Dresden

Herkules – Held und Antiheld

Lucas Cranach d. J.: "Der erwachte Herkules vertreibt die Pygmäen" (historischer Titel), 1551. © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Foto: Elke Estel/ Hans-Peter Klut
Karriere eines Kraftprotzes: Seit der Antike war der Halbgott Herkules trotz seiner vielen Schwächen und Fehler eine der beliebtesten mythologischen Gestalten – Herrscher verglichen sich gern mit ihm. Im Zwinger wird sein Bild in der Kunstgeschichte anschaulich nachgezeichnet, aber ohne Stilkunde.

Herkules pinkelt. Herkules spannt den Bogen. Herkules packt den Erymanthischen Eber am Schwanz. Und Herkules macht mal Pause, stützt sich ermattet auf seine Keule und steht einfach nur da. Immer aber lässt er seine enormen Muskelpakete sehen: selbst im Entspannungsmodus durchtrainiert wie kein zweiter Held der Antike. Dass sein athletischer Körper großen Schauwert hat, trug zweifellos zu seiner Beliebtheit in den bildenden Künste bei.

 

Info

 

Herkules – Held und Antiheld

 

22.11.2025 - 28.06.2026

 

täglich 10 bis 17 Uhr

im Zwinger, Gemäldegalerie Alte Meister, Theaterplatz 1, Dresden

 

Katalog 30 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Vor allem aber sahen Herrscher in ihm ein perfektes Rollenmodell, um ihre eigene Macht und Tatkraft mythologisch zu überhöhen. Wenn die Dresdener Kunstsammlungen den bekannten Keulenschwinger in einer Themenschau würdigen, machen sie damit aber vor allem eins: Sie lassen die eigenen Muskeln spielen. Das Gros der 134 Objekte stammt aus eigenen Beständen. Nur um die Beziehungen des Heros zum weiblichen Geschlecht zu veranschaulichen, mussten Leihgaben aus dem Prado, dem Vatikan und der Alten Pinakothek her.

 

Ähnlich wie Dionysos-Schau

 

Die Präsentation im Winckelmann-Forum des Zwingers gibt sich klassisch mit antikisierenden Wandpfeilern. Man bekommt eine unterhaltsam aufbereitete Nachhilfestunde in antiker Mythologie geboten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da wäre mehr drin gewesen: Stilistische und kunsthistorische Fragen bleiben außen vor. Wie sich das Bild von Herkules im Lauf der Zeit wandelte, muss man sich selbst zusammenreimen, wie schon 2014 in der ähnlich gestrickten Ausstellung über den Weingott Dionysos.

Feature zur Ausstellung. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden


 

Hang zu brachialen Lösungen

 

Zudem sparen die Kuratoren den Weg von Herkules in die Moderne leider weitgehend aus. Nur ein paar Videoschnipsel reißen seine Karriere als Filmstar in Hollywood an. Trotzdem bleibt nicht aus, dass sich beim Rundgang Assoziationen zu heutigen politischen Akteuren und unbeherrschten Machtmenschen einstellen. Schließlich hatte der gewaltbereite Muskelprotz einen Hang zu brachialen Lösungen. Mord? Vergewaltigung? Diebstahl? Alkoholmissbrauch? Kommt alles vor in seiner Vita. Aber er gilt auch als Rebell und Kämpfer gegen das Schlechte.

 

Sprichwörtlich geworden ist der versaute Augiasstall, den er ausmisten musste. Die übelriechende Szene wurde allerdings selten dargestellt, erfährt man. Sie war aber eine von zwölf Heldentaten, die Herkules erledigen musste. Tatsächlich war der Halbgott trotz seiner enormen Körperkraft oftmals hienieden ein Versklavter und Gegängelter, der ständig schuften musste. Das machte ihn letztlich berühmt, wenn auch selten glücklich.

 

Löwenfell als Markenzeichen

 

Mit den „Herkulesaufgaben“ setzt die Schau ein: Lektion Nummer eins. Für zwölf Taten stehen zwölf Objekte aus 2000 Jahren, vom silbernen Prunkschild übers antike Relief bis zur Porzellanfigur. Die eingängigen Erläuterungen berichten im lockeren Erzählstil von Herkules‘ Mühen. Der Lernäischen Hydra die multiplen Köpfe abschlagen, die Stymphalischen Vögel erschießen, der Amazonenkönigin ihren Waffengürtel abluchsen: Herkules schaffte alles, mal mit roher Gewalt, mal mit intelligenter List.

 

Sogar in die Unterwelt schickte König Eurystheus ihn hinab, um den Höllenhund Kerberos heraufzuholen. Die ausgestellte, dreiköpfige Bestie wirkt allerdings zahm wie ein Dackel. Zuvor hatte Herkules als allererstes den Nemeischen Löwen überwältigt. Seither trug er sein unverwechselbares Markenzeichen: das Raubtierfell als improvisierte Rüstung und einziges Kleidungsstück.

 

Milchstraße nach schmerzhaftem Säugen

 

Aber warum eigentlich musste er all diese Aufgaben verrichten? Weil er seine eigenen drei Kinder ermordet hatte; ein Verbrechen im Wahn. Schuld und Sühne ziehen sich durch seine Biografie. Hier kommen die Frauen ins Spiel: Herakles bedeutet wörtlich „Ruhm der Hera“. Denn die eifersüchtige Hera war lebenslange Widersacherin und Triebfeder seiner Qualen.

 

Als uneheliches Kind wurde Herkules bei einem Seitensprung ihres Gatten Zeus gezeugt. Schon früh fiel der Kleine als schwer erziehbar, jähzornig und hyperaktiv auf. Eine antike Silberschale in galvanoplastischer Nachbildung zeigt den keck lachenden Knirps, wie er zwei Giftschlangen erwürgt – Hera hatte sie ihm in die Wiege geschickt. Beim Stillen saugte er derart heftig, dass sie vor Schmerz erschrak und ihr Milchstrahl ans Firmament spritzte: So entstand die Milchstraße, wie Rubens mit lockerem Pinsel veranschaulicht.

 

In Frauenkleidern Flachs spinnen

 

Dass Herkules auch später wenig Glück mit Frauen hatte, lag nicht nur an seiner unersättlichen Libido und seinem Hang zur Gewalt. Auch Hera funkte immer wieder dazwischen, wenn es mal gut lief. Mehrmals war er verheiratet, hatte zahllose Liebschaften und schwängerte ausgerechnet eine jungfräuliche Priesterin.

 

Später gab er als Sklave der Königstochter Omphale klein bei, musste bei ihr brav Flachs spinnen und sogar Frauenkleider tragen. Die Travestie schildern schon antike Skulpturen genüsslich, mit Muskeln unterm zart fließenden Gewand. Ob das in den Augen der Zeitgenossen peinlich für den hypermaskulinen Helden war?

 

August der Starke kauft sanften Helden

 

Der Dresdener Barock-Bildhauer Balthasar Permoser gewann der Rollentausch-Story um 1700 romantischere Züge ab: Sein sanftmütiger Herkules macht der Omphale schöne Augen, während er die Spindel dreht und Amor neckisch mit der Keule spielt. Diese virtuose Elfenbein-Schnitzgruppe wurde von August dem Starken erworben – mit einem Hauch von Selbstironie? Der sächsische Kurfürst und König Polens verglich sich ja, wie schon seine Vorgänger, gern mit Herkules. Seine legendäre Körperkraft („der Starke“) legte das nahe.

 

Der Renaissance-Maler Lucas Cranach d. J. ließ bereits 1551 für Kurfürst Moritz die Feinde des Herkules zu Zwergen schrumpfen: Auf zwei Gemälden für das Dresdener Residenzschloss rennen schwer bewaffnete „Pygmäen“ mit Hacke, Säge und Pickel gegen den schlafenden Heros an. Und machen sich natürlich nur lächerlich mit ihrem Aufbegehren.

 

Acht Meter hohe Kolossalfigur in Kassel

 

Ein ganzer Themenraum ist den machtpolitischen Implikationen gewidmet. Ob barockes Festkostüm, vergoldeter Prunkharnisch oder immer wieder Münzen: Stark wie Herkules wollte jeder Herrscher erscheinen. Schon Alexander der Große kombinierte sein Münzbildnis mit dem rückwärtigen Abbild des Keulenschwingers. Als wehrhafter Tugendheld machte Herkules so europaweit Karriere.

 

Seinen allergrößten Auftritt hat er mit über acht Metern Höhe in Kassel. Seit 1717 steht die Kolossalfigur – eine Nachbildung des antiken „Herkules Farnese“, der heute im Archäologischen Museum von Neapel zu sehen ist – auf einem ungeschlachten Oktogon, das einen Höhenzug des Bergparks Wilhelmshöhe krönt. Lässig stützt dieser Herkules sich auf seine Keule. Oder ist er einfach müde, von all den Siegen?

 

Mit Stuhlbein Musiklehrer erschlagen

 

In der Dresdener Schau ist er als 50 Zentimeter kleine Bronzestatuette vertreten. Beide Fassungen gehen, wie zahlreiche andere Doppelgänger, auf eine Entdeckung in Rom zurück. Dort wurde bei einer Ausgrabung in den Caracalla-Thermen 1546 dieser bärtige Herkules in Ruhepose aus Marmor gefunden, der durch seine beinahe übertriebene Muskulosität auffiel. Er wurde im Palazzo Farnese ausgestellt; Druckgraphiken machten ihn europaweit berühmt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Dionysos – Rausch und Ekstase"sinnesfrohe Götter-Motive der Kunstgeschichte in Hamburg + Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Göttinnen und Gattinnen – Frauen im antiken Mythos" im Alten Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Die entfesselte Antike" über Aby Warburg + die Geburt der Pathosformel im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Winckelmann – Moderne Antike" zum 300. Geburtstag des Begründers von Kunstgeschichte und Klassizismus im Neuen Museum, Weimar.

 

Die negativen Charakterzüge des Herkules wurden natürlich ausgeblendet, wenn sich Herrscher auf ihn bezogen. Die Kuratoren tragen sie umso detaillierter nach. Die mythologische Überlieferung, die schriftlich seit dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. ausgesponnen wurde, ist reich an üblen Geschichten. Auf einer rotfigurigen griechischen Vasenmalerei sieht man, wie der Halbstarke wutentbrannt mit einem Stuhlbein ausholt, um seinen Musiklehrer zu erschlagen. Der hatte wohl sein Leierspiel kritisiert.

 

Rubens lässt Trunkenbold wanken

 

Ein Marmorrelief aus der Zeit um Christi Geburt zeigt den Löwenfellträger als Dieb in flagranti, wie er mit dem heiligen Dreifuß aus dem Orakel von Delphi davoneilt. Die Priesterin hatte den Rat suchenden Herkules, den Depressionen plagten, abgewiesen. So eckte er immer wieder an. Edle Einfalt, stille Größe: Die geläufige Formel des Kunstgeschichte-Begründers Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) für antike Schönheit gilt für Herkules wohl kaum.

 

Das prächtigste Bild des strauchelnden Heros gibt Peter Paul Rubens, der barocke Meistererzähler mit emotionalem Tiefgang. Sein Riesengemälde ist das Prunkstück der gesamten Ausstellung: In glühend warmen Farben lässt der Maler den Volltrunkenen auf schweren Beinen mit glasigem Blick heranwanken, gestützt auf eine Nymphe und einen Satyr.

 

Identifikationsfigur für Künstler

 

Herkules kann sich kaum mehr auf den Beinen halten – ein Bild des Kontrollverlusts, nicht des Heldentums. Das Gemälde hing in Rubens‘ eigenem Haus. Vielleicht sah er wie viele Künstler in diesem Halbgott auch eine Identifkationsfigur: immer am Rande des Scheiterns, aber mit gewaltigen Kräften.