Venedig

61. Biennale Venedig: In Minor Keys

Buhlebezwe Siwani: Amagugu (Detail). Foto: Elke Linda Buchholz
Kunstwelt in Moll: Die Biennale der 2025 verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh sollte eine Schau der leisen Töne sein. Davon ist bei Tausenden von Werken nicht viel zu spüren – am meisten Aufsehen erregt Florentina Holzinger aus Wien mit nackten Performerinnen und Spektakeln zu allen Körperflüssigkeiten.

Einatmen. Ausatmen. Jetzt die Schultern entspannen und die Augen schließen. Dieses Achtsamkeits-Mantra gab Kuratorin Koyo Kouoh ihrem Publikum mit auf den Weg. Sie versprach, die notorisch unter Kunst-Reizüberflutung ächzende Biennale von Venedig zu entschleunigen und leiseren Tönen Raum zu geben. Momente der Poesie und Inseln der Ruhe sollten entstehen, ohne das kritische Denken zu vergessen. Ist es gelungen?

 

Info

 

61. Biennale Venedig: In Minor Keys

 

09.05.2026 - 22.11.2026

täglich außer montags

11 bis 19 Uhr

in den Giardini + Arsenale, Venedig

 

Offizielle Biennale-Website mit Künstler-Porträts

 

111 Künstlerinnen und Künstler hat die erste afrikanische Kuratorin der Biennale ausgesucht; dazu kommen 99 angekündigte Länderbeiträge. Kouohs globales Experten-Team musste schließlich tapfer alleine umsetzen, was die tragischerweise im Mai 2025 an Krebs gestorbene Vordenkerin angepeilt hatte. So startet die Biennale diesmal tatsächlich in Moll: „In Minor Keys“, so der noch von Kouoh formulierte Titel.

 

Jury trat wegen Russland + Israel zurück

 

Dunkle Wolken zogen im Vorfeld auch politisch über der Lagune auf. Es hagelte Boykottaufrufe, Protestdemos und Ausschlussforderungen. Im Streit um die erste Teilnahme Russlands seit dem Angriff auf die Ukraine 2022 und Israels Präsenz trotz des Kriegs gegen Gaza ab 2023 nahm die komplette Jury ihren Hut. Die Folge: Der Goldene Löwe soll diesmal nur als Publikumspreis vergeben werden. Das könnte man als Demokratisierung der verknöcherten Preisvergabe begrüßen, wäre es nicht hilfloser Populismus, der einer weiteren Eventisierung Vorschub leistet.

Impressionen der Ausstellung; © BiennaleChannel


 

Keiner beachtet Ukraine-Hirsch

 

Zuvor aber ein Rundgang: durch die parkartigen „Giardini“ mit den rund 30 ältesten der Länderpavillons und das „Arsenale“; in dieser einstigen Werft mit einer monumentalen, 300 Meter langen Halle bauten die Venezianer ab dem 12. Jahrhundert ihre Schiffe. Reduziert wurde die Anzahl der Kunstwerke auch diesmal nicht; sie bemisst sich nach Tausenden, vom winzigen Würfel aus seltenen Erden bis zur raumfüllenden Installation. Also: einatmen, ausatmen – und los.

 

Kaum öffnen morgens die Pforten der Giardini, kennt die wartende Kunstmeute nur eine Richtung: Österreichs Pavillon ist das Ziel, den diesmal Florentina Holzinger füllt – völlig nackt sollen ihre Performerinnen sein, heißt es. Doch heute ist das Haus geschlossen. Links liegen bleibt der Ukraine-Beitrag am Parkeingang: ein Riesen-Origami-Hirsch aus Beton, der am Kran baumelt. Zhanna Kadyrova hat ihn aus der russisch besetzten Pokrovsk geborgen.

 

Deutscher Pavillon als Plattenbau

 

Der niederländische Pavillon ist ebenfalls zu, aber aus Prinzip. Diese „Fortress“ hinter einem Stahltor versteht sich als Sinnbild für Europas Einwanderungspolitik und düstere Zukunftsaussichten. Die lichtdurchflutet-offene Architektur von Gerrit Rietfeld aus den optimistischen 1950er Jahren sei nicht mehr zeitgemäß, befand der Künstler Dries Verhoeven: Nur wenige dürfen stündlich seine Schrei-Auftritte über sich ergehen lassen.

 

Sich an der Architektur des eigenen Pavillons abzuarbeiten, hat bei den Deutschen wiederum Tradition. Seit Hans Haacke 1993 die Bodenplatten aufstemmte, hat die totalitäre Ästhetik des Kunsttempels aus der NS-Zeit viele provoziert. Jetzt trägt der Pavillon ein neues Gewand: Er kommt nun als leerstehende DDR-Plattenbausiedlung daher, mit graffitibesprühten Beton-Balkonen. Aus drei Millionen Mosaiksteinchen schuf die in Vietnam geborene Sung Tieu ihr Rundum-Fassadenbild. Ein ähnlicher Betonkoloss, in dem Tieu als Tochter von DDR-Vertragsarbeitern ihre Jugend verbrachte, wird in Berlin gerade abgerissen.

 

Dänische VR-Busen beschleunigen Spermien

 

Im Inneren bringt die aus Thüringen stammende Kuratorin Kathleen Reinhardt erstmals eine ostdeutsche Sichtweise aufs Tapet. Wie banale Möbel, gemusterte Vorhänge und eine spezielle mintgrüne Wandfarbe politisch-ideologische Bedeutung transportieren, zeigt Henrike Naumann im Inneren des Pavillons; wie Biennale-Kuratorin Kouoh starb die 42-jährige im Februar an Krebs. So wird ihre kühle, kluge Inszenierung zu ihrem Vermächtnis: In diesem Mintgrün waren viele öffentliche Gebäude im Ostblock gestrichen – etwa Kasernen, Schulen, Behörden und Krankenhäuser. Dekoriert mit allerlei Artefakten des real existierenden Sozialismus, ergibt sich ein Panorama kitschig-peinlicher Scheußlichkeiten: wie Hieroglyphen einer noch gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit.

 

Auffallend viele Länder warten dieses Jahr mit starken Beiträgen von Künstlerinnen auf, etwa Dänemark. Hier werden staunenswerte Erkenntnisse präsentiert: Bekanntlich sinkt in vielen Ländern die männliche Spermienproduktion. Dagegen lässt Künstlerin Maja Malou Lyse professionelle Porno-Darstellerinnen als Wissenschaftlerinnen der Zukunft auf Großleinwänden agieren und pralle Busen vorzeigen. Denn: Neueren Forschungen zufolge soll sich die Beweglichkeit menschlicher Spermien erheblich steigern, wenn die Probanden bei der Samenabgabe VR-Pornos schauen – was die Fortexistenz der Menschheit sichern könnte. So viel Macht über die Natur hätte man künstlichen Bildern gar nicht zugetraut!

 

Babypuppen-Betreuung in Japans Pavillon

 

Ebenfalls in Sachen Fortpflanzung engagiert sich der queere Künstler Ei Arakawa-Nash in Japans Pavillon. Er ist voller bunt gekleideter Babys, die liebevoll herumgetragen, gewickelt und betreut werden. Das sorgt allenthalben für Heiterkeit! Am Eingang vertraut einem die freundliche Hostess eine der 200 lebensechten, fünf Kilo schweren Puppen an. Mit ihr im Arm hat man plötzlich keine Hand mehr frei, um mit dem Handy zu fotografieren.

 

Kulturelle Offenheit demonstriert der Pavillon der Türkei, gepaart mit subversiven Humor: Hier breitet die Künstlerin Nilbar Güres bizarre Objekte aus weggeworfenen Textilien und Plastikmüll aus – überbordend wuchernd, ironisch und vielschichtig. Mit dem repressiven AKP-Regime muss sie sich allerdings nicht herumschlagen: Sie lebt in Wien. Apropos Österreich – lohnt sich nun der Alpenland-Pavillon oder nicht? Florentina Holzinger weiß, wie man skandalträchtige Spektakel inszeniert: Ihre Theaterinszenierungen strotzen vor Körperflüssigkeiten, Schmerz und Nacktheit, wobei ihre Darstellerinnen bis zur Selbstverstümmelung gehen. Alles als Kritik an Religion, Patriarchat und Kapitalismus deklariert.

 

Besucher füllen pinkelnd Aquarium

 

Nun also hier: Zu jeder vollen Stunde läutet eine nackte Performerin kopfüber in einer mannshohen Glocke als lebender Klöppel das Spektakel „Seaworld Venice“ ein. Ist es Holzinger selbst? Ja, sie tut mit. Drinnen regieren ungebremst die Instinkte der Schaulust. Mal hierhin, mal dorthin flutet die Menge, als habe man noch nie eine nackte Frau gesehen. Lautes Kreischen, wenn Holzinger auf PS-starkem Jet-Ski mit aufheulendem Motor durch den gefluteten Pavillonraum im Kreis rast, bis das Wasser überschwappt. Der Ekelfaktor lässt sich steigern: Jeder darf in Mobil-Toiletten pinkelnd mithelfen, ein Riesenaquarium zu befüllen, in dem eine untergetauchte Performerin stundenlang ausharrt und nur übers Mundstück Atemluft bekommt. Holzingers Wasserzirkus treibt die Sensationslust im Kunstbetrieb auf die Spitze.

 

Dabei liegt das Thema Wasser in der Lagunenstadt buchstäblich nahe; auch andere Länderbeiträge greifen es auf. Im polnischen Pavillon darf man auf wellenförmigen Steinbänken unter einer Großprojektion liegend eintauchen: Ein Chor aus Gehörlosen und Hörenden geht unter Wasser, stimmt Walgesänge und Gedichte an. Dabei wird klar: Unter Wasser ist im Vorteil, wer Gebärdensprache beherrscht, während Hörende nur noch blubbern. Ein starker Beitrag!

 

Tönernes Bestiarium in Hauptausstellung

 

Doch das eigentliche Zentrum jeder Biennale ist die internationale Hauptausstellung nach Vorgaben von Koyo Kouoh. Sie steht ganz im Zeichen des globalen Südens, wie schon vor zwei Jahren. Ein Drittel der Teilnehmer kommt aus Afrika, verstärkt durch viele afroamerikanische und indigene Beiträge. Europa und USA haben das Nachsehen. Aber eigentlich ist das gerecht – als Ausgleich für die Giardini-Pavillons in denen wie eh und je die ‚alten‘ Kulturnationen des Westens dominieren. So wie in der Wirtschaftswelt auch – noch.

 

Der Parcours beginnt mit animalischen Begegnungen: Tönerne Gürteltiere, Schlangen und Raubkatzen starren den Eintretenden entgegen. Damit ist der Perspektivwechsel zugunsten von Tieren und Pflanzen vorgegeben. Da wuchern gemalte Urwaldranken, ganze Mini-Wälder wurden aus Ton geknetet und schattenhafte Blattwerk-Geister auf Papier gehaucht. Oft schwingen spirituelle Aspekte mit, oder traditionelle Handwerkskünste kommen zum Zug; etwa bei zarten, aber riesigen Fisch-Holzschnitten auf Japan-Papier von Alexa Kumiko Hatanaka, oder bei der in Miniaturmalerei ausgebildeten Wardha Shabbir aus Pakistan, die ihre Gartengespinste in abstrakte Strukturen fügt.

 

Romantik-Rosen als Global-Geschäft

 

Allerdings nerven die überall wabernden Ethno-Lounge-Sounds, die viele Arbeiten begleiten: Sie wirken weder poetisch, noch entspannend. Von Göttern und Geistern erzählt der aus Haiti stammende Edouard Duval-Carrié, der ein ganzes Pantheon aus bronzenen und gemalten Schutzgöttern aufbaut. Seine Göttin Ezili posiert zwischen US-Marines; ähnlich sind viele ihrer Landsleute im Exil gelandet.

 

Im Arsenale halten naiv gestickte Muttergottheiten Hof: Die Sonnengöttin von Tabita Rezaire gebiert die blaugrüne Weltkugel zwischen ihren geöffneten Beinen. Ob ihr Beistand hilft, die Welt zu retten? Der folgende Saal kehrt zurück ins Reale: In fünf Video-Kanälen dokumentiert Éric Baudelaire, wie Millionen Rosen aus Afrika in einer niederländischen Industriehalle in Plastik verpackt und per Computerklick weltweit verkauft werden. Auch florale Romantik ist globalisiert.

 

Einäugiges Riesen-Insekt aus Puerto Rico

 

Zudem finden sich viele feministische Statements aus allen Teilen der Welt. Eines der humorvollsten liefert die 1923 geborene Grafik-Altmeisterin Leonilda Gonzáles aus Uruguay; ihre zornigen Bräute wurden in den 1970er Jahren wurden auch als politischer Protest gegen die Militärdiktatur aufgefasst. Ebenso häufig ist figürliche Malerei aus Afrika zu sehen. Oft in Riesen-Formaten und mit neosurrealen Bildwelten, die spirituelle und realistische Ansätze verschmelzen. Für heilende Impulse in einer aus den Fugen geratenen Welt, wie bei den gewaltigen Thronsitzen von Guadalupe Maravilla aus El Salvador: Seine aus Alltagsmaterialien gebastelten „Desease Thrower“ sollen Böses abwehren. Ihre irrwitzige, kreative Erscheinung ist jedenfalls unbestreitbar.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "60. Biennale Venedig: Foreigners Everywhere"  – Internationale Kunstausstellung in Venedig

 

und hier eine Besprechung der "59. Biennale Venedig: The Milk of Dreams" mit einer umfassenden Würdigung und Rehabilitation des Surrealismus

 

und hier einen Bericht über die "55. Biennale Venedig" – Internationale Kunstausstellung in Venedig.

 

Gleichfalls eindrucksvoll: Daniel Lind-Ramos aus Puerto Rico steuert ein grün schillerndes Riesen-Insekt bei. Sein enormes Einzel-Auge fixiert den Betrachter mit hypnotischem Blick. Mitten hinein montiert in diese semiabstrakte Schrott-Assemblage ist ein quietschgrünes Plastikkanu – ein Fluchtfahrzeug zum Entkommen aus Unterdrückung. Auf diese Weise flohen schon Sklaven von Plantagen auf der Insel; jetzt ist das Gefährt ein Requisit für eine Phantasiereise in unsichere Gewässer.

 

Leise Töne gehen unter

 

Auf dieser öko-spirituell verwurzelten Biennale voller Werke aus Naturwerkstoffen fehlen jedoch weitgehend neuere, technische Medien. Wer KI-generierte Bildwelten sucht, muss außerhalb von Giardini und Arsenale suchen. Dabei hat das technikaffine Taiwan die Nase vorn: Im Palazzo delle Prigioni, einem ehemaligen Renaissance-Gefängnis, jagt eine Arbeit von Li Yi-Fan Gruselschauer über die Haut. Seine Videoinstallation lässt den Körper des jungen Künstlers als virtuelle Marionette zweifeln und leiden: ein fieses Spiel sich spiegelnder Realitäten.

 

Offen bleibt, wer in dieser digitalisierten Welt des schwarzen Humors wen beherrscht. Vielleicht wird die nächste Biennale Aspekten wie KI wieder mehr Raum geben. Wobei: Trotz aller Vielfalt ist Kuratorin Kouoh postum in einer Hinsicht gescheitert: Wer Entspannung und Entschleunigung sucht, ist in dieser Biennale fehl am Platz. Die leisen Töne gehen unter. Da bleibt nur Eigeninitiative: einatmen, ausatmen. Und die Augen schließen. Das sollte ja wohl möglich sein.