
Ein blinder Fleck der Vergangenheit: Im Geschichtsbild der meisten Mitteleuropäer klafft beim Frühmittelalter ein schwarzes Loch. Die Spätantike lässt man gemeinhin mit der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers 476 n. Chr. enden. Da hatte bereits die Völkerwanderungszeit eingesetzt; sie zieht sich bis etwa 568 hin, als die Langobarden Norditalien eroberten. Mit dem Aufstieg der Karolinger-Dynastie ab Mitte des 8. Jahrhunderts kündigt sich das Hochmittelalter an. Was aber geschah zwischen diesen Eckdaten?
Info
Was bleibt? – Die Zeit der Merowinger
30.08.2025 - 03.05.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
mittwochs bis 20 Uhr
im Museum für Vor- und Frühgeschichte, Schlossplatz 6, Saarbrücken
Weitere Informationen zur Ausstellung
Täufling als Begründer Frankreichs
In Frankreich ist das anders: Dort wird Chlodwig I. (466-511) als erster französischer König und Begründer der Nation verehrt. Vor allem wegen eines Ereignisses: Um 500 ließ sich Chlodwig taufen, angeblich mit 3000 seiner Gefolgsleute; damit begann die Christianisierung des fränkischen Reichs. Dabei konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben und ging auf diese Weise ein Bündnis mit dem Papst ein.
Impressionen der Ausstellung
Genialer Feldherr erobert Gallien
Im Gegensatz zu den meisten germanischen Fürsten in Westeuropa; sie bekannten sich zur Glaubensrichtung des Arianismus, den Rom als Irrlehre verdammte, was oft zu Spannungen mit ihren katholischen Untertanen führte. Dagegen verlieh dem Monarchen, der Paris zu seiner Residenz machte, sein Pakt mit dem Papst ein Plus an Legitimität.
Und Glück auf dem Schlachtfeld: Als Militär war Chlodwig ein genialer Feldherr. Sein Vater Childerich I. (gest. 481), Sohn des sagenumwobenen Dynastie-Stammvaters Merowech, hatte als eine Art warlord mit den so genannten Salfranken nur die Region zwischen Nordost-Frankreich, Belgien und dem Niederrhein besetzt.
Bruderkriege nach Reichsteilungen
Als Chlodwig ihm nachfolgte, brachte er in weniger als 30 Jahren Gallien größtenteils unter seine Kontrolle; nur Burgund eroberten die Merowinger erst 532. Allerdings wurde bei Chlodwigs Tod das Reich nach spätrömischem Vorbild unter seinen Söhnen aufgeteilt. Die Zersplitterung in Teilreiche führte in der Folgezeit zu häufigen Bruderkriegen, was die Dynastie sehr schwächte.
Worüber man wenig Genaues weiß: Mit dem Ende von Westrom sank das kulturelle Niveau. Aus dieser Zeit gibt es kaum schriftliche Zeugnisse – und die raren überlieferten sind meist fragwürdig. Das empfand man schon seinerzeit als herben Verlust: „Wehe über unsere Tage, dass die Pflege der Wissenschaften bei uns untergegangen ist und niemand im Volke sich findet, der das, was zu unseren Zeiten geschehen ist, zu Pergament bringen könnte“, klagte Bischof Gregor von Tours (538-594). Um Abhilfe zu schaffen, verfasste er eine der bedeutendsten Chroniken der Epoche, in der er Chlodwig sehr positiv darstellte.
Sorgsam ausgesuchte Grabbeigaben
Abseits von Haupt- und Staatsaktionen wird es jedoch schnell dürftig. Auch beim materiellen Erbe: Anders als im antiken Griechenland und Rom wurde im Reich der Merowinger außer ein paar Kirchen und Klöstern fast nichts aus Stein errichtet. Profan-Bauten bestanden aus Holz, Lehm und Stroh; sie zerfielen nach wenigen Dekaden. Daher sind Gräber die wichtigsten Quellen zu dieser Ära. Genauer: Grabbeigaben, welche die Jahrhunderte überdauert haben, erlauben manche Rückschlüsse auf die Lebensweise der Bestatteten.
Aus diesem mageren Objekt-Bestand macht die Schau im Museum für Vor- und Frühgeschichte von Saarbrücken eine Tugend. Anstatt wie viele vergleichbare Archäologie-Ausstellungen komplette Gräber auszubreiten und damit die Besucher zu verwirren, beschränkt sich Museumsdirektorin Julia Linke als Kuratorin auf wenige ausgesuchte Exponate – die sie aber sehr anschaulich präsentiert und ausführlich erläutert. Dass sie ausnahmslos aus dem heutigen Saarland stammen, ist kein Manko; andernorts sehen Ausgrabungs-Funde aus jener Epoche ähnlich aus.
Halbedelstein-Import aus Sri Lanka
Als erstes springt filigraner Schmuck ins Auge, der von seinem Glanz nichts eingebüßt hat. Vermögende Frauen trugen lange Ketten aus bunten Glasperlen, Halbedelsteinen oder Bernstein. Besonders prächtig wirken Millefiori-Perlen aus verschiedenfarbigem Glas und solche, die mit Mustern wie Augen, Wellen oder Punkten verziert sind – die anspruchsvollen Handwerks-Techniken zu ihrer Herstellung wurden offenbar weiter praktiziert.
Dasselbe gilt für prunkvolle Scheibenfibeln: Sie dienten dazu, mit einer Nadel auf der Unterseite Gewänder zu schließen. Die Oberseiten wurden für diejenigen, die sich das leisten konnten, reich geschmückt. Etwa in Cloisonné-Manier: Dazu montierte der Goldschmied auf ein Edelmetall-Blech dünne Drähte und füllte die Zwischenräume mit Glasschmelz oder Halbedelsteinen auf. Diese stammten manchmal von weit her: So wurde etwa Almandin, ein roter Granat, nachweislich aus dem heutigen Sri Lanka importiert. Der antike Interkontinental-Handel war also nicht völlig zum Erliegen gekommen.
Wurmbunte Klingen + tauschierte Schnallen
In Gräbern von Männern finden sich naturgemäß vor allem Waffen; zuweilen kostspielige Stücke, die offenbar Statussymbole waren. Wie so genannte Spathen, das sind zweischneidige Langschwerter: Sie wurden aufwändig mithilfe von Damaszierung gefertigt. Dazu verdrehte der Schmied zwei oder mehr Arten von Stahl miteinander; durch diese Tordierung wurden die Klingen härter und zugleich elastischer. Nach ihrem Abschleifen sind Muster erkennbar, die an sich windende Würmer erinnern; deshalb nannte man sie damals „wurmbunt“.
Gürtelschnallen und -garnituren dienten ebenso der Selbstdarstellung, wenn sie durch Tauschierung aufgehübscht worden waren. Dafür werden in Metall kleine Vertiefungen eingeschnitten oder -gehämmert, in die man andersfarbige Drähte oder Bändern aus weicherem Metall einschlägt. Nach dem Polieren schimmern die Werkstücke mit hellen Ornamenten auf dunklem Grund – die Ausstellung zeigt raffiniert gearbeitete Exemplare aus dem 7. Jahrhundert.
Kopflos begrabenes Pferd
Hintergrund
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und hier einen Beitrag über die Schau "Der Untergang des Römischen Reiches" − hervorragende Ausstellungs-Trilogie über Auslöser seines Verfalls in drei Museen in Trier
und hier einen Artikel über die Ausstellung "CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter" an drei Orten in Paderborn.
Aber ohne seinen Kopf; der wurde separat auf eine Stange aufgespießt, um Unheil abzuwehren. Diese germanische Praxis befremdete Ende des 6. Jahrhunderts den oströmischen Historiker Agathias von Myrina: „Sie verehren irgendwelche Bäume und Flüsse, Hügel und Klüfte, und für diese schneiden sie, als wären es heilige Handlungen, Pferden und Rindern und Mengen anderer Tiere die Köpfe ab und verehren sie wie Götter.“
Islam-Niederlage 732 bei Poitiers
Solche naturreligiösen Tieropfer sollten bald der Vergangenheit angehören. Doch das folgenschwerste Ereignis der Epoche hatte ebenfalls mit Religion zu tun. Ende des 7. Jahrhunderts sanken die Merowinger zu „Schattenkönigen“ herab; die Macht ging an ihre Hausmeier über, ursprünglich nur die Verwalter ihrer Güter.
Der bedeutendste unter ihnen war Karl Martell (688-741), Begründer der Karolinger-Dynastie und Großvater von Karl dem Großen: In der Schlacht von Poitiers 732 besiegte sein Heer aus Franken und Burgundern eine Invasoren-Armee aus Arabern und Berbern. Hätten Karl Martells Truppen diese Schlacht verloren, wäre Westeuropa wohl muslimisch geworden.
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