Pedro Pinho

I Only Rest in the Storm

Sérgio (Sérgio Coragem, re) beobachtet Landarbeiter beim Dammbau. Foto: Grandfilm
(Kinostart: 28.5.) Exotik-Hopping in Guinea-Bissau: Ein Entwicklungshelfer, der ein Straßenbau-Gutachten erstellen soll, macht banale bis bizarre Erfahrungen. Seinen willkürlichen Episoden-Reigen walzt Regisseur Pedro Pinho auf 3,5 Stunden aus – als identitätspolitisch korrekten Kreuzfahrt-Tourismus.

Guinea-Bissau im äußersten Westen Afrikas ist eines der kleinsten Länder des Kontinents und einer der ärmsten Staaten der Welt. Auf einer Fläche so groß wie Baden-Württemberg leben rund zwei Millionen Einwohner, davon ein Viertel in der Hauptstadt Bissau. Dennoch macht sie – abgesehen von einem riesigen Freiluft-Markt – einen verschlafenen Eindruck. Das auffallendste Gebäude ist ein ausgedehntes, aber ziemlich leeres Stadion mitten in der Stadt.

 

Info

 

I Only Rest in the Storm

 

Regie: Pedro Pinho,

211 Min., Brasilien/Frankreich/Portugal/Rumänien 2025;

mit: Sérgio Coragem, Cleo Diára, Jonathan Guilherme 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Ökonomisch hat Guinea-Bissau nicht viel zu bieten; die Bevölkerung ist auf Landwirtschaft zur Selbstversorgung angewiesen. Industrie gibt es praktisch keine; außer Lebensmitteln muss alles importiert werden, vor allem aus der ehemaligen Kolonialmacht Portugal. Von dort kommen auch die meisten qualifizierten Arbeitskräfte, von Bau-Facharbeitern bis zu Regierungsberatern. Das wichtigste Export-Produkt sind Cashew-Nüsse.

 

Boom-Branche Kokainschmuggel

 

Der einzige florierende Sektor ist Drogenschmuggel: Die zerklüftete Küste voller Buchten und Inseln wird von der lateinamerikanischen Kokain-Mafia als Umschlagplatz auf dem Handelsweg nach Europa genutzt. Doch davon profitieren nur ein paar korrupte Militärs und Beamte. Guinea-Bissaus extreme Rückständigkeit ist ein Erbe der Kolonialzeit: Portugal investierte nicht in das Territorium. Nach der Unabhängigkeit 1973 lehnte sich der Kleinstaat an die Sowjetunion und China an.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

16 Filme in 46 Jahren

 

Ab den 1980er Jahren erlebte Guinea-Bissau eine Serie von Militärputschen und Bürgerkriegen; der jüngste Putsch fand im November 2025 statt. An der Unterentwicklung änderten die rasch wechselnden Machthaber nichts. Wegen der Instabilität ist auch das kulturelle Leben bescheiden: In den 46 Jahren seit 1980 wurden im Land nur 16 Spiel- und Dokumentarfilme gedreht, meist von portugiesischen Regisseuren.

 

Zu ihnen zählt nun auch Pedro Pinho. Er schickt den Entwicklungshelfer Sérgio (Sérgio Coragem) nach Guinea-Bissau, um dort ein Akzeptanz-Gutachten für ein Fernstraßen-Projekt zu erstellen. Schon seine Einreise auf dem Landweg gestaltet sich bizarr: Er fährt durch die Sandwüste im Senegal zu einem Ein-Mann-Grenzposten, schenkt ihm ein Buch zum Zeitvertreib, bleibt mit seinem Wagen im Nirgendwo liegen, wird von einem Trucker mitgenommen und von einer Dame im Zelt mit Tee bewirtet. Sahel-Klischees als surrealer Erlebnis-Reigen.

 

Holterdipolter durch den Alltag

 

Schnitt: Sérgio richtet sich in Bissau in einem Mittelklasse-Hotel ein und wird von NGO-Kollegen auf Höchstleistung eingeschworen. Auf dem Markt drückt ihm die schöne Power-Frau Diára (Cléo Diára) ihre Einkaufstüten in die Hand, bevor sie abhaut; unversehens landet er abends bei ihrer queeren Clique und einer wilden Party, wo er mit dem schlaksigen, nonbinären Brasilianer Gui (Jonathan Guilherme) knutscht.

 

Holterdipolter geht es weiter: Mal taucht Sérgio auf einem Fest der Oberschicht auf, dann beobachtet er Dörfler, die einen Damm zum Schutz ihrer Reisfelder anlegen. Er begleitet unbedarfte Europäerinnen, die sich von ihnen gespendete Latrinen zeigen lassen. Er schlägt sich auf einer Großbaustelle mit vierschrötigen Kontraktarbeitern herum, die ihren Frust in Alkohol beim Bordell-Besuch ertränken – wo er bei der Prostituierten, die sie ihm spendieren, keinen hoch bekommt. Was eben so bei einem Dritte-Welt-Job alles passieren kann.

 

Afrikanisch geduldiges Tempo

 

Regisseur Pedro Pinho hält es nicht für nötig, die einzelnen Szenen zu motivieren, zu erklären oder anderweitig miteinander zu verknüpfen. Das Einzige, was sie verbindet, ist ihr zähes, geradezu afrikanisch geduldiges Tempo, was eine epische Länge von dreieinhalb Stunden Laufzeit ergibt. Da darf eine Sex-Szene, bei der sich Sérgio beim bisexuellen Dreier mit Diára und ihrem Lover vergnügt, schon einmal ganze fünf Minuten dauern.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Gavagai" – komplexe Postkolonialismus-Kritik als Film-im-Film von Ulrich Köhler mit Maren Eggert

 

und hier eine Besprechung des Films "Das Wetter in geschlossenen Räumen" – sarkastische Kammerspiel-Satire über Entwicklungshelfer-Exzesse von Isabelle Stever mit Maria Furtwängler

 

und hier einen Beitrag über den Film "Ich Capitano" – episches Stationen-Drama über die Flucht zweier Senegalesen nach Europa von Matteo Garrone.

 

Oder Sérgio wird völlig unvermittelt von Einheimischen in hitzige Wortgefechte über postkoloniale Schuld und weiße Arroganz verwickelt. Wie sie argumentieren, ist wegen wummernder Disco-Beats und allgemeiner Aufregung allerdings oft kaum zu verstehen. Das versteht der Regisseur offenbar unter seinem Anliegen, „die Auseinandersetzung mit der Diskursivität von Narrativen weiter zu radikalisieren.“

 

Stationen-Hopping zu Schießbudenfiguren

 

Wobei „Wortgefechte“ die falsche Bezeichnung ist: Meist reden seine Gegenüber lautstark auf Sérgio ein, und er antwortet – nichts oder völlig Banales. Neben der Überlänge ist Sérgio Coragem das größte Problem dieses Films: Einen derart ausdruckslos schweigenden und gaffenden Hauptdarsteller wie ihn findet man selten. Erst gegen Ende, wenn er plötzlich das lokale Kreol beherrscht und die Landbevölkerung interviewt, taut er etwas auf – und wird prompt schwerkrank.

 

Mit all diesen Episoden, die der Regisseur willkürlich aneinanderreiht, bringt er genau das zustande, was er eigentlich geißeln will: ein nach Abwechslung gierendes und latent sensationslüsteres Stationen-Hopping, das Akteure nur als Pappkameraden begreift, die ihr Sprüchlein aufsagen sollen – und dann rasch weiter zur nächsten Schießbudenfigur. So wird dieser Film zum Spiegelbild der Mentalität von Kreuzfahrtschiff-Touristen, die auf leicht konsumierbare Exotik erpicht sind – nur in einer identitätspolitisch korrekten Variante.