
Damit sich die 18-jährige Marina (Llúcia Garcia) um ein Stipendium für ihr geplantes Filmstudium bewerben kann, benötigt sie eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters. Den hat sie, genau wie seine Verwandtschaft, nie kennengelernt. Nach dem frühen Tod beider Elternteile ist sie bei der Familie ihrer Mutter in Barcelona aufgewachsen. Nun stellt sich zu ihrer Überraschung heraus, dass ihr Erzeuger von den Behörden seiner Heimatstadt Vigo als kinderlos geführt wird.
Info
Romería –
Das Tagebuch meiner Mutter
Regie: Carla Simón,
114 Min., Spanien/ Deutschland 2025;
mit: Llúcia Garcia, Mitch Martin, Tristán Ulloa, Alberto Gracia
Weitere Informationen zum Film
Eintauchen in die Großfamilie
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich der neue Film von Carla Simón – und zugleich zwischen dem Blau der Bucht von Vigo und dem Grün der zerklüfteten galicischen Küste. Hier taucht die spröde Protagonistin in eine quirlige Großfamilie ein, die sie bald vergessen lässt, weiter regelmäßig mit ihrer Adoptivmutter zu telefonieren. Es ist eine Welt voller Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen.
Offizieller Filmtrailer
Widersprüchliche Erinnerungen
Mit ihren persönlichen Verwicklungen, Ritualen und Streitereien erinnert diese Familie an den Pfirsichbauern-Clan, den Simón in ihrem Vorgängerfilm „Alcarràs – Die letzte Ernte“ porträtiert hat; er wurde 2022 mit dem Goldenen Bären der Berlinale prämiert. Nun ersetzt die Regisseurin das leuchtende Licht in mediterranen Obstplantagen durch die satten Farben der feuchten Vegetation am Atlantik.
Aus Bemerkungen der Kinder und einander zum Teil widersprechenden Erinnerungen der Älteren setzt Marina allmählich ein Bild vom Leben ihrer Eltern im Spanien der 1980er Jahre zusammen. Nicht alles, was sie zu hören bekommt, passt zu den Schilderungen, die sie parallel einem wiederaufgetauchten Tagebuch ihrer Mutter entnimmt. Solche Brüche und Widersprüche sind für die spanische Erinnerungskultur symptomatisch.
Die verdrängten Toten der Movida
Mit dem Auslaufen der Movida madrileña, der Zeit des demokratischen und kulturellen Aufbruchs nach dem Tode von Diktator Franco 1975, brach eine Heroin- und AIDS-Welle über das Land und seine Subkulturen herein. Sie wurde – ähnlich den Toten des Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 – alsbald kollektiv verdrängt und tabuisiert. Auch Marina muss sich nun mit dem Gedanken vertraut machen, dass ihre Eltern Junkies waren. Ihre HIV-Infektion wurde in bürgerlichen Kreisen am liebsten geleugnet, was so weit ging, dass Erkrankte in Privathäusern verborgen oder gar gegen ihren Willen weggesperrt wurden.
„Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ bildet den Abschluss einer lose auf autobiografischen Elementen beruhenden Trilogie, die Simón 2016 mit „Fridas Sommer“ begann. Stark ist der Film, wenn er schildert, wie sich die Hauptfigur innerhalb der ihr neuen Gemeinschaft aus mal mehr, mal weniger wohlmeinenden Angehörigen zurechtfindet und ihre eigenen Schlüsse zieht. Mit gesundem Misstrauen, der Fähigkeit sich abzugrenzen und dennoch einer großen Neugier auf das Milieu ihrer Herkunft gelingt es ihr, sich allen Vereinnahmungsversuchen zu widersetzen.
Ein Küsschen für den Opa
Insbesondere mit ihren reservierten Großeltern, die als Reeder zur Großbourgeoisie zählen, hat Marina ihre Schwierigkeiten. So ist die Großmutter in erster Linie darauf erpicht, den Anschein zu wahren, dass alles seine Ordnung habe. Dass ihre Enkel den Swimmingpool benutzen und ihn dabei womöglich beschmutzen, kann sie kaum ertragen.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Alcarràs – Die letzte Ernte" − Porträt einer spanischen Obstbauern-Familie, die Existenzgrundlage verliert, von Carla Simón; prämiert mit Goldenem Bären 2022
und hier eine Bilanz der 72. Berlinale 2022 mit dem Goldenen Bären für "Alcarràs" von Carla Simón
und hier eine Besprechung des Films "Fridas Sommer" – sensibles Drama über sechsjährige Waise bei Stiefeltern von Carla Simón
sowie hier eine Kritik des FIlms "Der Lehrer, der uns das Meer versprach" über eine Spurensuche im Norden Spaniens von Patricia Font.
Mit Magischem Realismus in die Überlänge
In ihren frühen Werken erzählte Simón die Handlung auf naturalistische Weise, wobei sie für lebensweltliche Umbrüche einprägsame symbolträchtige Bilder fand. In „Romería“ führt sie als neues Element einen Magischen Realismus ein. Leider führt dieses Stilmittel jedoch nur in ein letztes Drittel, das allzu vorhersehbar ausfällt. Ab dem Augenblick, in dem die Protagonistin tatsächlich tief in die Vergangenheit ihrer der Eltern eintaucht, geht praktisch alle bisherige Ambivalenz flöten.
Zwar gibt es auch dabei einzelne eindrucksvolle Motive und Momente; etwa, wenn die Regisseurin den lokalen Mythos der Santa Compaña einbindet, einer laut Volksglauben Unheil verheißenden Prozession der Toten. Diese Parade verwandelt Simón in eine morbide Partyszenen-Choreografie, welche die dem Tod geweihte Drogenkultur des spanischen undergrounds der 1980er Jahre illustriert. Dennoch wäre dieser eher uninteressantere Teil des Films besser um die Hälfte gekürzt worden.
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