Tarik Saleh

Eagles of the Republic

Überlebensgroß: Kinostar George (Fares Fares) leistet sich auf der Leinwand, was gewöhnlichen Ägyptern nie gestattet wäre. Foto: Copyright Yirgit Eken
(Kinostart: 21.5.) Die Macht kommt aus den Gewehrläufen: Im letzten Teil seiner Kairo-Trilogie lässt Regisseur Tarik Saleh einen Schauspiel-Star ins Räderwerk der ägyptischen Militärdiktatur geraten. Wie diese Medien-Kontrolle und Gewalt kombiniert, wird drastisch deutlich – eine Höllenfahrt ohne Ideologie.

Ein Land, zwei Systeme, drei Filme: In seiner „Kairo-Trilogie“ reflektiert Regisseur Tarik Saleh, gebürtiger Schwede ägyptischer Abstammung, die Veränderung Ägyptens in den letzten 15 Jahren. Allerdings nur an der Oberfläche – dass die eigentlichen Verhältnisse unverändert heillos geblieben sind, ist die bittere Pointe seiner Filmreihe.

 

Info

 

Eagles of the Republic

 

Regie: Tarik Saleh,

129 Min., Schweden/ Frankreich/ Dänemark/ Deutschland 2025;

mit: Fares Fares, Amr Waked, Lyna Khoudri, Zineb Triki

 

Weitere Informationen zum Film

 

„Die Nile Hilton Affäre“ (2017) erscheint als zynischer Krimi über allgegenwärtige Korruption. Zwar vor dem Hintergrund der Großdemonstrationen 2011, die Militärdiktator Hosni Mubarak zu Fall brachten, aber letztlich spielt der düstere neo noir in der Zivilgesellschaft. Die Tatverdächtigen des Mordes an einer Sängerin, den ein mürrischer Kommissar aufklären soll, stellen durch ihre Verbindungen zur Machtelite den Ermittler kalt: friends in high places als entscheidender, aber im Grunde unpolitischer Faktor.

 

Zwischen Imamen + Geheimdienst

 

Bei „Die Kairo Verschwörung“ (2022) kam das religiöse Establishment zum Zug – passend zum Doppelsieg der Muslimbrüder 2012 bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. In den Machtkämpfen um die Besetzung eines neuen Leiters für die Al-Azhar-Universität, die höchste Autorität in Glaubensfragen, gerät ein Student zwischen die Fronten. Als Geheimdienst-Informant wider Willen zieht er seinen Kopf aus der Schlinge, findet sich aber zum Schluss desillusioniert in seinem Heimatdorf wieder – am Ende einer brillant vielschichten Parabel über die realen Ereignisse.

Offizieller Filmtrailer


 

Pharao des ägyptischen Kinos darf alles

 

Denn nach gewalttätigen Protesten gegen die Islamisten an der Macht putschte 2013 das ägyptische Militär und setzt Präsident Mohammed Mursi ab. Zu dessen Nachfolger ließ sich 2014 General Abdel Fatah as-Sisi wählen, der seither mit eiserner Faust herrscht. Unter seinem Regime spielt „Eagles of the Republic“ ohne jede Bemäntelung: Während im Vorgänger-Film Porträt-Plakate von ihm nur kurz zu sehen waren, taucht er nun alle paar Minuten auf. Regisseur Tarik Saleh hat Einreiseverbot in Ägypten und offenbar keinen Anlass, irgendetwas zu kaschieren.

 

Seine Trilogie wird auch durch personelle Kontinuität zusammengehalten: Wie schon 2017 und 2022 übernimmt abermals der schwedisch-libanesische Schauspieler Fares Fares die Hauptrolle. Diesmal mimt er George Fahmy, den Mega-Star der lokalen Filmindustrie. Der koptische „Pharao des ägyptischen Kinos“ darf auf der Leinwand alles, was sittenstrengen sunnitischen Zuschauern untersagt ist: Alkohol trinken, leicht bekleidete Frauen um den Finger wickeln und ausgiebig küssen. Weil ihn die Massen verehren, hält er sich für unantastbar. Von seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn lebt er getrennt, in der Öffentlichkeit tritt er mit seiner jungen Geliebten Donya (Lyna Khoudri) auf.

 

Affäre mit Minister-Gattin

 

Bis jemand im Staatsapparat auf die Idee kommt, Fahmy sei der ideale Hauptdarsteller für eine Propaganda-Schmonzette über den Aufstieg von as-Sisi zur Staatsspitze. Erst lehnt Fahmy ab, dann muss er sich fügen und macht widerwillig mit. Als überzeugter Opportunist sucht er nun die Nähe zu Uniformträgern. Bei einem Diner im Haus der Verteidigungsministers, der nur „El Ghul“ genannt wird, findet dessen weltläufige Gattin Suzanne (Zineb Triki) Gefallen an Fahmy – und beginnt eine Affäre mit ihm.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Kairo Verschwörung" – brillanter Intrigen-Thriller an der islamischen Al-Azhar-Universität von Tarik Saleh

 

und hier ein Interview mit Regisseur Tarik Saleh über "Die Kairo-Verschwörung"

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Nile Hilton Affäre"  – eindrucksvoller Neo-Noir-Krimi von Tarik Saleh

 

und hier einen Beitrag über den Film "In den letzten Tagen der Stadt – In the Last Days of the City" – komplexes Porträt von Kairo und seiner Bewohner von Tamer El Said

 

und hier einen Bericht über den Film "Nach der Revolution – After the Battle" – facettenreiches Polit-Drama über den "Arabischen Frühling" in Ägypten und seine Folgen von Yousry Nasrallah.

 

Dadurch wird Fahmy erpressbar, was Dr. Mansour (Amr Waked) ausnutzt. Die graue Eminenz der Präsidialverwaltung sorgt stets für das perfekte Erscheinungsbild des Regimes; so verpflichtet er den Schauspieler, bei einer Militärparade eine Huldigung an as-Sisi vorzutragen. Dabei geht etwas schief, die Dinge überschlagen sich – und dennoch behält Mansour für seinen Dienstherrn alle Zügel in der Hand.

 

Diktatur = Gewalt + Wirtschaft

 

Wie es eben in einer Militärdiktatur zugeht, die fest im Sattel sitzt; diese Nähe zum tatsächlichen Stand der Dinge ist sowohl die Stärke wie die Schwäche des Films. Im Unterschied zu beiden Vorgängern fehlen der Handlung die überraschenden Wendungen eines gelungenen whodunnit; dass die Macht aus den Gewehrläufen kommt, steht jederzeit fest. Nicht ob die Hauptfigur klein beigeben muss, bleibt fraglich, sondern nur wann – und wie weit seine Selbstverleugnung gehen wird.

 

Andererseits führt Regisseur Saleh drastisch deutlich eine Regierungsform vor, die es in vielen Ländern gibt: eine Militärdiktatur, die ohne Ideologie auskommt, sondern sich nur auf Gewalt und ihr eigenes Wirtschaftsimperium stützt. In Ägypten sollen die Streitkräfte mehr als ein Drittel der nationalen Ökonomie kontrollieren. Ähnlich sieht es in Algerien, Pakistan oder Iran aus; dort könnten die Revolutionsgarden in absehbarer Zeit die Mullahs beseite schieben und die gesamte Macht an sich reißen, spekulieren Beobachter.

 

Machtmonopol ohne Legitimität

 

All das wird nur mit der Behauptung gerechtfertigt, Ruhe und Stabilität zu bewahren: „Adler der Republik“ nennen sich im Film die ägyptischen Offiziere schulterklopfend. Ein Autoritarismus, der sich für stark genug hält, um ohne Legitimität auszukommen; das factum brutum des Machtmonopols reicht ihm. Allein schon, solch eine Junta aus der Nähe beobachten zu können, lohnt das Ansehen des Films. Aber die hiesige Öffentlichkeit beschäftigt sich ja lieber unermüdlich mit Ägyptens östlichem Nachbarn.