Saarbrücken

Marthe Donas & Alexander Archipenko – Power-Paar der Avantgarde

Alexander Archipenko: Im Boudoir (Vor dem Spiegel; Detail), 1915, Öl, Gouache, Graphit, Fotografie, Metall und Holz auf Holzplatte, 45,7 x 30,5 cm, Philadelphia Museum of Art. © Estate of Alexander Archipenko / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Drei Jahre, in denen sie die Kunstwelt veränderten: Als Kurzzeit-Paar waren die Malerin Marthe Donas und der Bildhauer Alexander Archipenko sehr kreativ. Wie sie 1917 bis 1920 den Kubismus um faszinierende Varianten bereicherten, zeigt das Saarlandmuseum – Moderne Galerie mit einer beeindruckenden Werkauswahl.

Das Auffälligste und Abwegigste an dieser Ausstellung ist ihr Untertitel: „Power-Paar der Avantgarde“ – das klingt nach Fitnessstudio-Training in Funktionskleidung und danach Protein-Shakes. Solche Assoziationen sollen wohl ein heutiges Publikum ansprechen; an der Lebens- und Arbeitsbeziehung der beiden Künstler gehen sie völlig vorbei. Ähnlich irreführend war allerdings auch der Untertitel für die erste Station der Schau in Antwerpen: „Verzaubernder Modernismus“. Die Moderne ist alles Mögliche, aber gewiss keine esoterische Hexerei.

 

Info

 

Marthe Donas & Alexander Archipenko –
Power-Paar der Avantgarde

 

07.02.2026 - 17.05.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im Saarlandmuseum – Moderne Galerie,  Bismarckstraße 11-15, Saarbrücken

 

Begleitband zur ersten Station in Antwerpen auf Niederländisch + Englisch 59 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Marthe Donas und Alexander Archipenko waren gut drei Jahre lang ein Paar, sowohl beruflich als auch privat: vom Frühjahr 1917 bis Sommer oder Herbst 1920; wann genau ihr Verhältnis endete, ist unbekannt. Doch es war in diesen drei Jahren für beide sehr inspirierend und befruchtend; vor allem für Donas, die ihr künstlerisches Repertoire enorm erweiterte, aber auch für Archipenko. Er schuf in diesem Zeitraum maßgebliche Arbeiten, die sein Werk für viele Jahre definieren sollten.

 

Drei Jahre unter der Lupe

 

Daher ist es eine glänzende Idee, diese drei Jahre gleichsam unter die Lupe zu nehmen. Um im Vergleich durch Gegenüberstellung herauszufiltern, was beide zur Entwicklung avantgardistischer Formensprachen in diesem Zeitraum beigetragen haben. Nach einer kurzen Einführung in ihren bisherigen Werdegang konzentriert sich die Ausstellung mit 120 Exponaten – zur Hälfte Leihgaben – auf die gemeinsamen Jahre 1917 bis 1920, um mit einem kleinen Ausblick auf ihre weitere Biographie auszuklingen.

Rundgang durch die Ausstellung in Antwerpen. © Ianina Cozari


 

Von Belgien + Kiew nach Paris

 

Anders als Archipenko ist Marthe Donas (1885-1967) außerhalb ihres Heimatlandes Belgien kaum noch bekannt, obwohl sie sich fast ein Jahrzehnt lang in den Brennpunkten der Avantgarde bewegte. Die Tochter aus gutem Hause in Antwerpen löste sich 1914 von ihrer Familie, indem sie nach Dublin emigrierte, wo sie ihre künstlerische Ausbildung fortsetzte. 1916 ging sie nach Paris, lernte den Kubismus kennen und wurde Schülerin des Malers André Lhote. Um Geld zu verdienen, begleitete sie im Frühling 1917 eine wohlhabende Dame nach Nizza und gab ihr Zeichenunterricht. Dort lernte sie Alexander Archipenko (1887-1964) kennen.

 

Der Ukrainer war bereits ein arrivierter Künstler. Nach seinem Kunststudium in Kiew und Moskau, wo er sich mit archaischer Plastik und Ikonenmalerei beschäftigt hatte, ließ er sich 1908 in Paris nieder. In der Künstlerkolonie La Ruche fand er Anschluss an Avantgarde-Kreise, wurde ein enger Freund von Amadeo Modigliani und trat 1912 der Kubisten-Gruppe „La Section d’Or“ („Der goldene Schnitt“) bei. Seine markanten Skulpturen wurden oft ausgestellt; so konnte er es wagen, 1911 mit nur 24 Jahren seine eigene Kunstschule zu eröffnen. 1914 zog er kurz vor Kriegsausbruch nach Nizza.

 

Schenkung für das Saarlandmuseum

 

Dass beide vor ihrem Zusammentreffen auf unterschiedlichem Niveau arbeiteten, macht der erste Raum deutlich. Kleinformatige Gemälde von Donas wirken anfangs zaghaft und stereotyp. Doch 1917 malt sie ein Stillleben, das sie als „ihr erstes gelungenes kubistisches Werk“ betrachtet: Auf einem Tisch durchdringen sich Karaffen- und Geschirr-Formen geschmeidig, Linien fügen sich elegant ineinander. Fortan werden ihre Arbeiten zusehends experimentierfreudiger und origineller.

 

Hingegen blickte Archipenko schon auf ein ansehnliches Œuvre zurück. Um 1910 hatte er kauernde Gips-Figuren wie „Frau mit Katze“ hergestellt, deren blockhafte Erscheinung an Vorbilder aus dem Zweistromland und dem präkolumbischen Mittelamerika erinnern. 1914 gestaltete er einen fast lebensgroßen „Gondoliere“ aus Gips; aufgrund der Reduktion auf einfache geometrische Formen, die einander durchdringen, gilt es als Schlüsselwerk. All diese Arbeiten zählen zum hauseigenen Besitz; da er mit dem damaligen Direktor befreundet war, schenkte Archipenko nach 1960 dem Saarlandmuseum mehr als 100 seiner Gipsmodelle.

 

Hohlräume als Skulptur-Bestandteile

 

Völlig anders als diese wuchtigen Objekte wirken die „Flachen Torsi“ ab 1914: Archipenko reduzierte weibliche Körper auf wenige fließende Linien von den Schultern bis zu den Fußspitzen. Dank zarter Oberflächen-Modellierung und spitzer Seitenkanten sehen diese Relief-Stelen je nach Lichteinfall ganz verschieden aus. Ein stilisierter Frauenleib bildet auch die Basis für seine wohl berühmteste Plastik „Stehende Frau, ihr Haar kämmend“, die er ab 1915 variierte. Während ihre Schenkel mit Stand- und Spielbein fast massig erscheinen, wird der Kopf nur als Hohlform durch die Umrisse von Arm und Frisur angedeutet.

 

Solche Hohlräume als integrale Bestandteile der Skulptur waren eine wegweisende Innovation. Auch Marthe Donas fand sie sichtlich anregend: 1917 hält sie diese Pose als Zeichnung fest. In ihrem Gemälde „Frau, sich pudernd“ von 1918 nimmt ein abstrahierter Halbakt ohne Gesichtszüge eine sehr ähnliche Haltung ein; das golden schimmernde Gewand und die delikate Farbgebung in Gelb-Braun-Tönen machen das Bild zu einer attraktiven Kostbarkeit.

 

Synthese aus Zwei- + Dreidimensionalem

 

Die Korrespondenzen zwischen den Werken der beiden springen zuweilen ins Auge. 1912/13 fertigt Archipenko eine hüfthohe Bronze namens „Der Tanz“ an, deren extrem stilisierte Akteure mit gespreizten Beinen und gegeneinander gedrückten Händen gleichsam eine Kugelsphäre bilden. 1918/19 presst Donas zwei Leiber aus Grundformen im „Tanz“ aneinander, doch ihre in alle Richtungen fliehenden Glieder rufen einen vergleichbaren Effekt verschmelzender Körper hervor. Zusätzlich verstärkt durch Schraffuren, welche die Künstlerin mit Kämmen und anderen Werkzeugen in einige Bildpartien kratzte – eine Technik, mit der sie öfter ihren Gemäldeoberflächen eine Relief-Anmutung verlieh.

 

Solche Synthese aus Zwei- und Dreidimensionalem betrieb Archipenko noch radikaler: Er nagelte oder klebte Gegenstände auf seine Leinwände, bepinselte sie und nannte das Ganze „Skulpto-Malerei“. Mal gemahnt es an eine kleinteilige Bastelarbeit, etwa bei „Im Boudoir (Vor dem Spiegel)“ (1915) mit einer unbekleideten Doppel-Dame vor und im Spiegel. Mal entstehen eindrucksvolle Monumental-Skulpturen wie „Zwei Frauen“ von 1920: Wellige Bänder aus Holz und Metall bieten ein wildes Wechselspiel aus konvexen und konkaven Formen – die Gestalten changieren zwischen Frontal- und Profilansicht.

 

Krankheit würgte Karriere ab

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Radikal! Künstlerinnen und Moderne 1910 – 1950"  mit Werken von Marthe Donas im Saarlandmuseum – Moderne Galerie, Saarbrücken

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Sturm-Frauen – Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910–1932" – große Überblicks-Schau in der Schirn-Kunsthalle, Frankfurt/ Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Der Sturm – Zentrum der Avantgarde" über die epochale Berliner Galerie mit Werken von Marthe Donas + Alexander Archipenko im Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Herausragend! Das Relief von Rodin bis Picasso" mit Werken von Alexander Archipenko in Frankfurt/ Main + Hamburg.

 

So haben beide sich binnen weniger Jahre ein umfangreiches künstlerisches Vokabular erschlossen, das sie künftig weiter ausbuchstabierten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrten beide nach Paris zurück. Donas schloss sich der wiederbelebten Gruppe „La Section d’Or“; sie stellte mit ihr ebenso aus wie 1919 in Genf und zwei Mal 1920/1 in der Galerie „Der Sturm“ in Berlin.

 

Doch ihre Versuche mit puristischer Abstraktion in der Manier von „De Stijl“ – die Schau zeigt ein paar Beispiele – wirken beliebig und wenig überzeugend; ihnen fehlte ihre individuelle Handschrift. Zudem wurde Donas ab 1921 chronisch krank, was ihre künstlerische Aktivität in den 1920er Jahren stark einschränkte. Danach gab sie die Malerei für rund zwei Jahrzehnte auf.

 

Begleitband auf Niederländisch

 

Archipenko startete dagegen in den 1920er Jahren erst richtig durch. 1921 zog er von Paris nach Berlin, heiratete hier die deutsche Bildhauerin Gela Forster und wanderte mit ihr zwei Jahre später in die USA aus. Dort lehrte er an diversen Hochschulen, etwa an der „New Bauhaus School of Industrial Arts“ in Chicago, und erhielt etliche Aufträge im öffentlichen Raum. Seine Werke sind in Dutzenden von US-Museen präsent und prägen die dortige Auffassung von kubistischer Skulptur.

 

Diese späte Werkphase kommt in der Ausstellung nicht vor. Das muss sie auch nicht; wie Archipenko in Frankreich die Grundlagen für seinen Erfolg in Übersee legte, arbeitet sie anschaulich heraus. Diese Erkenntnisse in gebundener Form mitnehmen kann man allerdings nicht. Es gibt keinen Katalog, sondern nur den Begleitband zur ersten Station der Schau in Antwerpen mit anderen Schwerpunkten – auf Niederländisch und Englisch.