
Erst kommt die Massenfertigung, dann die Massenmobilisierung: Kein anderer deutscher Künstler hat die Prinzipien der Fließbandproduktion so konsequent umgesetzt wie Thomas Bayrle. Dazu ging er in die passende Lehre: 1937 in Berlin geboren, machte er ab 1956 in Göppingen eine Ausbildung zum Musterzeichner und Weber. Dabei lernte er so genannte Jacquard-Webstühle kennen, die dank Lochkarten automatisiert Muster weben – ein frühes Beispiel für digitale Datenverarbeitung.
Info
Thomas Bayrle:
Stadt, Land, alles im Fluss
28.02.2026 - 31.05.2026
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr,
dienstags 13 bis 18 Uhr
im Museum Kulturspeicher (MiK), Oskar-Laredo-Platz 1, Würzburg
Weitere Informationen zur Ausstellung
Thomas Bayrle – Fröhlich sein!
12.02.2026 - 10.05.2026
täglich außer montags 10 bis 19 Uhr,
donnerstags bis 22 Uhr
in der Schirn Kunsthalle, Gabriel-Riesser-Weg 3, Frankfurt am Main
Weitere Informationen zur Ausstellung
Mao Tse-tung oder Roter Stern
Mitte der 1960er Jahre baute Bayrle neun aufwändige, „Superkatapulte“ genannte Maschinen-Skulpturen. Wohl die bekannteste ist „Mao“ (1966): Hunderte kleiner Sportler-Figuren werden von einem Elektromotor so bewegt, dass im Wechselspiel entweder das Porträt des „Großen Vorsitzenden“ der KPCh oder ein riesiger Roter Stern zu sehen sind. Ein verspielter und zugleich galliger Kommentar zu totalitärer Ästhetik: Solche Mega-Bilder aus unzähligen Menschen werden bis heute bei offiziellen Anlässen in Rotchina oder Nordkorea inszeniert.
Interview mit MiK-Direktor Marcus Andrew Hurttig + Impressionen der Ausstellung in Würzburg
Offene Motoren bei documenta 13
Und ebenso ein echter Hingucker: Dieses Bayrle-Werk war ein Publikumsmagnet in der großen Nachkriegskunst-Retrospektive „Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968“ von 2011 bis 2013 in der Neuen Nationalgalerie – kein Wunder angesichts der spröden Abstraktion ringsum. Ähnlich populär wurden Bayrles Beiträge zur documenta 13 (2012) in Kassel: erstens unzählige Miniatur-Abbildungen von Fliegern, die an der Wand so angeordnet waren, dass sie eine Flugzeug-Silhouette in Realgröße ergaben – „Superform“ nennt Bayrle dieses Verfahren.
Außerdem mitten im Raum auf Hochtouren laufende Auto-Scheibenwischer und -Motoren; jene hatte er aufgeschnitten, um ihre rhythmischen Bewegungen freizulegen. Seit den Hymnen der Futuristen auf die Schönheit der Maschinen hat wohl niemand mehr diese Herzkammern der industriellen Zivilisation so umstandslos in den Kunst-Kontext überführt wie Bayrle. Tatsächlich entbehrt das Hin und Her der symmetrisch angeordneten Kolben nicht der Eleganz; nichtsdestoweniger lässt die Unerbittlichkeit ihres Stampfens frösteln.
Wie Andy Warhol en miniature
Ein Auto-Scheibenwischer und ein Motor sind auch die Prunkstücke der Würzburger Werkschau. Letzterer allerdings in einer getunten Fassung: Während der Achtzylinder läuft, ist ein von Gläubigen gesprochenes Gebet zu hören, vermutlich der Rosenkranz. Schon klar: Bayrle setzt hier die Begeisterung für und Abhängigkeit von Motoren mit parareligiöser Verehrung gleich. Ansonsten spielt dieser Gedanke im Museum im Kulturspeicher gottlob nur eine untergeordnete Rolle, weil die Ausstellung Bayrles gesamtes Schaffen umfasst – und das begann profan.
Die ältesten Exponate, wie die Siebdrucke „Tassenfrau“ (1967) oder nebenan die wandhohen „Kartoffelzähler“ (1968) machen sehr anschaulich, warum der Künstler seinerzeit als führender Vertreter der Pop Art in Deutschland galt. Simple Elemente aus Konsum-Kosmos oder Agitprop, seriell vervielfältig, changierten zwischen eingängig und absurd – ein wenig wie Andy Warhol en miniature. Solche Motive blieben leicht fasslich und waren zuweilen komisch, wenn Bayrle etwa die Umrisse einer Kuh aus lauter kleinen lassoschwingenden Cowboys zusammensetzte; auf Dauer drohten sie aber possierlich-beliebig zu werden.
Feature zur Ausstellung in Frankfurt. © Schirn Kunsthalle
Pausenloser Autoverkehr als Lebensader
Bis Bayrle das Thema Mobilität aufgriff. Genauer: das, was man in der Nachkriegszeit die „autogerechte Stadt“ nannte – den unfassbar rücksichtslosen und brutalen Umbau der halben Welt zur Asphalt- und Betonhölle, damit Stahlsärge auf vier Rädern in jeden Winkel rollen können. Nur weil wir uns an Autobahn-Auffahrten und Parkhäuser allerorten gewöhnt haben, sind sie ja nicht weniger monströs. Ob derlei später einmal als die größte Leistung oder als schlimmste Untat des 20. Jahrhunderts gelten wird? Jedenfalls ist Bayrle einer der wenigen Künstler – und hierzulande wohl der einzige –, der diese Fehlentwicklung adäquat reflektiert hat.
In diversen Medien: als Zeichnungen oder Grafiken von unwirtlichen Trabantenstädten mit schier endlosen Parkplätzen. Als Fotocollagen, bei denen er etwa aus digital verzerrten Schnappschüssen von Werkstätten einen mannshohen Autoreifen zusammensetzte. Als dreidimensionale Objekte zwischen Relief und Skulptur, bei denen er Mini-Plastikautos auf Papp-Pisten ähnlich einer Carrera-Bahn montierte – ihr zielloses Zirkulieren war symbolträchtig genug. Oder als animierte Trickfilme, in denen stecknadelgroße Pkw wie Zellen oder Bakterien quasi durch Blutkreislauf-Gefäße treiben – pausenloser Autoverkehr als Lebensader der Industriegesellschaften.
Technik-Fetischismus + religiöse Inhalte
Dass diese Metaphorik nach jahrzehntelanger Verwendung allmählich ausgereizt ist, zeigt jedoch ein Bild wie „Autofreier Sonntag“ (2014): eine aus Fahrbahn-Markierungen kompilierte Madonna mit Kind. Solche Spätwerke versammelt die Ausstellung „Fröhlich sein!“ in der Schirn-Kunsthalle – das erweist sich als Problem. Während die Würzburger Schau mit einem abwechslungsreichen Schnelldurchgang durch alle Werkphasen besticht, herrscht im Frankfurter Pendant eher grelle Monotonie.
Nicht trotz, sondern wegen der Auswahl von rund 50 Arbeiten: Es dominieren Großformate, die in diversen Spielarten nur um wenige Einfälle kreisen, sich aber marktschreierisch gegenseitig die Aufmerksamkeit streitig machen. Besonders deutlich wird das bei zahlreichen Varianten, in denen Bayrle Technik-Fetischismus mit religiösen Inhalten kombiniert: bei Pietà-Digitaldrucken, bei denen Maria und der tote Erlöser auf ihrem Schoß aus einem Straßennetz bestehen, und einem Frührenaissance-Jesus, der am Autobahnkreuz hängt oder aus Video-Schnipseln von Verkehrs-Kameras zusammengesetzt ist.
Barockes Pathos + epigonale Superformen
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Gezeichnete Stadt - Arbeiten auf Papier 1945 bis heute" – in der Berlinischen Galerie mit Werken von Thomas Bayrle
und hier eine Besprechung der Ausstellung "documenta (13): documenta-Halle" mit Groß-Installationen + Motoren von Thomas Bayrle in Kassel
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "German Pop" – westdeutsche Pop Art mit Werken von Thomas Bayrle in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main.
Regelrecht peinlich wirken jüngste Arbeiten mit bemüht humorigen Titeln wie „Erholung in der Idiotie“ oder „I Fon Salat-Roboter“ (2022): I-Phone-Puzzlestücke werden zu Industrie-Robotern zusammengesetzt. Oder auch zu Reproduktionen der berühmten „Getreideschober“-Bilderserie des Impressionisten Claude Monet. Oder zu „Himmelfahrt“-Digitaldrucken, bei denen auch „Gottvater I“ seinen Auftritt hat.
Ideen-Recycling mit Weihwasser
Bayrles hemmungsloses Plündern der abendländischen Sakralkunst hat etwas Erbarmungswürdiges: Da versucht jemand zunehmend verzweifelt, seine früheren, originellen Kompositions-Ideen aus dem 20. Jahrhundert für die Gegenwart zu recyceln. Und weil aufgeplusterte Formate allein nicht überzeugen, taucht er sie in gut katholisches Weihwasser. Was eine krude Mischung ergibt, die alle Bestandteile diskreditiert: Sic transit gloria mundi. Selten war ein Ausstellungs-Titel so abwegig.
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