weit über sowjetische Stereotypen hinaus, begriff, wie er technische Innovationen dem Regime zunutze machen konnte, und fand sehr kreative Lösungen. Surkow soll ebenso die neue Kaderpartei „Einiges Russland“ initiiert haben wie diverse Phantomparteien, um der Opposition Stimmen abzunehmen. Auch die Gründung der Putin-Jugendorganisationen „Naschi“ („Unsere“) und „Junge Garde“ wird ihm zugeschrieben; ebenso die von Troll-Fabriken zur Desinformation im Internet.
Weltpolitisches Kammerspiel
Mit Surkow bzw. Baranow als Cicerone durchmisst Empolis Roman rund zwei Jahrzehnte postsowjetischer Geschichte, von Mitte der 1990er Jahre bis zur Annexion der Krim 2014. Nun ist das Buch weitgehend werkgetreu verfilmt worden; am Skript schrieb auch der renommierte Autor Emmanuel Carrère mit, dessen 2023 verstorbene Mutter eine maßgebliche Russland-Expertin in Frankreich war. Regisseur Olivier Assayas, der sich gern die verschiedensten Stoffe vornimmt, hat bislang zwei dezidiert politische Filme gedreht: „Wasp Network“ (2019) über kubanische Spione in den USA und „Carlos – Der Schakal“ (2010) über den meist gesuchten Top-Terroristen der 1970er Jahre. Beide barsten schier vor action.
Anders hier: „Der Magier im Kreml“ ist quasi ein zweieinhalbstündiges Kammerspiel, aber von weltpolitischer Bedeutung. Ob in Moskaus dekadenten Restaurants und Clubs der 1990er Jahre, der einschüchternden Imponier-Architektur von Büros und Konferenzräumen im Staatsapparat oder im neureichen Luxus von Oligarchen-Villen und Präsidenten-Palais: Meist sitzen Männer beisammen und reden miteinander. Und ihre Gespräche haben meist fatale Folgen. Langweilig wird das in keiner Sekunde; dafür steht zu viel auf dem Spiel.
Klarnamen für tote Granden
Dabei treten einige Granden auf, die in diesen beiden Dekaden viel zu sagen hatten; manche von ihnen leben nicht mehr. Etwa Boris Beresowski, der mächtigste Oligarch der Jelzin-Ära, der Putin als seinen Nachfolger installierte und von diesem ins Exil verjagt wurde; 2013 fand man ihn tot auf. Oder sein Rivale Wladimir Gussinski; oder Jewgeni Prigoschin, Chef der paramilitärischen „Gruppe Wagner“, der im Juni 2023 einen halbherzigen Putsch wagte – zwei Monate später stürzte sein Flugzeug ab. Oder Rosneft-Boss Igor Setschin, der bis heute als zweitmächtigste Person in Russland gilt.
Nur ein big shot tritt im Film unter dem Pseudonym Dimitri Sidorow auf: Michail Chodorkowski. Der Eigentümer des Jukos-Ölkonzerns, damals reichster Mann Russlands, wurde 2003 festgenommen und in Schauprozessen zu langjähriger Haft bis zu seiner Begnadigung 2013 verurteilt. Warum er? Chodorkowski hatte begonnen, überall im Land Schulen und NGOs zu finanzieren, die geistig unabhängige und kritisch denkende Bürger hervorbringen sollten. Diesen Aushöhlung von Russlands Herrschaftsprinzip des Autoritarismus konnte der Kreml nicht dulden.
Der starke Mann braucht Feinde
Assayas‘ Adaption stellt Chodorkowski/ Sidorow (Tom Sturridge) und Surkow/ Baranow (Paul Dano) als gute Freunde dar – bis sie um dieselbe Frau konkurrieren: Ksenia (Alicia Vikander) verlässt Ende der 1990er Jahre Baranow, damals noch Theaterregisseur, für den aufstrebenden Großkapitalisten Sidorow. Erst nach etlichen Jahren im goldenen Käfig wird sie zum Magier im Kreml zurückkehren, obwohl sie ihm seinen Macchiavellismus vorhält.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Zwei Staatsanwälte" – beklemmend präzise Parabel über Repression im Stalinismus 1937 von Sergei Loznitsa
und hier eine Besprechung des Films "Die Moskauer Prozesse" – anschauliche Re-Enactment-Doku über Schauprozesse gegen russische Künstler von Milo Rau
und hier einen Beitrag über den Film "Der Fall Chodorkowski" – fesselnde Doku über die Strafverfolgung des Oligarchen von Cyril Tuschi
und hier einen Artikel über den Film "Die vierte Macht" – spannender Polit-Thriller über deutschen Journalisten in den Mühlen des russischen Geheimdienstes von Dennis Gansel mit Moritz Bleibtreu
und hier einen Bericht über den Film "Carlos – Der Schakal" – brillant episches Porträt des Top-Terroristen der 1970er Jahre von Olivier Assayas.
Bösartige Raubtiere dirigieren
Verpackt in eine Rahmenhandlung, zeichnen Buch und Film die erste Hälfte von Putins Herrschaft chronologisch nach. Aber entscheidend sind nicht die Gestalten und Ereignisse, sondern deren Deutung durch Baranow. Er verfolgt einen großen Plan: die Sicherung totaler Kontrolle im Zeitalter digitaler Kommunikation und postmoderner Popkultur. Wie Paul Dano jeden seiner Schachzüge im Off-Kommentar erläutert, ist von verführerischer Eleganz: Seine weichen Züge, die sanfte Stimme und völlige Selbstkontrolle machen ihn zum idealen diabolischen Strippenzieher – the man you love to hate.
Mit Jude Law als kongenialem Mit- und Gegenspieler: Dessen Mimik verrät skrupellosen Machthunger und zugleich einen gewissen Frust, weil ihm sein Berater geistig stets einen Schritt voraus ist. Am wohlsten scheint er sich zu fühlen, wenn er eine Schar alter FSB-Kameraden dirigiert. Als „bösartige Raubtiere aus dem Dunkeln“, schmäht sie Beresowski kurz vor seiner Exilierung. Und resümiert: Trotz aller Härten der Jelzin-Ära sei Russland seinerzeit „ein freies Land gewesen, in dem man tun und sagen konnte, was man wollte. Jetzt ist Russland wieder das Gefängnis, das es immer war“. Dieser Film zeigt, wie es dazu kam.
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