László Nemes

Andor Hirsch

Der jüdische Junge Andor (Bojtorján Barabas) wächst allein mit seiner Mutter auf. Foto: MUBI
(Kinostart:14.5.) Eine Gesellschaft in Agonie: Regisseur László Nemes folgt seinem jungen Helden 1957 durch Budapest – ein Jahr nach dem gescheiterten antisowjetischen Volksaufstand. Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte, wirkt seine radikal subjektive Erzählweise jedoch nur teilweise überzeugend.

Der ungarische Regisseur László Nemes versucht in seinen Filmen, die Wirren des 20. Jahrhunderts persönlich erlebbar zu machen. In seinem Spielfilm-Debüt „Son Of Saul“ (2025) folgte die Kamera einem Häftling in Auschwitz, der in den Gaskammern Zwangsarbeit leistet und so sein eigenes Überleben sichert. Sein zweiter Film „Sunset“ (2018) führte nach Budapest in eine von Misstrauen und Paranoia vergiftete Gesellschaft vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

 

Info

 

Andor Hirsch

 

Regie: László Nemes,

133 Min., Ungarn/ Großbritannien 2025;

mit: Bojtorján Barabas, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der ungarischen Hauptstadt bleibt er in seinem dritten Spielfilm treu; zeitlich springt er gut 40 Jahre vorwärts ins Jahr 1957. Der gescheiterte ungarische Volksaufstand gegen das kommunistische Regime im Herbst 1956 liegt erst ein paar Monate zurück. In der Welt des zwölfjährigen Andor Hirsch (Bojtorján Barabas) sind jedoch andere Dinge wichtig. Der jüdische Junge hat das Kriegsende in einem Waisenhaus verbracht; seit neun Jahren lebt er wieder bei seiner jungen Mutter Klara (Andrea Waskovics).

 

Angeblicher Erzeuger taucht auf

 

Klara arbeitet in einem Lebensmittelladen. Wenn Andor ihr dabei zur Hand geht, erzählt sie ihm gern phantasievolle, idealisierende Geschichten über seinen verschollenen Vater. Ein herber Kontrast zu dem vierschrötigen Mann, der eines Tages auftaucht und behauptet, Andors wahrer Erzeuger zu sein! Der Junge sieht nun alle seine Gewissheiten auf den Kopf gestellt: Mit diesem brutalen Fleischer vom Dorf namens Berend (Grégory Gadebois) will er nichts gemein haben.

Offizieller Filmtrailer


 

Perspektive kindlicher Naivität

 

Regisseur László Nemes versucht in seinen Filmen stets, eine persönliche Verbindung zwischen Publikum und Protagonisten herzustellen, um das Unfassbare quasi immersiv fassbar zu machen. In diesem Fall hat er selbst einen biografischen Bezug zur Hauptperson: Die Handlung basiert auf den Erlebnissen seines Vaters im Budapest der 1950er Jahre. 

 

Folgerichtig nimmt der Film die Perspektive des Jungen ein, der seine Umgebung noch mit leicht kindlicher Naivität betrachtet. Dass er ein viel innere Wut mit sich herumträgt, zeigt sich, wenn diese sich in gelegentlichen Prügeleien entlädt. Oft streift Andor ziellos mit seiner etwa gleichaltrigen, ebenfalls jüdischen Freundin durch die noch von Kriegszerstörungen gezeichneten Straßen. Seine Mutter verhält sich ihnen gegenüber eher wie eine große Schwester. 

 

Heizkessel als Ersatzvater

 

Sie lebt auf, wenn sie sich an ihr Vorkriegsleben erinnert, von dem nur wenige Dinge übrig sind, etwa ein Foto. Andor genießt diese nostalgischen Anwandlungen. Vor allem aber sehnt er sich nach seinem verschollenen Vater, einer inzwischen für ihn fast mythischen Figur. Als Ersatz dafür dient ihm ein riesiger Heizungskessel im Keller, mit dem er fast täglich spricht. Dem Kessel erzählt er auch von seinem angeblichen Erzeuger; ansonsten hört niemand dem verschlossenen Jungen zu. 

 

Während des Krieges hat der bullige Berend Andors Mutter versteckt und ihre Zwangslage offenbar ausgenutzt. Nun drängt er sich vehement in ihr beider Leben.Warum er das tut, wird nie ganz klar, und ebenso wenig, warum sich Klara kaum dagegen wehrt. Die Erzählung nimmt konsequent Andors Perspektive ein, der vieles noch nicht einordnen kann. Er ist entschlossen, diesen Berend wieder loszuwerden, und will dafür sogar eine zufällig gefundene Pistole benutzen.

 

Ausgangssperre + Sprachlosigkeit

 

In langen Kamerafahrten verfolgt der Film seine Wege durch die Stadt, in der eine klaustrophobische Enge zu herrschen scheint – von der einstigen Pracht ist wenig übrig. Im graubraunen Einerlei bilden Luftballons oder Plakate mit Aufrufen zum bevorstehenden 1.-Mai-Feiertag die einzigen Farbkleckse. Nach dem Aufstand ist eine nächtliche Ausgangssperre verhängt worden; überall patrouillieren Soldaten, beobachten die Passanten und verbreiten Angst.

 

Andor beobachtet eine Gesellschaft in Agonie, in der er mit seiner herausfordernden Haltung aneckt. Man hat nach den Schrecken des Weltkriegs und der Besatzung durch deutsche Truppen einfach weitergemacht und bleibt angesichts der Sowjetisierung in der Nachkriegszeit sprachlos – so wie Andors Mutter. Vor allem dies will Nemes wohl schildern; am Beispiel einer von seiner eigenen Familie inspirierten Geschichte.

 

Eintauchen in eine Zeit des Umbruchs

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Sunset" – Geschichts-Parabel über Vorkriegs-Ungarn von László Nemes

 

und hier eine Besprechung des Films "Eine Erklärung für Alles" – präzises Gesellschaftsporträt Ungarns von Gábor Reisz

 

und hier einen Beitrag über den Film "Jupiter's Moon" – visuell brillante, inhaltlich etwas unausgegorene Erlöser-Parabel aus Ungarn von Kornél Mundruczó.

 

Der abwesende Vater lässt sich als Symbol für das untergegangene Vorkriegs-Ungarn interpretieren, während der brutale Eindringling für das neue, kommunistische System unter sowjetischer Kontrolle steht. Die radikal subjektive Perspektive, die vor allem in Nemes‘ Debütfilm „Son of Saul“ noch beeindruckend und verstörend wirkte, überzeugt in „Andor Hirsch“ jedoch nur partiell.

 

Oft bleibt die Erzählung skizzenhaft. An anderer Stelle wird sie zu brachial, etwa wenn Andor in Berends Haus einbricht und dort herumschnüffelt. Für das beabsichtigte Eintauchen in eine Zeit des Umbruchs ist die Perspektive eines Zwölfjährigen vielleicht nicht der ideale Ansatz, zumal es dem größtenteils aggressiv agierenden jungen Darsteller an Nuancen fehlt.

 

Universale Geschichte in bleierner Atmosphäre

 

Gelungen wirkt aber die bleierne Atmosphäre der Stadt; verstärkt durch trübe Farben und gedämpfte Geräusche, die sämtliche Emotionen zu ersticken scheinen. Ein plastisches Bild für den Eindruck einer schwer traumatisierten Gesellschaft, deren Wunden noch lange nicht verheilt sind – und in der ein Junge um die eigene Identität ringt.