Maren Eggert

Gavagai

Maja (Maren Eggert) flirtet mit ihrem Co-Star Nourou (Jean Christophe Folly). Foto: © Port Au Prince Pictures
(Kinostart: 30.4.) Kopflastiger Postkolonialismus: In einem Film-im-Film verlegt Regisseur Ulrich Köhler den Medea-Mythos in den Senegal. Zugleich tippt er allerlei politisch brisante Themen an und lässt seinen großen Berlinale-Auftritt Revue passieren – im überfrachteten Konstrukt überzeugt nur Maren Eggert.

Filme übers Filmemachen sind ein undankbares Genre: Wenn Regisseure das Ach und Weh ihres Berufsalltags ausführlich auf der Leinwand ausbreiten, interessiert das Außenstehende meist nur mäßig. Zudem hat Federico Fellini, der 1963 mit „Achteinhalb“ dieses Autorenfilm-Subgenre quasi erfand, mit seinem Meisterwerk die Latte so hoch gehängt, dass sie von fast allen Nachfolgern gerissen wurde. Das gilt auch für Regisseur Ulrich Köhler; er schlüpft locker drunter durch.

 

 

Gavagai 

 

Regie: Ulrich Köhler,

91 Min., Deutschland/ Frankreich 2025;

mit: Maren Eggert, Jean-Christophe Folly, Nathalie Richard

 

Weitere Informationen zum Film

 

Wobei seine Ambitionen haushoch sind: antiker Mythos mit archetypischen Charakteren; culture clash zwischen Afrika und Europa, also Schwarz und Weiß; Missverständnisse einer Multikulti-Affäre; Selbstbestimmung und „Weißer Retter“-Bevormundung, Postkolonialismus und Identitätspolitik, Parallelen und Widersprüche zwischen Kunst und Leben, und manches mehr. Weshalb „Gavagai“ sehr bedeutungsschwanger daherkommt, aber wegen dieser Last am Boden kleben bleibt.

 

Chaotische Dreharbeiten

 

Es beginnt mit chaotischen Dreharbeiten zu einer Neufassung von „Medea“ am Strand der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Die Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) ist überfordert und jähzornig, sie und Medea-Darstellerin Maja (Maren Eggert) giften sich gegenseitig an. Jason-Darsteller Nourou (Jean-Christophe Folly) will halbherzig schlichten, sein Vater als Nebendarsteller fühlt sich schlecht behandelt, die Komparsen verlangen bessere Verpflegung – dieses Filmprojekt steht offensichtlich unter keinem guten Stern.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Vom Senegal zur Berlinale

 

Plötzlich entscheidet Caroline, ihr Skript umzuschreiben. Medea soll ihre Kinder nicht töten – womit sie diese mythologische Figur ihres Wesens beraubt. Genauso unvermittelt schmuggelt sich Maja in Nourous Hotelzimmer ein und verführt ihn; was aus dem one-night stand folgt, bleibt unklar. Denn nach gut 20 Minuten springt die Handlung ins regennasse Berlin: Der Medea-Film läuft im Berlinale-Wettbewerb. Nun begleitet Regisseur Köhler seine Akteure vor und während ihres Auftritts beim Filmfestival; dort gewann er selbst mit seinem Film „Schlafkrankheit“ 2011 einen Silbernen Bären für die beste Regie.

 

Nourou hat noch nicht im „Intercontinental“-Hotel eingecheckt, da gerät er schon mit einem polnischen Wachmann aneinander. Maja spielt sich auf und verlangt Konsequenzen, weswegen der Mann gefeuert wird. Ihrem love interest kommt sie dadurch aber nicht näher: Als der nach durchwachter Nacht sie in ihrer Wohnung aufsucht und dort nicht nur auf ihre Tochter, sondern auch auf ihren Ex-Mann trifft, nimmt er Reißaus.

 

Opulente Film-im-Film-Sequenzen

 

Auf der Pressekonferenz zum Film sitzen sie aber wieder nebeneinander. Und werden Zeuge, wie es gegen Regisseurin Caroline Vorwürfe hagelt, ihre Sichtweise einer privilegierten Weißen werde dem Sujet nicht gerecht – erst als die senegalesische Nebendarstellerin Aïta (Anna Diakere Thiandoum) sie verteidigt, löst sich die Tribunal-Atmosphäre in Gelächter auf. Die letzten 20 Minuten füllt dann die Weltpremiere des Medea-Films im Berlinale-Palast; nur unterbrochen durch Nourous missratenen Versuch, sich beim Wachmann zu entschuldigen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "In my Room" – beeindruckendes Kino-Experiment als Gedankenspiel über den letzten Menschen von Ulrich Köhler

 

und hier eine Besprechung des Films "Bungalow" (WA) - digital restaurierte Fassung des Debütfilms von Ulrich Köhler über einen Bundeswehr-Deserteur mit Trine Dyrholm + Dewid Striesow

 

und hier einen Beitrag über den Film "Ich bin dein Mensch" – Sci-Fi-Tragikomödie über Liebe zu einem Androiden von Maria Schrader mit Maren Eggert

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Farbe des Ozeans" – intensives Flüchtlings-Drama zwischen Senegal + Gran Canaria von Maggie Peren.

 

Die Film-im-Film-Sequenzen der Flucht von Jason und Medea zum Herrscher von Dakar samt tödlichem Finale sind so opulent und ausgefeilt, dass man rasch argwöhnt, diesen Film habe Ulrich Köhler eigentlich drehen wollen. Doch er sei noch gründlicher baden gegangen als die Regisseurin Caroline – und habe nun mit ihrer Figur als alter ego sein eigenes Scheitern zum Thema eines Meta-Films gemacht.

 

Asymmetrische Akteur-Affäre

 

Den selbst die doppelte Laufzeit nicht retten würde: Als müsse Köhler eine Stichwortliste abarbeiten, lässt er vieles in ein paar Dialogzeilen kurz aufspießen und danach wieder fallen. Zusammenhalten könnte dieses überfrachtete Konstrukt höchstens eine glaubwürdige Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren. Doch die ist asymmetrisch: Maren Eggert nimmt man noch halbwegs ab, dass sie auf den athletischen Jean-Christophe Folly ein Auge geworfen hat.

 

Umgekehrt jedoch nicht: Folly stapft mit dreadlocks und Vollbart so stoisch durch den Film, als solle er einen obercoolen Reggae-Star mimen. Doch seiner mürrischen Eigenbrötlerei traut man Leidenschaften nicht zu; allenfalls im Streit mit seinem wohlhabenden Vater, der seine Schauspiel-Ambitionen finanziert.

 

Titel aus analytischer Philosophie

 

Aber vielleicht ist das auch nur eine interkulturelle Fehlinterpretation, wie der Titel nahelegt: Die Chiffre „Gavagai“ prägte der analytische Philosoph Willard Van Orman Quine, um die prinzipielle Unbestimmtheit jeder Übersetzung zu betonen. Klingt weit hergeholt und ist es auch. Als Nourou am Ende des Dakar-Drehs gefragt wird, was er von der ganzen Unternehmung hält, antwortet er nur: „verkopft“.