Leipzig

WanBel – 50 Jahre Unabhängigkeit: Papua-Neuguinea

Ausstellungsansicht: Kanipu-Tanzmaske. © GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Die unbekannteste deutsche Ex-Kolonie ist seit einem halben Jahrhundert selbstständig. Zum Jubiläum beteiligt sich das Grassi Museum an einem erdumspannenden Ausstellungsprojekt: mit der Präsentation seiner schönsten traditionellen Kunstwerke – eine Reise in eine völlig fremde Lebens- und Vorstellungswelt.

Dass Tansania, Namibia, Kamerun und Togo vor dem Ersten Weltkrieg deutsche Kolonien waren, ist im öffentlichen Bewusstsein – wieder – halbwegs gegenwärtig. Aber dass auch große Teile des heutigen Papua-Neuguinea dazu zählten, ist praktisch vergessen. Vermutlich, weil es sich um das ruhmloseste Kapitel der ohnehin kläglichen deutschen Kolonial-Vergangenheit handelt.

 

Info

 

WanBel – 50 Jahre Unabhängigkeit: Papua-Neuguinea

 

05.12.2025 - 28.06.2026

 

täglich außer montags 10 bis 17 Uhr
im  Grassi Museum für Völkerkunde,
Johannisplatz 5-11, Leipzig

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Von Neuguinea, der nach Grönland zweitgrößten Insel des Planeten, nahmen die Niederländer 1828 den Westteil in Besitz; heute gehört er zu Indonesien. Den Ostteil der Insel teilten London und Berlin 1884 unter sich auf. Großbritannien annektierte den Südosten und übertrug ihn 1905 als „Territorium Papua“ an Australien. Den Nordosten nahm das Reich in Besitz: „Deutsch-Neuguinea“ bestand aus „Kaiser-Wilhelms-Land“ auf Neuguinea selbst, dem vorgelagerten „Bismarck-Archipel“ mit den beiden großen Inseln „Neupommern“ (heute: Neubritannien) und „Neumecklenburg“ (heute: Neuirland), den nördlichen Salomon-Inseln und weiteren kleinen Eilanden.

 

Nur 700 Deutsche um 1900

 

Die deutsche Kolonial-Herrschaft war eine völlige Pleite: Das bergig-tropische Territorium blieb unerschlossen, außer ein wenig Kautschuk und Kokosnüssen gab es nichts her. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in dem riesigen Gebiet knapp eine halbe Million Indigene, aber nur etwa 1000 Europäer, davon 700 Deutsche. Im Ersten Weltkrieg besetzten es australische Truppen, welche die Deutschen verjagten oder internierten. Über mehrere Zwischenstufen wurde 1975 Papua-Neuguinea (PNG) in die Unabhängigkeit entlassen.

Impressionen der Ausstellung


 

Ein-Bauch-Netzwerk im Internet

 

Dort erinnert außer ein paar topographischen Bezeichnungen wie Bismarck-See, -Gebirge oder Mount Wilhelm nichts mehr an die deutsche Kolonialzeit. Anders hierzulande: In diesen drei Jahrzehnten wurden viele kulturelle Artefakte gesammelt oder erworben – ob ohne oder mit Gewalt, lässt sich im Nachhinein nur selten rekonstruieren – und viele davon ethnographischen Kollektionen in Deutschland übereignet oder von ihnen angekauft. Daher zählen sie international zu den umfangreichsten Beständen.

 

Deswegen beteiligen sich sechs deutsche Museen an einem einzigartigen Vorhaben des PNG-Kulturministeriums zur Feier von 50 Jahren Unabhängigkeit. Da das historische Kulturerbe über alle Kontinente verstreut ist, hat das Ministerium ein virtuelles Partnerschaftsprojekt initiiert: „WanBel“, abgeleitet vom englischen „one belly“ („ein Bauch“), bedeutet in der Pidgin-Landessprache Tok Pisin etwa so viel wie „Gemeinschaftsgeist“. Und diese Gemeinschaft wird in Form eines globalen Netzwerks im Internet hergestellt.

 

800 Sprachen in einem Land

 

Die meisten der rund 40 teilnehmenden Museen weltweit belassen es dabei, Dauerausstellungs-Objekte näher zu beleuchten, etwa mit Spezialführungen oder Thementagen. So halten es auch fünf deutsche Museen. Allein das Leipziger Grassi Museum hat aus diesem Anlass eine Sonderschau auf die Beine gestellt: in einem Saal mit 45 Exponaten. Diese werden so attraktiv präsentiert und kundig kommentiert, dass sie einen anschaulichen Überblick über die Traditionen in PNG bieten.

 

Genauer: einen ersten Einblick. Denn kein anderes Land ist kulturell so zersplittert: Aufgrund der stark zerklüfteten Berglandschaft haben sich im Lauf der Jahrtausende kleine Gruppen voneinander isoliert und ihre eigene Identität ausgebildet. In PNG werden rund 800 verschiedene Sprachen gesprochen, manche von ihnen nur in einem einzigen Dorf. Ebenso unterschiedlich sind Motive und Symbolik von geschnitzten Masken, Skulpturen und anderen Artefakten – für sie gibt es quasi ein lokales copyright, das von den Handwerkern strikt beachtet werden muss.

 

Ahnenbretter schwächen Feinde

 

Das ist dem ersten Exponat des Rundgangs kaum anzusehen. Die körperhohe Kanipu-Tanzmaske aus einem Dorf am südlichen Papua-Golf wurde um 1900 von Knaben in ihrer Initiationszeit getragen; dabei verkörperte der Tänzer einen Waldgeist. Nicht als Schauspieler, nein: Im Tanzenden ist der Geist wirklich anwesend und kann befragt oder für andere Interaktion eingebunden werden.

 

Ausdrucksstark individuelle Züge trägt ein Hohoa-Ahnenbrett von 1914, ebenfalls vom Papua-Golf: Es repräsentiert einen namentlich bekannten Vorfahren. Solche Ahnenbretter wurden zu Hunderten in den großen Versammlungshäusern für Männer aufbewahrt und bei Tänzen von ihnen getragen. Auch zu Kopfjagden nahm man die Bretter mit, weil die in ihnen wohnenden Ahnengeister die Feinde schwächen konnten.

 

Totenseelen wohnen in Skulpturen

 

Ohnehin war das Verhältnis zu den Ahnen sehr eng: Einerseits verdankten ihnen die Lebenden alles. Andererseits waren sie im Diesseits gegenwärtig, hatten Pflichten und konnten für diverse Ziele eingespannt werden. Damit die Seelen bedeutender Verstorbener keinen Schaden anrichteten, schnitzte man für sie in Neuirland Kulap-Figuren – mit gespreizten Beinen, gefalteten Händen und dreieckigem Antlitz. Darin hauste die Seele des Toten. Wenn sie nach einer Weile endgültig die Sphäre der Lebenden verließ, wurde die Figur überflüssig und zerstört.

 

Wesentlich aufwändiger waren die Totengedenkfeiern in Neubritannien – und sind es mancherorts bis heute. Die so genannten Malanggan-Zeremonien werden monate- oder gar jahrelang vorbereitet. Dafür schnitzt man sehr komplexe Skulpturen: entweder breite Friese, die auf hohe Wände aus Holz montiert werden, die zuvor mit Blättern dekoriert worden sind. Oder hohe Stelen, die vor den Wänden aufgestellt werden. Beide Formen zeugen von einem magisch-organischen Weltbild, in dem sich alles in anderes verwandeln kann: Vögel in Schlangen, Tiere in Menschen etc..

 

Vogel frisst Fisch frisst Mensch

 

In der Schau sind zwei prächtige Friese zu sehen: Auf einem von 1909 wird eine menschliche Figur durch Fisch- und Schweineköpfe flankiert, auf dem anderen von 1888 hält eine Eule eine Schlange in den Krallen. Solange die Zeremonien andauern, bewohnen die Verstorbenen-Seelen diese Malanggan-Plastiken; also werden sie mit größter Sorgfalt behandelt. Am Ende verlassen jedoch die Seelen diese Figuren; dann werden sie verbrannt oder an Fremde verkauft: Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind sie bei westlichen Sammlern sehr begehrt. Vom Erlös finanziert man oft neue Malanggane.

 

Ein außergewöhnlicher Blickfang ist ein mächtiger Malanggan-Fisch mit einem Gräten-Gerippe als Hinterleib aus Neuirland von 1908. Er steht allegorisch für den Tod auf hoher See, weil er aus der Tiefe auftaucht und einen Menschen verschlingt. Auf seinem Rücken hockt ein kleiner Seevogel: Er verspeist den Fisch, skelettiert ihn und fliegt nach dem Ende der Trauerzeit mit der Seele des Toten davon. So steht diese Doppel-Skulptur emblematisch für ein mehrstufiges Verständnis von Vergehen und Weiterleben.

 

Dachhaken + Sprecherstuhl

 

Hintergrund

 

Link zur Website des "WanBel Global"-Museums-Netzwerks zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas.

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Tanz der Ahnen - Kunst vom Sepik in Papua-Neuguinea" – grandiose Überblicks-Schau über polynesische Kunst in Berlin, Zürich + Paris.

 

und hier eine Besprechung der "Neueröffnung Museum für Asiatische Kunst + Ethnologisches Museum im Humboldt Forum" mit hervorragenden Beständen polynesischer Kunst

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Flussaufwärts: Die Borneo-Sammlung Hilde May" mit Ethnologica aus Indonesien im Völkerkundemuseum, Heidelberg

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Hawai'i - Königliche Inseln im Pazifik" – attraktiv anschauliche Präsentation traditioneller Kultur im Linden-Museum, Stuttgart.

 

Manche Objekte erfüllen auch sehr irdische Zwecke. Eine Ahnenfigur mit Haken vom Sepik-Fluss in Nord-Neuguinea weist unter ihrem eulenartigen Gesicht zwei starke Holzhaken auf. An ihnen befestigt man Körbe oder Netze, dann wird das Ganze an Lianen zum Dachgebälk hochgezogen – und so der Tascheninhalt vor Mäusen und anderen Schädlingen geschützt.

 

Gleichfalls gebräuchlich war der Teket-Sprecherstuhl vom Sepik, auf dem niemand sitzen durfte: Eine mannshohe Figur stellt den Clan-Ahnherrn dar. Sein Geist stärkte Redner, die neben ihm standen. Wenn sie sprachen, akzentuierten sie ihren Vortrag, indem sie mit einem Blätter-Bündel auf die Sitzfläche schlugen.

 

Besser als Agitprop-Sammelsurium

 

Man sieht: Mögen auch etliche der gezeigten Exponate sehr fremdartig wirken – im archaischen Weltbild ihrer Schöpfer und Nutzer hat jedes Element einen nachvollziehbaren Sinn. Damit leistet diese PNG-Sonderschau vorzüglich, was die vornehmste Aufgabe jedes ethnologischen Museums ist: Verständnis für außereuropäische Lebens- und Vorstellungswelten zu wecken und zu vertiefen.

 

Womit sich diese informative Präsentation wohltuend von der permanenten Ausstellung des Grassi Museums abhebt. Es hat seinen ausgefeilten, alle Kontinente einbeziehenden „Rundgang durch eine Welt“ ins Depot entsorgt und durch ein postkoloniales Agitprop-Sammelsurium ersetzt: mit Abteilungen etwa zu Frauenrechten im globalen Süden oder einer Kunstaktion, um die einst demontierte Spitze des Kilimandscharo nach Tansania zurück zu transportieren. Kein Wunder, dass die Etagen nun verwaist sind. Die Rückbesinnung auf die Tugenden der PNG-Schau wäre ein erster Schritt, um verlorenes Publikum wieder zurückzugewinnen.