
Die ersten werden die letzten sein: Antike und orientalische Hochkulturen werden seit mehr als 150 Jahren systematisch und kompetent erforscht – das Wissen über sie ist detailliert und gesichert. Anders sieht es bei den prähistorischen Kulturen der Jungsteinzeit und Bronzezeit aus: Da gelingt heutiger Archäologie, gestützt auf jüngste Forschungsmethoden, immer wieder spektakuläre Neu-Entdeckungen.
Info
Gebaute Gemeinschaft –
Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren
06.02.2026 - 19.07.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr
in der James-Simon-Galerie, Bodestraße, Berlin
Katalog 20 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
Region voller Steinzeit-Stätten
Bei einem Besuch des Göbekli Tepe 1994 bemerkte Schmidt dort Bruchstücke von ähnlichen T-Pfeilern. Bald eingeleitete Ausgrabungen waren der Anfang einer märchenhaften Erfolgsgeschichte. Es stellte sich heraus, dass die Pfeiler zu Gebäuden gehörten, die vor nahezu 12.000 Jahren angelegt worden waren – damit sind sie die ältesten bekannten Großbauten weltweit. Göbekli Tepe ist auch kein Einzelfall. In der ganzen Region rund um die Provinzhauptstadt Şanlıurfa oder schlicht Urfa wurden weitere bedeutende Steinzeit-Stätten erschlossen, etwa Karahantepe und Sayburç, insgesamt ein Dutzend.
Impressionen der Ausstellung
Runde Kabinette wie in Göbekli Tepe
Längst sind sie gern besuchte Touristen-Attraktionen geworden. Wer die weite Anreise scheut, dem bietet nun diese Ausstellung einen hervorragend komprimierten Überblick über die Erkenntnisse des Forschungsprojekts „Taş Tepeler“ („Stein-Hügel“) – dazu werden viele der Fundstücke erstmals außerhalb der Türkei gezeigt.
In einer sehr gelungenen Präsentation: Kreisrunde, mit Tuchbahnen abgetrennte Kabinette ahmen die Grundrisse der einzelnen Anlagen von Göbekli Tepe nach. Ohne die Exponate nach Fundorten zu sortieren; für den Besucher ist unerheblich, in welcher Ausgrabungsstätte sie geborgen wurden, denn sie stammen alle aus den gleichen Jungsteinzeit-Kulturstufen.
Kaum Tageslicht in Felsen-Anlagen
Diese rekonstruieren die Kuratoren in acht thematisch gegliederten Kapiteln, wobei sie auf Fachchinesisch völlig verzichten. Stattdessen erklären sie anschaulich, was man über die damalige Existenzform weiß, die ganz auf den Erhalt der lebensnotwendigen Gemeinschaft ausgerichtet war – und räumen offen ein, was man alles nicht weiß, weil spärliche Befunde keine oder nur spekulative Ableitungen erlauben. Obwohl manche Argumentation sehr plausibel wirkt.
Etwa die Charakterisierung der runden bis fast quadratischen Anlagen von Göbekli Tepe als Sondergebäude für rituelle Zwecke. Sie wurden mühselig in den Felsboden geschlagen; kleine Öffnungen seitlich oder oben ließen nur wenig Tageslicht herein. Zwei mächtige, freistehende T-Pfeiler trugen das Dach; auf sie hin sind kleinere Pfeiler im Rund ausgerichtet. Alle wurden mit sehr präzise ausgearbeiteten Kalkstein-Reliefs geschmückt, die teils menschliche Fragmente, teils Tiere darstellen.
Mit Ton übermodellierte Schädel
Es liegt nahe, solche Konstruktionen als Kult-Orte zu interpretieren, die von der profan-irdischen Welt aufwändig abgesondert wurden. Hier konnten sich Mitglieder einer Gemeinschaft oder Initiierten-Gruppe versammeln und bei Fackelschein mit Riten wie schamanischem Masken-Spiel oder Tanz ihre Ahnen oder übernatürliche Wesen verehren. Für Tänze und Masken-Träger als Mischwesen gibt es steinerne Beweise; alles andere beruht eher auf Rückschlüssen vom Kenntnisstand über Ethnien, die immer noch archaisch leben.
Ähnlich bei Bestattungsriten: Es lässt sich belegen, dass damalige Toten nicht nur einmal beerdigt wurden. Man exhumierte sie nach einer Weile, reinigte ihre Knochen und Schädel, um sie danach separat beizusetzen. Manche Schädel wurden auch koloriert oder mit Ton übermodelliert – eine heutzutage bizarr erscheinende Sitte, die aber in historischer Zeit nicht nur im präkolumbischen Amerika praktiziert wurde, sondern auch bis vor kurzem in Ozeanien.
Statuen ergreifen erigierte Glieder
Ebenso teils befremdlich, teils vertraut erscheint die Auffassung der Geschlechter. Anfangs wurden vor allem Männer dargestellt, oft aufs Wesentliche reduziert: Kopf und Geschlechtsteil. Dabei kommt häufig ein Schema vor, das etwa mannshohe Statuen aufweisen, die 1993 in Urfa und 2023 in Karahantepe gefunden wurden. Ihre Köpfe haben zwei Augenhöhlen, in die Obsidiane eingelassen sind, und betonte Nasen, doch Münder fehlen. Die Oberkörper zieren V-förmige Kragen oder Ketten. Die Hände scheinen die Scham zu bedecken – doch beim genauen Hinsehen bemerkt man, dass sie erigierte Glieder umfassen.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Leben am Toten Meer – Schätze aus dem Heiligen Land" – eindrucksvolle Themen-Schau mit bis zu 8000 Jahre alten Exponaten im smac | Staatliches Museum für Archäologie, Chemnitz
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" – faszinierende Überblicks-Schau über prähistorische Kunst im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Artikel über die Ausstellung "Uruk: 5000 Jahre Megacity" über eine der ältesten Kulturen im Zweistromland in Berlin + Herne
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf" über die Restaurierung 3000 Jahre alter Monumente aus Syrien im Pergamonmuseum, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte" über die früheste bekannte Firmament-Darstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle (Saale).
Neolithische Revolution umgekehrt?
Später kommen indes Frauenfiguren auf, oder eher: Figurinen. Sie sind aus Ton oder Stein gefertigt, passen in eine Hand und zeigen füllige Körper mit großen Brüsten und breitem Gesäß – offenbar Anspielungen auf lebensspendende Fruchtbarkeit. Das deuten die Kuratoren als Indiz für den Übergang von Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zu Ackerbau und Viehzucht: Aggression und Waffengebrauch, wiewohl nicht obsolet, hätten allmählich an Bedeutung verloren.
Wie genau und rasch dieser Übergang, auch „Neolithische Revolution“ genannt, vonstatten ging, wird bis heute intensiv diskutiert. Göbekli Tepe trug zu dieser Debatte nach Ansicht von Klaus Schmidt neue Aspekte bei: Die geläufige Vorstellung, dass Menschen erst sesshaft wurden, dann stets größere Siedlungen bildeten und schließlich Kult-Orte wie Tempel errichteten, werde auf den Kopf gestellt. In Göbekli Tepe hätten etliche Menschen monumentale Ritual-Gebäude geschaffen, ohne dort zu siedeln, so Schmidt: Also habe es schon organisierte Großgruppen gegeben, die noch als Jäger und Sammler lebten.
Wohnbauten neben Kult-Orten
Inzwischen wurden jedoch in Göbekli Tepe auch Reste von Wohnbauten mit den dafür typischen Merkmalen freigelegt: Umbauten, Kochstellen und Abfallgruben. Offenbar lebten die Erbauer der Ritual-Gebäude doch nicht so nomadisch wie anfangs angenommen. Außerdem vollzog sich der Wechsel zu Ackerbau und Viehzucht nicht schlagartig, sondern im Lauf der Zeit an verschiedenen Orten mit unterschiedlichem Tempo. Wegen der Entdeckungen in der Taş-Tepeler-Region muss also nicht die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden – die eigenwilligen und ältesten Monumentalbauten der Erde sind faszinierend genug.
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