Lana Daher

Do You Love Me

Strandleben neben Hotel-Trümmern: Eine Sonnenanbeterin raucht eine Wasserpfeife, 2015; Foto © Patrick Baz
(Kinostart: 7.5.) Liebeserklärung an eine Trümmer-Hauptstadt: Wie kaum eine andere Kapitale erlebt Beirut ständig Wechselbäder von Zerstörung und Wiederaufbau. Aus fast 200 Bild-Quellen kompiliert die libanesische Filmemacherin Lana Daher eine Chronik der letzten 50 Jahre – zwischen Trauerarbeit und Lebenslust.

Schon der Vorspann beschert Schwindelgefühle: Er beginnt mit einer Auflistung der Verheerungen, die der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2006 mit sich brachte. Stakkatoartig folgen die Eckdaten von weiteren Konflikten, allen voran der libanesische Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Dabei wird keine Schrifttafel lange genug eingeblendet, um lesbar zu sein.

 

Info

 

Do You Love Me

 

Regie: Lana Daher,

76 Min., Libanon/ Frankreich/ Deutschland/ Katar 2026;

 

Weitere Informationen zum Film

 

Auf den hektischen Prolog folgt ein wilder Ritt: eine teils atemlose, teils elegische Film-Collage verschiedener Facetten des Alltags in Beirut, der krisengebeutelten libanesischen Hauptstadt. Was die Filmemacherin Lana Daher zu diesem Mammutprojekt motivierte, teilt sie ebenfalls im Prolog mit: Selbst im Schulunterricht werde die Geschichte des Libanons in den letzten 50 Jahren totgeschwiegen.

 

In Elternhaus-Trümmern filmen

 

Bildwelten, von denen sie Ausschnitte in ihrem Debütfilm zusammenträgt, seien das einzige kollektive Gedächtnis des Landes, betont Daher. Kurz darauf folgt ein prägnantes Beispiel für diese These: Die Filmemacherin Jocelyne Saab steht in „Beyrouth, ma ville“ („Beirut, meine Stadt“, 1982) – diese Doku ist der letzte Teil einer Trilogie – zwischen zerbröckeltem Gemäuer und zeigt damit, was während der Belagerung von West-Beirut durch die israelische Armee nach einem Bombenangriff vom 150 Jahre alten Haus ihrer großbürgerlichen Familie übrig ist.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Florierende Filmindustrie bis Bürgerkrieg

 

Daher verwebt sehr unterschiedliches Archivmaterial aus 70 Jahren zu einem dichten Strom der Assoziationen. Neben Dokumentarfilmen, Nachrichtenbildern, privaten Fotos und Videofilmen greift sie dabei auf Spielfilme zurück – nicht zuletzt auf Genre-Filme. Bis zum Bürgerkrieg besaß das Land eine florierende Filmindustrie; noch heute gilt das libanesische Kino, trotz widriger Produktions-Bedingungen, neben dem ägyptischen als das wichtigste der arabischsprachigen Welt.

 

Ausgangspunkt ihres Films war eine Recherche über das Verhältnis von Musik und Krieg, erklärte die Regisseur unlängst beim Arabischen Filmfestival „Alfilm“ in Berlin. Musik spielt auch in diesem Film eine tragende Rolle. Der abwechslungsreiche Soundtrack – Traditionelles steht neben Pop und Rap – sorgt dafür, dass die Bilder-Collage nicht zerfasert.

 

Eine Gewalt-Welle nach der anderen

 

Rhythmen und Melodien fangen die visuellen Motivketten und Match Cuts geschmeidig ein; bei letzteren werden unterschiedliche Szenen aneinander geschnitten, die optische Parallelen aufweisen. Die Tonspur setzt auch einen Kontrapunkt zu tristen Bildern, etwa beim titelgebenden Stück „Do You Love Me“ der Bendaly Family. Der Song von 1978 beginnt wehmütig, wird dann aber zum munteren Mitsing-Schlager, der orientalische Rhythmen mit westlichen Pop verbindet.

 

Krieg und Gewalt ziehen sich durch den Film wie Wellen, die sich immer wieder aus Neue auftürmen. So allgegenwärtig wie die Trümmerlandschaften sind Spekulanten und Investoren, die am Wiederaufbau mitverdienen wollen. Dazwischen Alltägliches: einkaufen, tanzen, feiern. Und immer wieder der sehnsuchtsvolle Blick übers Mittelmeer, das mal bleigrau wirkt, dann wieder tiefblau glitzert.

 

40-stöckiger Rohbau als Mahnmal

 

Auf einen Off-Kommentar, der die subjektive, bisweilen etwas konfuse Collage erläutern könnte, hat Daher verzichtet; ebenso auf Einblendungen der fast 200 Bild-Quellen. Diese werden erst im Abspann und auf der Website zum Film aufgelistet; alphabetisch, nicht chronologisch. Die Bilder sollen offenbar für sich sprechen – oder auch nicht. Schließlich ist schon im Prolog zu lesen: “Desorientierung ist Teil der Reise. Willkommen im Libanon.“

 

Hintergrund

 

Link zur vollständigen Liste der Bildquellen von "Do you love me"

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Kash Kash" – Doku über Taubenzüchter in Beirut von Lea Najjar

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Beirut and the Golden Sixties: A Manifesto of Fragility" – großartiger Epochenüberblick über den Libanon in den 1960er Jahren im Martin Gropius Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film "Capernaum – Stadt der Hoffnung" – berührendes Porträt von Kindern im Beiruter Armenviertel von Nadine Labaki.

 

Immerhin: Mit Google lässt sich leicht herausfinden, in welchem Kontext der libanesische, in Berlin lebende Schauspieler und Regisseur Rabih Mroué seiner französischen Kollegin Catherine Deneuve die Geschichte des „Murr Towers“ erklärt, einem 40-stöckigen Rohbau mitten in Beirut. Die Szene ist Teil von „Je veux voir“ („Ich möchte es sehen“), einem dokufiktionalen road movie von 2008; darin erzählt Mroué seinem Gast, dass der Bürgerkrieg ab 1975 die Fertigstellung verhindert habe. Doch das Hochhaus wurde weder abgerissen noch vollendet, sondern gilt inzwischen als Mahnmal.

 

Armuts-Pornographie hilft keinem

 

Auf diese Form der Erinnerungskultur antwortet später ein Mann, indem er aus dem Off beklagt, dass sich eine Art Katastrophen-Tourismus entwickelt habe: Besucher des Landes würden sich allzu oft für die Spuren der Konflikte interessieren. Das sei Armuts-Pornographie, die niemandem helfe; keiner brauche zerstörte Gebäude, um die Sinnlosigkeit von Kriegen zu verstehen. Leider bleibt unklar, wer da spricht.

 

Letztlich kreist Dahers Erkundung der Mentalität der Bewohner dieser gebeutelten Stadt auch um die Frage, worauf sich eine nationale Identität des Libanons gründen könnte – eines Landes, dass entlang konfessioneller Grenzen tief zerrissen ist. Es überrascht nicht, dass die Regisseurin einer Antwort kaum näher kommt. Wobei für ein Publikum mit wenig Vorwissen manches beliebig wirken dürfe – aber zugleich anregend genug, um mithilfe der Quellen-Liste zum Film selbst weiter zu recherchieren.