Yannis Smaragdis

Kapodistrias – Der Gouverneur

Ioannis Kapodistrias (Antonis Myriagos) und seine Distanz-Geliebte, die russische Hofdame Roxandra Sturdza (Ilectra Fragkiadaki). Foto: Kinostar Filmverleih GmbH
(Kinostart: 16.4.) Der doppelte Nationalheld: Graf Kapodistrias verhalf der Schweiz zur Neutralität und wurde erster Staatschef im unabhängigen Griechenland. Seine abenteuerlich wechselvolle Laufbahn schildert Regisseur Yannis Smaragdis etwas konventionell und hölzern, aber informativ und berührend.

Was für ein Leben! Ioannis Graf Kapodistrias kam 1776 auf Korfu zur Welt. Sein Vater war ein griechischer Adliger, dessen Vorfahren aus der slowenischen Hafenstadt Capodistria (heute: Koper) auf die Insel im Ionischen Meer umgesiedelt waren. Seine Mutter, eine Gräfin, war Nachfahrin griechischer Zyprer. Kapodistrias studierte Medizin, Philosophie und Recht in Padua, kehrte in seine Heimat zurück und wurde der angesehenste Arzt von Korfu.

 

Info

 

Kapodistrias - Der Gouverneur

 

Regie: Yannis Smaragdis,

128 Min., Griechenland 2025;

mit: Antonis Myriagkos, Finbar Lynch, Ilectra Fragkiadaki

 

Weitere Informationen zum Film

 

1799 vertrieben russische und osmanische Truppen die napoleonischen Besatzer von den Ionischen Inseln und gründeten die halbautonome „Republik der Sieben Inseln“ unter ihrem Protektorat; Kapodistrias wurde ihr De-facto-Regierungschef. Als die Inselgruppe 1807 wieder an Frankreich fiel, trat er in den Dienst des Zaren Alexander I., der ihn mit wichtigen diplomatischen Missionen betraute. Als russischer Gesandter in der Schweiz 1813 und auf dem Wiener Kongress 1814/5 setzte er sich für die innere Befriedung und Neutralität der Eidgenossenschaft ein; er war auch am Ausformulieren ihrer Verfassung beteiligt.

 

Von Genf aus Hellas helfen

 

Nach diesen Erfolgen beförderte der Zar ihn zum Ko-Außenminister. In dieser Funktion bot er seinen Gegenspieler Klemens von Metternich Paroli, der dem Habsburger Reich die Führungsrolle in Europa verschaffen wollte. Als 1821 der Griechische Unabhängigkeitskrieg gegen das Osmanische Reich ausbrach, gelang es Kapodistrias aber nicht, den Zaren zur Hilfe für die Aufständischen zu bewegen. Daher demissionierte er und zog nach Genf um, wo er wegen seiner Verdienste zum Ehrenbürger ernannt worden war. Von dort aus unterstützte er die hellenischen Kämpfer.

Offizieller Filmtrailer OV


 

Erster Präsident mit siebenjähriger Amtszeit

 

1827 hatten griechische Partisanen die osmanische Armee weitgehend zurückgedrängt, waren aber untereinander zerstritten und in Klein-Bürgerkriege verstrickt. Um diese Spaltung zu überwinden, wählte die so genannte Dritte Nationalversammlung Kapodistrias in absentia zum ersten „Gouverneur“, also Staatschef, mit sieben Jahren Amtszeit. Aus zwei Gründen: Er war der berühmteste Staatsmann griechischer Abstammung in Europa und zählte als Außenseiter zu keinem der rivalisierenden Clans und Parteien.

 

In der Kleinstadt Nafplion auf dem Peloponnes herrschte nun Kapodistrias mit diktatorischer Machtfülle über ein vom Krieg verwüstetes und verarmtes Land. Einerseits erfolgreich: Er stieß in kurzer Zeit auf etlichen Gebieten Reformen an, vom Schul- und Gesundheitswesen bis zur Landwirtschaft. Andererseits machte er sich mit seinem selbstherrlichen Regierungsstil in der lokalen Führungsschicht kaum Freunde. Im Gegenteil: Um nicht höhere Steuern zahlen zu müssen, verschworen sich einflussreiche Clan-Chefs gegen ihn. Als er ihren Anführer Petrobey Mavromichalis inhaftieren ließ, wurde Kapodistrias am 27. September 1831 von dessen Verwandten ermordet.

 

Wie porträtiert man Nationalhelden?

 

Damit ereilte ihn ein ähnliches Schicksal wie fünf Jahrzehnte zuvor Johann Friedrich Struensee. Der Leibarzt und Quasi-Vormund des dänischen Königs hatte vier Jahre lang Dänemark ebenfalls eine Turbo-Modernisierung verordnet; sie endete mit seiner Hinrichtung. Als Regent agierte Kapodistrias jedoch wesentlich nachhaltiger und blieb populärer: Er wird bis heute als Begründer der modernen griechischen Nation verehrt – in fast jeder hellenischen Ortschaft ist eine Straße nach ihm benannt.

 

Da verwundert es fast, dass ihm erst jetzt ein Biopic gewidmet wird. Wie porträtiert man einen Nationalhelden? Vor den himmelhohen Erwartungen seiner Landsleute geht Regisseur Yannis Smaragdis fast in die Knie: Um sie zu erfüllen, zeichnet er Kapodistrias als einen von edlen Regungen beseelten Humanisten mit tadellosem Charakter, der immer alles richtig macht und dabei stets die Contenance wahrt. Ihn verkörpert Antonis Myriagos mit samtigem Blick und sanftem Minenspiel durchaus attraktiv; glaubwürdig wird dieser Über-Gutmensch dennoch nicht.

 

Rückkehr nach Griechenland belebt Film

 

Hintergrund

 

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Vor allem nicht in der ersten Stunde, welche die Zeit von der Konsolidierung der Schweiz bis zum Abschied vom Zarenhof behandelt: ein endloses Defilee von Würdenträgern in prächtigen Uniformen, die sich in pompösen Schloss-Sälen mit geschliffenen Floskeln beharken. Der Versuch, sämtliche außenpolitischen Winkelzüge von Kapodistrias‘ Wirken in russischen Diensten zu berücksichtigen, ermüdet: Die steifen Auftritte und Abgänge erinnern an abgefilmtes Guckkasten-Theater. Allein Metternich (Finbar Lynch) erscheint als cholerischer workaholic.

 

Fürs Gemüt wird Kapodistrias Romanze mit der russischen Hofdame Roxandra Sturdza (Ilectra Fragkiadaki) eingeflochten. Doch ihre Fernbeziehung beschränkt sich auf schmachtende Briefe und einsame Tränen – und führt zu nichts: Madame muss den Außenminister des Herzogtums Weimar heiraten. Erst die Rückkehr des Karrierediplomaten nach Griechenland belebt den Film spürbar: Das helle Licht des Südens, malerische Insellandschaften und kernige Freiheitskämpfer in pittoresken Trachten mischen das Geschehen kräftig auf.

 

Nationalheiliger mit Marien-Visionen

 

Mit dem Machtkampf zwischen einem Entwicklungsdiktator und Provinzfürsten, die wie Mafiabosse auftreten, zieht plötzlich Dramatik in das Drehbuch ein. Dabei stört es wenig, dass Regisseur Smaragdis seinen Heros maßlos idealisiert, indem er ihn mehrere Marien-Visionen erleben lässt. Diese Stilisierung zum Nationalheiligen ist aufschlussreich – als Indiz, dass selbst im heutigen Griechenland das Politische noch ins Sakrale gesteigert werden kann.

 

Wie in der gesamten Orthodoxie. Die vielgescholtene eurozentrische Perspektive ist ja eigentlich eine westeuropäische; sie weiß wenig über die west- und südslawischen Nationen, geschweige denn über die Welt der Ostkirchen. Da bietet dieser Film einen aufschlussreichen Einblick – paradoxerweise am Beispiel eines liberalen Aufklärers, der nur das Beste wollte und souverän scheiterte.