
Dass nicht alle Menschen Töne sehen, kann Lionel (Paul Mescal) kaum glauben. Er ist nicht nur mit einem Gehör gesegnet, das es ihm ermöglicht, jedes Musikstück Ton für Ton in seiner Erinnerung zu speichern. Darüber hinaus lässt ihn seine synästhetische Veranlagung Musik sogar schmecken. Seine Singstimme ist ebenso herausragend. Sie beschert ihm ein Stipendium am Konservatorium in Boston und eröffnet ihm einen Weg aus der Enge der elterlichen Farm in die Welt.
Info
The History of Sound
Regie: Oliver Hermanus,
129 Min., USA/ Großbritannien/ Schweden/ Italien 2025;
mit: Josh O'Connor, Paul Mescal, Chris Cooper
Weitere Informationen zum Film
Feldforschung in Maine
Irgendwann meldet sich David aber wieder. Auf seine Einladung hin unternehmen die beiden eine Reise durch die Anfang des 20. Jahrhunderts noch unwegsamen Wälder von Maine. Sie besuchen zurückgezogene Gemeinschaften ehemaliger Sklaven und ihrer Nachfahren sowie irisch-stämmige dropouts, deren Liedgut sie mittels Trichter und Kurbelapparatur auf Edison-Walzen aus Wachs bannen, um es für die Nachwelt zu bewahren.
Offizieller Filmtrailer
Der Schock der Moderne
In Chor- wie Sologesängen, begleitet von einzelnen Gitarren oder kleinen Hausmusik-Ensembles handeln die Songs in der Hauptsache von Verlust und Trauer. Für eine Community, die sie besuchen, erweist sich der besungene Schrecken jedoch nicht als Kunst gewordene Vergangenheit, sondern als sich selbst erfüllende Prophezeiung. Weil ihre Mitglieder den Plänen eines Gouverneurs im Weg stehen, ihr Land für wirtschaftliche Zwecke zu nutzen, schickt der eine bewaffnete Übermacht, um sie zu vertreiben oder umzubringen. Lionel und David bleibt nur, sich verstört zurückzuziehen.
Mit Paul Mescal und Josh O’Connor konnte der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus zwei der derzeit am meisten gefragten englischsprachigen Schauspieler für die Hauptrollen seines romantisch-musikalischen Dramas während eines Modernisierungs-Schocks gewinnen. Wenige Worte und kleine Gesten reichen ihnen aus, um die Erregung auszudrücken, in die ihre Liebe zueinander und zu ihren Forschungsobjekten sie versetzt.
Sinnliche Bildsprache für emotionale Erfahrungen
Hermanus inszeniert den gesamten Film diskret und dem Spiel seiner Darsteller angemessen. Immer wieder lässt er die Kamera sinnliche Details wie die Wölbungen von Rückenmuskeln, die Ausstattung eines Zimmers oder atmosphärische Veränderungen des Wetters einfangen, kommt aber nie auch nur in die Nähe einer Bildsprache, die voyeuristisch oder softpornografisch wirken könnte.
Die wahre Bedeutung, die die Zuneigung der Männer füreinander hat, erweist sich für Lionel erst im Rückblick: Sie wird die wichtigste emotionale Erfahrung seines an Neuanfängen nicht eben armen Lebens bleiben. Im konkreten Moment des Erlebens jedoch mangelt es ihm an Worten, um sich zu erklären oder etwa Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu schmieden, die wohl von vornherein unmöglich wäre.
Trauma + Charisma des Kriegsheimkehrers
David fehlt dagegen der Glaube, dass nach den Erfahrungen des industriellen Kriegs in Europa so etwas wie eine Zukunft überhaupt vorstellbar ist. Für sein Trauma gibt es keine Sprache, es erschließt sich allein aus einem en passant auftretenden Zittern. Später fällt noch das Wort „shell shock“; allerdings ohne, dass es etwas behaupten müsste, das nicht sowieso bereits subtil zwischen Melodiebögen, Liedtexten und aufflammendem Begehren vermittelt worden wäre.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Like A Complete Unknown" – liebevoll inszeniertes Biopic über die frühen Jahre von Bob Dylan + die Folk-Szene der frühen 1960er Jahre von James Mangold
und hier eine Besprechung des Films "Inside Llewyn Davis" – bittersüße Tragikomödie über einen erfolglosen Folk-Musiker Anfang der 1960er Jahre von Joël + Ethan Cohen
und hier einen Bericht über den Film "Balkan Melodie" – Doku über musikethnologische Reisen eines Schweizer Ehepaars von Stefan Schwietert
und hier einen Beitrag über den Film "La Chimera" – fantastisch-realistisches Grabräuber-Porträt von Alice Rohrwacher mit Josh O'Connor.
Kitschfrei + zurückhaltend
Hermanus, der zuvor mit leisen Dramen überzeugen konnte, gelingt es, ganze Klaviaturen der Empfindsamkeit völlig frei von Kitsch auszuspielen. Dem auf einer Kurzgeschichte von Drehbuchautor Ben Shattuck basierenden Film ließe sich höchstens vorwerfen, dass er sich vor allem gegen Ende in der ansonsten dramaturgisch klug eingesetzten Musik geradezu suhlt.
Manche Stücke werden nicht nur ausgespielt, sondern als Bindeglieder zwischen den Zeitebenen sogar wiederholt. Immerhin verfolgen wir Lionels Leben als Musikethnologe in Sprüngen noch bis in die 1980er Jahre. Diese Doppelungen erzeugen jedoch ein Gefühl von Redundanz. Zum Teil hebelt es in seinem Bestehen auf Bedeutung die Leichtigkeit der Erzählung ein Stück weit aus. Dabei ist es gerade Hermanus‘ zurückhaltende Umsetzung, die seinen Film so aufregend macht.
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