
Ein Land, zwei Systeme, drei Filme: In seiner „Kairo-Trilogie“ reflektiert Regisseur Tarik Saleh, gebürtiger Schwede ägyptischer Abstammung, die Veränderung Ägyptens in den letzten 15 Jahren. Allerdings nur an der Oberfläche – dass die eigentlichen Verhältnisse unverändert heillos geblieben sind, ist die bittere Pointe seiner Filmreihe.
Info
Eagles of the Republic
Regie: Tarik Saleh,
129 Min., Schweden/ Frankreich/ Dänemark/ Deutschland 2025;
mit: Fares Fares, Amr Waked, Lyna Khoudri, Zineb Triki
Weitere Informationen zum Film
Zwischen Imamen + Geheimdienst
Bei „Die Kairo Verschwörung“ (2022) kam das religiöse Establishment zum Zug – passend zum Doppelsieg der Muslimbrüder 2012 bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. In den Machtkämpfen um die Besetzung eines neuen Leiters für die Al-Azhar-Universität, die höchste Autorität in Glaubensfragen, gerät ein Student zwischen die Fronten. Als Geheimdienst-Informant wider Willen zieht er seinen Kopf aus der Schlinge, findet sich aber zum Schluss desillusioniert in seinem Heimatdorf wieder – am Ende einer brillant vielschichten Parabel über die realen Ereignisse.
Offizieller Filmtrailer
Pharao des ägyptischen Kinos darf alles
Denn nach gewalttätigen Protesten gegen die Islamisten an der Macht putschte 2013 das ägyptische Militär und setzt Präsident Mohammed Mursi ab. Zu dessen Nachfolger ließ sich 2014 General Abdel Fatah as-Sisi wählen, der seither mit eiserner Faust herrscht. Unter seinem Regime spielt „Eagles of the Republic“ ohne jede Bemäntelung: Während im Vorgänger-Film Porträt-Plakate von ihm nur kurz zu sehen waren, taucht er nun alle paar Minuten auf. Regisseur Tarik Saleh hat Einreiseverbot in Ägypten und offenbar keinen Anlass, irgendetwas zu kaschieren.
Seine Trilogie wird auch durch personelle Kontinuität zusammengehalten: Wie schon 2017 und 2022 übernimmt abermals der schwedisch-libanesische Schauspieler Fares Fares die Hauptrolle. Diesmal mimt er George Fahmy, den Mega-Star der lokalen Filmindustrie. Der koptische „Pharao des ägyptischen Kinos“ darf auf der Leinwand alles, was sittenstrengen sunnitischen Zuschauern untersagt ist: Alkohol trinken, leicht bekleidete Frauen um den Finger wickeln und ausgiebig küssen. Weil ihn die Massen verehren, hält er sich für unantastbar. Von seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn lebt er getrennt, in der Öffentlichkeit tritt er mit seiner jungen Geliebten Donya (Lyna Khoudri) auf.
Affäre mit Minister-Gattin
Bis jemand im Staatsapparat auf die Idee kommt, Fahmy sei der ideale Hauptdarsteller für eine Propaganda-Schmonzette über den Aufstieg von as-Sisi zur Staatsspitze. Erst lehnt Fahmy ab, dann muss er sich fügen und macht widerwillig mit. Als überzeugter Opportunist sucht er nun die Nähe zu Uniformträgern. Bei einem Diner im Haus der Verteidigungsministers, der nur „El Ghul“ genannt wird, findet dessen weltläufige Gattin Suzanne (Zineb Triki) Gefallen an Fahmy – und beginnt eine Affäre mit ihm.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Kairo Verschwörung" – brillanter Intrigen-Thriller an der islamischen Al-Azhar-Universität von Tarik Saleh
und hier ein Interview mit Regisseur Tarik Saleh über "Die Kairo-Verschwörung"
und hier eine Besprechung des Films "Die Nile Hilton Affäre" – eindrucksvoller Neo-Noir-Krimi von Tarik Saleh
und hier einen Beitrag über den Film "In den letzten Tagen der Stadt – In the Last Days of the City" – komplexes Porträt von Kairo und seiner Bewohner von Tamer El Said
und hier einen Bericht über den Film "Nach der Revolution – After the Battle" – facettenreiches Polit-Drama über den "Arabischen Frühling" in Ägypten und seine Folgen von Yousry Nasrallah.
Diktatur = Gewalt + Wirtschaft
Wie es eben in einer Militärdiktatur zugeht, die fest im Sattel sitzt; diese Nähe zum tatsächlichen Stand der Dinge ist sowohl die Stärke wie die Schwäche des Films. Im Unterschied zu beiden Vorgängern fehlen der Handlung die überraschenden Wendungen eines gelungenen whodunnit; dass die Macht aus den Gewehrläufen kommt, steht jederzeit fest. Nicht ob die Hauptfigur klein beigeben muss, bleibt fraglich, sondern nur wann – und wie weit seine Selbstverleugnung gehen wird.
Andererseits führt Regisseur Saleh drastisch deutlich eine Regierungsform vor, die es in vielen Ländern gibt: eine Militärdiktatur, die ohne Ideologie auskommt, sondern sich nur auf Gewalt und ihr eigenes Wirtschaftsimperium stützt. In Ägypten sollen die Streitkräfte mehr als ein Drittel der nationalen Ökonomie kontrollieren. Ähnlich sieht es in Algerien, Pakistan oder Iran aus; dort könnten die Revolutionsgarden in absehbarer Zeit die Mullahs beseite schieben und die gesamte Macht an sich reißen, spekulieren Beobachter.
Machtmonopol ohne Legitimität
All das wird nur mit der Behauptung gerechtfertigt, Ruhe und Stabilität zu bewahren: „Adler der Republik“ nennen sich im Film die ägyptischen Offiziere schulterklopfend. Ein Autoritarismus, der sich für stark genug hält, um ohne Legitimität auszukommen; das factum brutum des Machtmonopols reicht ihm. Allein schon, solch eine Junta aus der Nähe beobachten zu können, lohnt das Ansehen des Films. Aber die hiesige Öffentlichkeit beschäftigt sich ja lieber unermüdlich mit Ägyptens östlichem Nachbarn.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.