
Marseille in den frühen 1990er Jahren: Der illegal aus Marokko nach Frankreich eingewanderte Nour (Ayoub Gretaa) lebt mit anderen sans papiers, also Personen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung, ein randständiges Leben in einem Abriss-Haus. Die Hoffnungen des Endzwanzigers auf ein besseres Leben in Europa zerschlagen sich schnell. Die Stoßrichtung der Geschichte scheint schnell klar: Nour steckt in einer Abwärtsspirale.
Info
Zwischen uns das Meer
Regie: Saïd Hamich Benlarbi,
112 Min., Frankreich/ Katar/ Marokko/ Belgien 2024;
mit: Ayoub Gretaa, Anna Mouglalis, Grégoire Colin, Omar Boulakirba
Weitere Informationen zum Film
Raï als Pulsschlag
Manche von Nours Bekannten erliegen wie er der Versuchung, mit Kleinkriminalität schnelles Geld zu verdienen; wer familiäre Verpflichtungen hat, sucht in agrarischen Knochenjobs ein weniger riskantes Auskommen. Benlarbi zeigt aber auch, wie die Gemeinschaft immer wieder zusammenfindet, um zu feiern: Flirrende Raï-Musik, ein in Algerien entstandenes Amalgam aus Volksmusik und Pop, gibt dem Film seinen Pulsschlag.
Offizieller Filmtrailer OmU
Polizist mit undurchsichtigen Motiven
Ausgerechnet eine Polizei-Razzia bringt für Nour eine Wende zum Besseren – auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Serge (Grégoire Colin), der Polizist, mit dem er es zu tun bekommt, droht ihm mit Abschiebung. Nour behauptet, aus Portugal zu stammen und lediglich seinen Pass verloren zu haben. Bei der nächsten Razzia hat er das Dokument dummerweise in der Tasche. Serge verbrennt es vor seinen Augen.
Die Lüge, mit der Nour seine prekäre Existenz absichern will, ist damit etwas glaubwürdiger geworden. Doch was der so enigmatische wie übergriffige Beamte mit dieser Aktion im Sinn hat, bleibt unklar. Wieso setzt Serge seine berufliche Existenz aufs Spiel? Will er Nour helfen, ihn abhängig machen oder einfach nur Macht demonstrieren? Es wird, wie so vieles in diesem Film, nicht ausbuchstabiert. Dem Publikum bleibt überlassen, über die Motive der Akteure Mutmaßungen anzustellen.
Dreiecksgeschichte rückt in den Focus
Als sich die Wege der beiden zwei Jahre später wieder kreuzen, ist Nour obdachlos und am Boden. Serge nimmt ihn vorübergehend auf, und Nour lernt seine unkonventionelle Familie kennen. Mit Ehefrau Noémie (Anna Mouglalis) hat der Polizist einen Sohn. Die beiden führen eine offene Beziehung; sexuell fühlt sich Serge eher zu Männern hingezogen. Trotzdem herrscht zwischen den Eheleuten eine große Verbundenheit.
Zwar interessiert sich Benlarbi, der auch das Drehbuch schrieb, auch im weiteren Handlungsverlauf für Nour und sein Umfeld, doch in den Fokus rückt nun die komplexe Dynamik dieser Dreiecksbeziehung. Als Serge plötzlich stirbt, wird aus der unterschwelligen Anziehung zwischen Nour und Noémie mehr – was vor allem in Noémies Umfeld auf Unverständnis stößt. Die Beziehung zwischen einer älteren Französin und einem jungen Migranten erweist sich als Steilvorlage für rassistische und sexistische Vorurteile.
Triptychon mit Zeitsprüngen
Benlarbi knüpft an die literarische Tradition des Bildungsromans an: Sein Film ist als Triptychon angelegt, in dem die drei Hauptfiguren jeweils ein eigenes Kapitel bekommen. Das erscheint allerdings, da der Fokus stets bei Nour bleibt, etwas überflüssig. Dramaturgisch stimmiger erscheinen die Lücken und Auslassungen, derer sich diese Coming-of-Age-Geschichte eines Erwachsenen bedient: Die Zeitsprünge sind groß genug, dass vieles einfach behauptet werden kann.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Souleymans Geschichte" – Asylbewerber-Drama eines westafrikanischen Immigranten von Boris Lojkine
und hier einen Beitrag über den Film "Klandestin" – eindrucksvoller Thriller über illegale Migration aus Marokko nach Deutschland von Angelina Maccarone mit Barbara Sukowa
und hier eine Besprechung des Films "Ich Capitano" – episches Stationen-Drama über die Flucht zweier Senegalesen nach Europa von Matteo Garrone, prämiert mit Silbernem Löwen 2023
und hier einen Beitrag über den Film "Heute bin ich Samba" – beschwingte Tragikomödie über illegale Einwanderer in Frankreich von Olivier Nakache + Eric Toledano mit Charlotte Gainsbourg + Omar Sy
und hier einen Bericht über den Film "Atlantic." über eine Windsurfer-Flucht aus Marokko nach Europa von Jan-Willem van Ewijk.
Spielraum für Identität
Ethnische, sexuelle und kulturelle Fragen der Identität spielen in dieser Geschichte durchaus eine Rolle. Doch haftet den Identitäten der Akteure wenig Deterministisches an – ein erfrischender Gegensatz zum Zeitgeist. Der Regisseur gibt seinen Figuren genug Raum, um als widersprüchliche Individuen zu agieren, nicht nur als Stellvertreter von Thesen oder Ideen. So gelingt ihm eine differenzierte, wenn auch bisweilen diffuse Annäherung an die Frage, ob Auswanderer in ihrem Exil jemals ankommen.
Vermutlich wäre seine Antwort: nein, so wie auch niemand jemals seine Herkunft ganz hinter sich lässt. Nours Kommunikation mit seiner Mutter am Telefon und später bei einem Besuch in der alten Heimat spricht da Bände. Dennoch würde es zu kurz greifen, seinen Werdegang als Prozess der Desillusionierung zu verstehen.
Mäandernde Handlung eröffnet Möglichkeiten
Vielmehr gelingt Benlarbi mit seinem Film ein empathisches Plädoyer für das Aushalten von Ambivalenz. Die mäandernde Handlung eröffnet unerwartete Möglichkeitsräume, gewinnt langsam an Tiefe und entwickelt so einen Sog, dem man gelegentliche Redundanz gerne nachsieht.
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