Andrea Segre

Enrico Berlinguer – La Grande Ambizione

Auf der "Festa dell’Unità" 1975 in Florenz proklamiert Enrico Berlinguer (Elio Germano) vor einer halben Million Menschen die Absicht, den PCI in die Regierung des Landes zu führen. Foto: © Arsenal Filmverleih
(Kinostart: 14.5.) Vor 50 Jahren war Eurokommunismus eine Verheißung und Berlinguer ihr Prophet: Der unorthodoxe PCI-Chef wurde international geachtet. Seine Strategie historischer Kompromisse mit bürgerlichen Parteien zeichnet Regisseur Andrea Segre kleinteilig nach – mit charismatischem Hauptdarsteller.

Eurokommunismus – was heutzutage wie ein Widerspruch in sich klingt, galt in den 1970er Jahren als zukunftsweisendes linkes Projekt: das Streben, den Sozialismus im Rahmen liberaler und pluralistischer Demokratien zu erreichen. Also nicht als sowjetisch gesteuerte „Diktatur des Proletariats“, bemäntelt als „proletarischer Internationalismus“, sondern als solidarische Gesellschaftsordnung, die Marktwirtschaft teilweise und individuelle Freiheiten vollständig beibehält – errungen durch Regierungsbeteiligung nach fairen Wahlen.

 

Info

 

Enrico Berlinguer –
La Grande Ambizione

 

Regie: Andrea Segre,

123 Min., Italien/ Belgien/ Bulgarien 2024;

mit: Elio Germano, Roberto Citran, Paolo Pierobon

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der führende Vordenker des Eurokommunismus war Enrico Berlinguer, von 1972 bis 1984 Generalsekretär der „Partito Comunista Italiano“ (PCI). Er setzte eine Linie fort, die bereits seine Amtsvorgänger Palmiro Togliatti und Luigi Longo eingeschlagen hatten: weitgehende Distanzierung von der KPdSU in Moskau. So verurteilte der PCI die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts. Danach wurden Italiens Kommunisten wie ihre Genossen in Frankreich und Spanien vom Ostblock zunehmend misstrauisch beäugt.

 

Attentatsversuch in Bulgarien

 

Wie weit dieses Misstrauen geht, erfährt Berlinguer – im Film verkörpert durch Elio Germano – im Oktober 1973 bei einem Besuch in Bulgarien. Nachdem er vom sowjettreuen Staatschef Todor Schiwkow für seinen Kurs gerügt worden ist, entgegnet Berlinguer höflich: „Das ist Ihre Meinung. Und wir respektieren sie.“ Doch auf dem Weg zum Flughafen wird sein Wagen in einen schweren Autounfall verwickelt. Für den PCI-Chef ist klar: Das war ein Attentatsversuch.

Offizieller Filmtrailer


 

Historischer Kompromiss mit DC

 

Noch im Krankenbett arbeitet er seine politische Vision in drei wegweisenden Artikel für ein PCI-Wochenmagazin aus. Der Militärputsch in Chile gegen die linke Volksfront-Regierung von Salvador Allende im September 1973 – mit Archivbildern des Putsches fängt der Film an – hatte Berlinguer vor Augen geführt, wie wichtig es ist, Reformbestrebungen ein breites Fundament zu geben, um der Gefahr des Autoritarismus entgegenzuwirken.

 

Daher formuliert er in seinen Artikeln die Grundsätze eines „Compromesso storico“ („Historischer Kompromiss“): Er strebt eine pragmatische Zusammenarbeit mit den seit drei Jahrzehnten regierenden Christdemokraten (DC) an, um substantielle Reformen zugunsten der Arbeiterklasse auf den Weg zu bringen. Sein DC-Ansprechpartner dafür ist Aldo Moro (Roberto Citran), damals Außenminister und von Ende 1974 bis Mitte 1976 abermals Ministerpräsident.

 

Eineinhalb Millionen bei Beerdigung 1984

 

Berlinguer hat eine starke Verhandlungsposition: Anfang der 1970er Jahre wählt ein Viertel der Italiener kommunistisch, bei der Parlamentswahl 1976 ist es sogar ein Drittel – der PCI liegt nur fünf Prozent hinter der DC. Dem wechselhaften Geschehen folgt Regisseur Andrea Segre bis ins Jahr 1978, als Aldo Moro von den Terroristen der „Roten Brigaden“ entführt und ermordet wird – womit auch der „Historische Kompromiss“ am Ende ist, der sich konkret auf die Duldung einer DC-Minderheitsregierung von Ministerpräsident Gulio Andreotti (Paolo Pierobon) bezieht.

 

Zwar bleibt der PCI an den Wahlurnen zunächst erfolgreich, verliert jedoch nach Berlinguers frühem Tod – er stirbt 1984 mit nur 62 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls – an Einfluss. Bei der Beerdigung des charismatischen Parteichefs geben ihm eineinhalb Millionen Menschen das letzte Geleit; angesichts dieser Popularität erscheint ein Filmporträt über ihn fast überfällig. Bislang gab es über ihn nur eine Doku des Linkspolitikers Walter Veltroni von 2014, obwohl italienische Filmemacher ein Faible für Biopics über Spitzenpolitiker haben.

 

Archivmaterial lockert Spielszenen auf

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das Beste liegt noch vor uns"virtuoser Mehr-Ebenen-Film über die italienische Linke von Nanni Moretti

 

und hier eine Kritik des Films "La Grazia" – Polit-Parabel über das Staatsoberhaupt Italiens von Paolo Sorrentino

 

und hier eine Besprechung des Films "Loro – Die Verführten" – monumentales Biopic über Silvio Berlusconi von Paolo Sorrentino

 

und hier einen Bericht über den Film "What is left?" – amüsant-verzweifelte Doku über den Niedergang der Linken in Italien von Gustav Hofer + Luca Ragazzi

 

und hier einen Beitrag über den Film "Welcome Venice" – malerisches Gentrifizierungs-Drama über eine Fischer-Familie in Venedig von Andrea Segre.

 

Regisseur Segre hat vor allem Dokumentarfilme gedreht; auch seine Spielfilme wie „Welcome Venice“ (2021) wirken passagenweise dokumentarisch. Wie auch sein wohlwollendes Berlinguer-Biopic: Segre reichert es mit Archivmaterial an, das sich durch körnige Ästhetik und ein anderes Bildformat unterscheidet. Das lockert die Spielszenen auf, die durchweg in gedeckten Farben gehalten sind: eine fast ununterbrochene Folge von Gremiensitzungen, Hinterzimmer-Beratungen, Debatten mit Gewerkschaftern und Parteitagsreden.

 

Dabei lässt die Faktenfülle den Film bisweilen wie eine Lektion in Zeitgeschichte wirken. Offenkundig will Segre möglichst viele wichtige Ansprachen und Schriften von Berlinguer unterbringen – was erhellende Einblicke in sein politisches Denken gewährt, aber dem Erzählfluss kaum zuträglich ist.

 

Kommunist mit menschlichem Antlitz

 

Selbst sporadische Abstecher in sein Privatleben – der Parteichef lebt mit seiner Familie in einer gewöhnlichen Mittelklasse-Wohnung – sind geprägt von politischen Diskussionen mit seiner Frau und den heranwachsenden Kindern. Sie sind wenig angetan vom Konsensstreben ihres Vaters, wie auch weite Teile der italienischen Linken. Dieses Publikum möchte Regisseur Segre offenbar erreichen, indem er nahezu die komplette PCI-Führungsriege der 1970er Jahre auftreten lässt; beim Defilee der Partei-Granden verlieren Ausländer leicht den Überblick.

 

Anstatt von einem politischen Ereignis zum nächsten zu eilen, wäre dramaturgisch wohl befriedigender gewesen, zentrale Aspekte näher auszuleuchten. Diesem informativen, aber recht trockenen Porträt eines Ausnahmepolitikers verleiht allein Elio Germano in der Hauptrolle Lebensnähe: Sein bescheidenes und fast linkisches, aber zugleich von zugewandter Leidenschaft beseeltes Auftreten macht ihn zum Kommunisten mit menschlichem Antlitz.